Sonntag, 11. Januar 2026

Liz Moore, Der Gott des Waldes

Liz Moore, Der Gott des Waldes, C.H. Beck Verlag

Es ist immer ein wenig schwierig, sich einem Roman unbefangen zu nähern, der von bejubelnden Kritiken begleitet wird: Kann man es dann wagen, den Roman gegen diesen vielstimmigen Chor von Claqueuren nicht zu mögen? Ich denke schon. Dabei muss natürlich konstatiert werden, dass viele Elemente des Romans wirklich gut gemacht sind. Da wären die verschiedenen zeitlichen Ebenen, sie ineinander verwoben werden. Da wäre die Auflösung am Ende, die zwar keine mousetrap-story darstellt, aber die Leser doch mit einem gewissen anerkennenden Erstaunen zurücklassen. Und da wäre der präzise Blick für Details, mit dem die zahlreichen Figuren beschrieben werden und so für ein variantenreiches Panoptikum an Charakteren sorgen. Andererseits ist (mir) der Roman schlichtweg viel zu lang und es bewahrheitet sich einmal wieder, dass es eine wahre Kunst ist, ein verdichtetes, pointiertes, kurzes Werk zu verfassen. Wenn aber wie hier geschehen viele Haupt- und Nebenfiguren neben-, mit- und durcheinander agieren, dies auch noch in verschiedenen zeitlichen Phasen (die aber netterweise immer zu Beginn der Kapitel annonciert werden), dann verliert man irgendwann ein wenig den Überblick. Hinzu kommt, dass man sich bei einigen der Charaktere im Nachhinein durchaus fragt, warum man im Mittelteil des Romans so viele Seiten, also Lesezeit mit ihnen verbringen musste, wenn sie am Ende doch nur unbedeutende Farbtupfer gewesen sind. Wie dem auch sei: Jedem, der sich mit Freude und Eifer an die Lektüre des Romans gemacht hat und danach vom Leseerlebnis beglückt war, dem gönne ich das von Herzen. Mich hat das Werk eher gelangweilt und lediglich das Erwarten des vorab so gepriesenen Twists am Ende hat mich zum Fertiglesen veranlasst.

Inhaltlich werden die Leser in eine Zeit zwischen 1961 und 1975 transportiert und zwar in ein Sommercamp auf dem Anwesen der Bankiersfamilie van Laar. Man erfährt, wie die van Laars zu dem Grundstück kamen, wann und warum das Sommercamp für Kinder und Jugendliche gegründet wurde und welche Inhalte dort vermittelt werden und man bekommt natürlich Stück für Stück Informationen über das Beziehungsgeflecht der Familie van Laar zu dem Verwalter des Camps und dessen Tochter sowie zu diversen Gästen auf dem Anwesen und regionalen Anwohnern. Das traurige Schicksal der van Laars liegt im Verlust des Sohnes vor etlichen Jahren begründet, sodass das Verschwinden der Tochter aus dem hauseigenen Sommercamp im August 1975 hektische Betriebsamkeit auslöst. Verdächtigungen kommen schnell an die Oberfläche, Verknüpfungen werden hergestellt, Protagonisten halten sich wahlweise bedeckt oder geraten ungewollt in den Fokus der Ermittlungen. Nebenfiguren wie bspw. die hinzugezogenen Polizisten, die teilweise auch schon 1961 bei der Suche nach dem Sohn involviert waren, oder ein entlaufener Sträfling, dem man idealerweise alles zutrauen kann, würzen die Geschichte ebenso wie sie zur gezielten Verwirrung beitragen, um die spätere Auflösung in etlichen Schleifen vorzubereiten.

Bei der Länge des Romans kann sich die Autorin natürlich nicht nur auf die Kriminalgeschichte beschränken, sondern muss soziale und psychologische Metathemen mit in die Erzählung aufnehmen. Das kann man gutheißen, kann es aber ebensogut aufgesetzt und künstlich, da schlichtweg schablonenhaft empfinden. Als ob soziale Ungleichheit, Wohlstandsverwahrlosung und Machtmissbrauch durch reiche Bürger noch einen Aha-Effekt hervorrufen würden, gerade wenn es im Land der großen Ungleichheit, sprich den USA stattfindet. Positiv zu verzeichnen ist andererseits die Herausarbeitung starker Frauenfiguren, die sich clever den Erwartungen entziehen, die an sie zu dieser Zeit gestellt werden und die man leicht unterschätzen kann.

Was bleibt als Fazit? Der Roman ist unterhaltsam, aber zu lang. Der Erzählfluss wird durch den häufigen Perspektivwechsel ständig unterbrochen, sodass man im Kopf die Figuren nicht sukzessive entwickeln kann. Man kann sich die Geschichte jedenfalls gut als Film vorstellen.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 10.12.2025
  • Seitenanzahl: 590
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-406-82977-2

Link zum Buch:

https://www.beck-shop.de/moore-gott-waldes/product/37899804