Mick Herron, London Rules, Diogenes Verlag
Jackson Lamb und
sein Team der Slow Horses existiert immer noch, wieder leicht dezimiert, aber
immerhin – eigentlich ein Wunder, nach dem was in den vergangenen vier Episoden
alles schief gegangen war. Jedes Mal meint ein hochrangiges Mitglied des Secret
Service, nun endlich einen Weg gefunden zu haben, Lamb aus dem Dienst zu
entfernen, doch sein Hintergrundwissen über alles und jeden sowie glückliche
Umstände sorgen jedes Mal dafür, dass Slough House weiter vor sich hindilettieren
darf.
Diesmal
erschüttert ein brutaler Überfall auf ein englisches Dorf im Nirgendwo die
Gemüter und den Geheimdienst, denn man tappt völlig im Dunkeln, wer die Urheber
sein könnten und welche Beweggründe sie haben. Zugleich muss sich der Premierminister
Angriffen von rechtsaußen erwehren, indem seinen politischen Zöglingen
kriminelle Kontakte unterstellt werden – die sich am Ende sogar als wahr
erweisen, jedoch aus ganz überraschenden Motiven – und indem ein Mitglied der
Brexit-Partei diesen Umstand nutzen möchte, um sich als Nachfolger des
Premierministers ins Spiel zu bringen. Insgesamt also eine verworrene
Gemengelage und wer könnte da das Chaos noch besser vergrößern als die Slow
Horses?
Es beginnt schon
damit, dass sich die vermeintliche Freundin von Ho, der immer mehr in seine
ego-fixierte Parallelgedankenwelt abgleitet, als Honigfalle entpuppt, sodass
die Dogs auf Ho aufmerksam werden. Und der scheinbar psychisch gestörte Coe,
der noch im letzten Band einen gefesselten Gegner mit Schüssen regelrecht hingerichtet
hat, erkennt, dass die Terroristen nach einem Dossier vorgehen, das der
Geheimdienst selbst zur Destabilisierung unterentwickelter Staaten vor Jahren
entworfen hatte. Ausgerechnet Ho scheint dieses Dokument über seine
vermeintliche Freundin an die Terroristen weitergegeben zu haben. Ho soll nun
offenbar seitens der Terroristen beseitigt werden, was von deren Seite aus grandios
scheitert – auch unter mehr oder weniger hilfreicher Mitwirkung der Slow Horses.
Dann soll ein
Attentat auf den ultrarechten Herausforderer des Premierministers bei einem
öffentlichen Auftritt verhindert werden, was ebenfalls auf ganz eigene Weise grandios
scheitert. Und das Handungs- und Kommunikationsgezerre zwischen Slough House,
dem Regent’s Park, den Dogs und der Politik tut sein Übriges, um alles enorm zu
verkomplizieren. Mit Bündnisbildung, Seitenwechseln, kurzzeitiger Geiselnahme,
erschreckenden Selbsterkenntnissen, etlichen Verletzungen und Kollateralschäden
und natürlich dem vorhersehbaren Ende so mancher Geheimdienstkarriere.
Dass Lamb, wie
er so oft betont, eigentlich nur seine Ruhe haben will, wirkt angesichts der
operativen Vielfältigkeit der Tätigkeiten seines Teams und seiner selbst in
diesem Band fast schon ironisch und passt deshalb umso besser zu seinem
diabolischen Charakter.
Das Ende des
Romans lässt eine Fortsetzung durchaus möglich erscheinen, immerhin wurde das
Team diesmal nicht letal dezimiert und Diana Taverner als große Antagonistin
ist weiterhin mit von der Partie.
Im Gegensatz zum
letzten Band, der die Entwicklung der Charaktere ein wenig vorangebracht hat,
dominieren hier wieder Sprach- und Wortwitz, messerscharfe Dialoge und der
zynische Humor von Lamb, der mit größtmöglicher political incorrectness durch
die Welt und sein Büro trampelt. Wenn man bei einem Kriminalroman so oft und so
laut lachen kann, ohne dass die Geschichte darunter leidet, dann zeugt das von
großer Erzählkunst, die nicht einmal in der Übersetzung Abstriche machen muss.
Es wird allerdings
angesichts der vielen Hinweise im Buch auf Handlungsstränge der Vorwerke immer
schwieriger, das Buch als standalone zu empfehlen: die Lektüre der ersten vier
Bände wäre sinnvoll, wenngleich nicht zwingend. Es ist ein echtes
Lektüreerlebnis, mit Spannung, Sprachwitz, Überraschungen und hohem Tempo.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 24.08.2022
- Seitenanzahl: 496
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-30093-2
Link zum Buch:
https://www.diogenes.ch/leser/titel/mick-herron/london-rules-9783257300932.html
