Liz Moore, Der Gott des Waldes, C.H. Beck Verlag
Es ist immer ein wenig schwierig, sich
einem Roman unbefangen zu nähern, der von bejubelnden Kritiken begleitet wird:
Kann man es dann wagen, den Roman gegen diesen vielstimmigen Chor von
Claqueuren nicht zu mögen? Ich denke schon. Dabei muss natürlich konstatiert
werden, dass viele Elemente des Romans wirklich gut gemacht sind. Da wären die
verschiedenen zeitlichen Ebenen, sie ineinander verwoben werden. Da wäre die
Auflösung am Ende, die zwar keine mousetrap-story darstellt, aber die Leser
doch mit einem gewissen anerkennenden Erstaunen zurücklassen. Und da wäre der
präzise Blick für Details, mit dem die zahlreichen Figuren beschrieben werden
und so für ein variantenreiches Panoptikum an Charakteren sorgen. Andererseits
ist (mir) der Roman schlichtweg viel zu lang und es bewahrheitet sich einmal
wieder, dass es eine wahre Kunst ist, ein verdichtetes, pointiertes, kurzes
Werk zu verfassen. Wenn aber wie hier geschehen viele Haupt- und Nebenfiguren
neben-, mit- und durcheinander agieren, dies auch noch in verschiedenen
zeitlichen Phasen (die aber netterweise immer zu Beginn der Kapitel annonciert
werden), dann verliert man irgendwann ein wenig den Überblick. Hinzu kommt,
dass man sich bei einigen der Charaktere im Nachhinein durchaus fragt, warum
man im Mittelteil des Romans so viele Seiten, also Lesezeit mit ihnen
verbringen musste, wenn sie am Ende doch nur unbedeutende Farbtupfer gewesen
sind. Wie dem auch sei: Jedem, der sich mit Freude und Eifer an die Lektüre des
Romans gemacht hat und danach vom Leseerlebnis beglückt war, dem gönne ich das
von Herzen. Mich hat das Werk eher gelangweilt und lediglich das Erwarten des
vorab so gepriesenen Twists am Ende hat mich zum Fertiglesen veranlasst.
Inhaltlich werden die Leser in eine Zeit
zwischen 1961 und 1975 transportiert und zwar in ein Sommercamp auf dem Anwesen
der Bankiersfamilie van Laar. Man erfährt, wie die van Laars zu dem Grundstück
kamen, wann und warum das Sommercamp für Kinder und Jugendliche gegründet wurde
und welche Inhalte dort vermittelt werden und man bekommt natürlich Stück für
Stück Informationen über das Beziehungsgeflecht der Familie van Laar zu dem
Verwalter des Camps und dessen Tochter sowie zu diversen Gästen auf dem Anwesen
und regionalen Anwohnern. Das traurige Schicksal der van Laars liegt im Verlust
des Sohnes vor etlichen Jahren begründet, sodass das Verschwinden der Tochter aus
dem hauseigenen Sommercamp im August 1975 hektische Betriebsamkeit auslöst.
Verdächtigungen kommen schnell an die Oberfläche, Verknüpfungen werden
hergestellt, Protagonisten halten sich wahlweise bedeckt oder geraten ungewollt
in den Fokus der Ermittlungen. Nebenfiguren wie bspw. die hinzugezogenen
Polizisten, die teilweise auch schon 1961 bei der Suche nach dem Sohn
involviert waren, oder ein entlaufener Sträfling, dem man idealerweise alles
zutrauen kann, würzen die Geschichte ebenso wie sie zur gezielten Verwirrung
beitragen, um die spätere Auflösung in etlichen Schleifen vorzubereiten.
Bei der Länge des Romans kann sich die
Autorin natürlich nicht nur auf die Kriminalgeschichte beschränken, sondern
muss soziale und psychologische Metathemen mit in die Erzählung aufnehmen. Das
kann man gutheißen, kann es aber ebensogut aufgesetzt und künstlich, da
schlichtweg schablonenhaft empfinden. Als ob soziale Ungleichheit,
Wohlstandsverwahrlosung und Machtmissbrauch durch reiche Bürger noch einen
Aha-Effekt hervorrufen würden, gerade wenn es im Land der großen Ungleichheit,
sprich den USA stattfindet. Positiv zu verzeichnen ist andererseits die
Herausarbeitung starker Frauenfiguren, die sich clever den Erwartungen
entziehen, die an sie zu dieser Zeit gestellt werden und die man leicht
unterschätzen kann.
Was bleibt als Fazit? Der Roman ist
unterhaltsam, aber zu lang. Der Erzählfluss wird durch den häufigen
Perspektivwechsel ständig unterbrochen, sodass man im Kopf die Figuren nicht
sukzessive entwickeln kann. Man kann sich die Geschichte jedenfalls gut als
Film vorstellen.
Verlagsangaben zum Buch:
- Erscheinungstag: 10.12.2025
- Seitenanzahl: 590
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-406-82977-2
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