Benedict Wells, Hard Land, Diogenes Verlag
Wenn einige Zeit
ins Land gegangen ist, darf man stets gespannt sein, welchem Projekt sich ein
Romanautor als nächstes widmet. Wells ist unbestreitbar ein begnadeter
Erzähler, aber auf der Suche nach schriftstellerischer Vielfalt gilt es
natürlich, verschiedene Genres einmal zu streifen. Hier hat er sich einen
Coming of Age Roman vorgenommen, dies sogar mit einem besonderen Gimmick,
nämlich dem Buch im Buch, wenngleich in etwas untypischer Form. Denn Hard Land
ist nicht nur der Romantitel, sondern auch der Titel eines Gedichtbands, den
alle Schüler der örtlichen Highschool in Grady, Missouri, lesen und analysieren
müssen. Auch dieser handelt, jedenfalls an der Oberfläche, vom Erwachsenwerden
und ist so ziemlich das einzig Berühmte, das der kleine Ort noch zu bieten hat,
nachdem der einzige größere Industriebetrieb dichtgemacht hat und zahlreiche
Arbeiter in die Bedeutungslosigkeit verdammt worden sind. Zu letzteren gehört
auch Samuels Vater, ein stiller Kerl, zu dem Sam in seiner sich entwickelnden
Pubertät keinen rechten Zugang findet. Den Zugang hat er vielmehr zu seiner
Mutter, die vor Ort einen Buchladen leitet, jedoch an einer unheilbaren
Krankheit leitet. Dies belastet Sam sehr und zugleich muss er seiner eigenen
Entwicklung zu einem jungen Mann Tribut zollen, indem er Neues entdeckt,
Niederlagen einstecken muss, aber auch unerwartete Momente des Glücks erleben
darf. Das alles verpackt Wells in Sams Rückblick auf einen für ihn bedeutungsschweren,
gefühlsreichen und einzigartigen Sommer, in dem er Freunde findet, sich
verliebt, Erfahrungen mit Verlust, Trauer und Schmerz machen muss, aber ebenso
beginnt, zu sich selbst zu finden und seine eigenen Grenzen zu erkennen und zu
definieren.
Was Sam während
des Sommers mit seiner Familie erlebt ist dabei der eine Handlungsstrang, noch
mehr aber der Zugang zu seinen neuen Freunden Cameron, Hightower und natürlich
Kirstie, der Tochter des Kinobetreibers. Sam muss die emotionalen Untiefen
beider Welten in sich in Einklang bringen und den nahenden Tod der Mutter
irgendwie in sein Leben einordnen. Nach kleineren sprachlichen Rumplern zu
Beginn mündet der Roman in einen wunderbaren Erzählfluss, der die Leser
mitnimmt und teilweise emotional stark in Beschlag nimmt – sofern man es denn
zulässt, sich von den Ereignissen mitreißen zu lassen. An Wells jedenfalls
liegt es nicht, wenn man nicht an der einen oder anderen Stelle herzlich lachen
kann oder aber auch Trauer zusammen mit Sam zulassen muss. Sams Erwachsenwerden
wird einfühlsam, aber auch reflektiert in die Köpfe der Leser transportiert,
sodass man wahrlich bis zum sympathischen Schlusskapitel mit Sam leidet,
fiebert und auch still lächelt. Dies gilt nicht nur für die unvermeidbaren
Peinlichkeiten eines pubertierenden jungen Mannes, sondern viel mehr für seine
Erfolgserlebnisse.
Dass der
Schauplatz in den mittleren Westen der USA und in die 80er Jahre verlegt wurde,
schadet der Geschichte überhaupt nicht. Denn zum einen wird so die Hommage an
genretypische Filme deutlich, zum anderen können Konstellationen wie die von
Wells in Grady geschilderten Vorgänge und Erlebnisse schwerlich in eine
Kleinstadt ins Ruhrgebiet transportiert werden. Es braucht also durchaus die
örtliche und szenische Entfremdung, die durch die amerikanische Filmindustrie
aber dennoch leicht vorstellbar bleibt, mit all ihren Klischees, die Wells aber
nicht überstrapaziert. So bleibt auch immer Raum für die leisen Zwischentöne,
die die Charaktere dann interessant machen.
Der Roman bietet
eine neue, erfreuliche Facette in Wells‘ Werkpalette und liest sich richtig
gut. Aus meiner Sicht eine klare Lektüreempfehlung.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 24.02.2021
- Seitenanzahl: 352
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-07148-1
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