Sonntag, 4. September 2022

Mick Herron, London Rules

Mick Herron, London Rules, Diogenes Verlag

Jackson Lamb und sein Team der Slow Horses existiert immer noch, wieder leicht dezimiert, aber immerhin – eigentlich ein Wunder, nach dem was in den vergangenen vier Episoden alles schief gegangen war. Jedes Mal meint ein hochrangiges Mitglied des Secret Service, nun endlich einen Weg gefunden zu haben, Lamb aus dem Dienst zu entfernen, doch sein Hintergrundwissen über alles und jeden sowie glückliche Umstände sorgen jedes Mal dafür, dass Slough House weiter vor sich hindilettieren darf.

Diesmal erschüttert ein brutaler Überfall auf ein englisches Dorf im Nirgendwo die Gemüter und den Geheimdienst, denn man tappt völlig im Dunkeln, wer die Urheber sein könnten und welche Beweggründe sie haben. Zugleich muss sich der Premierminister Angriffen von rechtsaußen erwehren, indem seinen politischen Zöglingen kriminelle Kontakte unterstellt werden – die sich am Ende sogar als wahr erweisen, jedoch aus ganz überraschenden Motiven – und indem ein Mitglied der Brexit-Partei diesen Umstand nutzen möchte, um sich als Nachfolger des Premierministers ins Spiel zu bringen. Insgesamt also eine verworrene Gemengelage und wer könnte da das Chaos noch besser vergrößern als die Slow Horses?

Es beginnt schon damit, dass sich die vermeintliche Freundin von Ho, der immer mehr in seine ego-fixierte Parallelgedankenwelt abgleitet, als Honigfalle entpuppt, sodass die Dogs auf Ho aufmerksam werden. Und der scheinbar psychisch gestörte Coe, der noch im letzten Band einen gefesselten Gegner mit Schüssen regelrecht hingerichtet hat, erkennt, dass die Terroristen nach einem Dossier vorgehen, das der Geheimdienst selbst zur Destabilisierung unterentwickelter Staaten vor Jahren entworfen hatte. Ausgerechnet Ho scheint dieses Dokument über seine vermeintliche Freundin an die Terroristen weitergegeben zu haben. Ho soll nun offenbar seitens der Terroristen beseitigt werden, was von deren Seite aus grandios scheitert – auch unter mehr oder weniger hilfreicher Mitwirkung der Slow Horses.

Dann soll ein Attentat auf den ultrarechten Herausforderer des Premierministers bei einem öffentlichen Auftritt verhindert werden, was ebenfalls auf ganz eigene Weise grandios scheitert. Und das Handungs- und Kommunikationsgezerre zwischen Slough House, dem Regent’s Park, den Dogs und der Politik tut sein Übriges, um alles enorm zu verkomplizieren. Mit Bündnisbildung, Seitenwechseln, kurzzeitiger Geiselnahme, erschreckenden Selbsterkenntnissen, etlichen Verletzungen und Kollateralschäden und natürlich dem vorhersehbaren Ende so mancher Geheimdienstkarriere.

Dass Lamb, wie er so oft betont, eigentlich nur seine Ruhe haben will, wirkt angesichts der operativen Vielfältigkeit der Tätigkeiten seines Teams und seiner selbst in diesem Band fast schon ironisch und passt deshalb umso besser zu seinem diabolischen Charakter.

Das Ende des Romans lässt eine Fortsetzung durchaus möglich erscheinen, immerhin wurde das Team diesmal nicht letal dezimiert und Diana Taverner als große Antagonistin ist weiterhin mit von der Partie.

Im Gegensatz zum letzten Band, der die Entwicklung der Charaktere ein wenig vorangebracht hat, dominieren hier wieder Sprach- und Wortwitz, messerscharfe Dialoge und der zynische Humor von Lamb, der mit größtmöglicher political incorrectness durch die Welt und sein Büro trampelt. Wenn man bei einem Kriminalroman so oft und so laut lachen kann, ohne dass die Geschichte darunter leidet, dann zeugt das von großer Erzählkunst, die nicht einmal in der Übersetzung Abstriche machen muss.

Es wird allerdings angesichts der vielen Hinweise im Buch auf Handlungsstränge der Vorwerke immer schwieriger, das Buch als standalone zu empfehlen: die Lektüre der ersten vier Bände wäre sinnvoll, wenngleich nicht zwingend. Es ist ein echtes Lektüreerlebnis, mit Spannung, Sprachwitz, Überraschungen und hohem Tempo.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 24.08.2022
  • Seitenanzahl: 496
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-30093-2

Link zum Buch:

https://www.diogenes.ch/leser/titel/mick-herron/london-rules-9783257300932.html