Sonntag, 26. Oktober 2025

Annika Büsing, Wir kommen zurecht

Annika Büsing, Wir kommen zurecht, Steidl Verlag

Der dritte Roman von Annika Büsing holt mich, dies kann gerne vorangestellt werden, sowohl sprachlich als auch vom dramaturgischen Aufbau her genauso ab wie die beiden vorangegangenen Werke. Dennoch war ich diesmal vom flachen Ende ein wenig enttäuscht, das jedoch, wenn man es genau nimmt, durchaus zum Titel bzw. Thema des Buches passt.

Diesmal geht es um eine gut situierte, aber innerlich aufgeriebene Familie, deren Mitglieder irgendwie verbunden sind, aber nicht mehr wirklich zusammenhängen geschweige denn zusammenfinden. Protagonist ist dabei der bald 18-jährige Philipp, dessen Lebensweg für die Dauer von etwa einem Schuljahr begleitet wird, natürlich mit Rückblenden in die Kindheit, um bestimmte Entwicklungen besser darstellen oder begreifen zu können. Ob man den Roman damit schon unter „coming of age“ einordnen kann oder ob es schlicht eine zeitlich begrenzte Bestandsaufnahme einer höchst bürgerlichen Problemfamilie ist, kann dahingestellt bleiben. Denn die Entwicklung von Philipp in das Erwachsenendasein ist exemplarisch und gleichzeitig traurig, da er so sehr auf sich allein gestellt ist. Er musste sich über die Kinder- und Jugendjahre antrainieren, das Chaos seiner Eltern mit karrierebewusstem Vater und psychisch kranker Mutter zu erdulden und zu überleben. Es galt, nicht aufzufallen, keine zusätzlichen Probleme zu machen und zugleich die Probleme der Familie nicht nach außen zu tragen. Nun ist er fast achtzehn und steht kurz vor dem Abschluss der Schule. Sein Vater, der inzwischen erfolgreicher Chefarzt ist, präsentiert ihm nicht nur eine neue Freundin, sondern die beiden spielen sogar mit dem Gedanken eines weiteren Kindes, allerdings auf eine Weise, die für Philipp zugleich amüsant und verstörend ist. Seine leibliche Mutter, die seit seinen Kindheitstagen nicht mehr bei ihnen wohnt, taucht immer einmal wieder aus dem Nichts auf, mal als Katastrophenmeldung, mal als spontaner Besuch mit unabgesprochenen Ideen, die Philipp durchaus in Schwierigkeiten gebracht haben.

Immerhin hat Philipp einen besten Freund, Lorenz, mit dem er seine Sorgen teilen und pubertätsgerechten Unfug treiben kann, natürlich alles auf gesittetem, gedämpftem Niveau. Philipp ist ja kein Revoluzzer. In Beziehungssachen ist Philipp allerdings auch unstet, sodass auch dies keinen Stabilitätsanker für ihn darstellen kann, er aber auch nicht aus sich herausgeht, um das Mädchen, nach dem er sich sehnt, für sich zu gewinnen zu versuchen. Er nimmt Entwicklungen einfach hin wie alles in seinem Leben.

Obwohl er im Rahmen der Prüfungen für das Abitur eigentlich Zeit, Ruhe und Unterstützung bräuchte, überschlagen sich die Ereignisse. Sein Vater und die neue Freundin kommen auf einmal nicht mehr gut miteinander zurecht, die Mutter wurde hilflos von der Polizei gefunden, der ehemalige Freund der Mutter, Onno, taucht mit einem Hund auf, der Philipp als kleiner Junge von der Mutter geschenkt wurde und der ihm nach einem Tag wieder weggenommen wurde, und für Philipp stellen sich auf einmal große Fragen, die er allein mit sich ausmachen muss, weil seine Eltern als Leitfiguren ausfallen. Die von ihm dann vollzogene Flucht aus dem Elternhaus, die eigenwilligen Unternehmungen mit Onno und Lorenz und manch andere Entscheidung sind gut nachzuvollziehen und passen dennoch in ihrer Ausführung gut zu Philipps Charakter: irgendwie bleibt doch alles im gemäßigten Rahmen.

Das relativ offene Ende ist dann – für meinen Geschmack – ein bisschen zu ungefähr. Man weiß nicht so recht, wie es mit Philipp und seiner Familie weitergehen soll, wie mit seinen Freunden, seinen Plänen, seiner Zukunft. Wäre der Roman auf ein Sequel angelegt, würde man es akzeptieren und wäre gespannt auf den Folgeband. Aber für einen singulären Roman ist man zum Schluss ein wenig ratlos und im Ungewissen. Vielleicht wie Philipp.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 15.02.2025
  • Seitenanzahl: 288
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-96999-454-2

Link zum Buch:

https://steidl.de/Buecher/Wir-kommen-zurecht-2530505458.html