Sonntag, 28. Februar 2021

Benedict Wells, Hard Land

Benedict Wells, Hard Land, Diogenes Verlag

Wenn einige Zeit ins Land gegangen ist, darf man stets gespannt sein, welchem Projekt sich ein Romanautor als nächstes widmet. Wells ist unbestreitbar ein begnadeter Erzähler, aber auf der Suche nach schriftstellerischer Vielfalt gilt es natürlich, verschiedene Genres einmal zu streifen. Hier hat er sich einen Coming of Age Roman vorgenommen, dies sogar mit einem besonderen Gimmick, nämlich dem Buch im Buch, wenngleich in etwas untypischer Form. Denn Hard Land ist nicht nur der Romantitel, sondern auch der Titel eines Gedichtbands, den alle Schüler der örtlichen Highschool in Grady, Missouri, lesen und analysieren müssen. Auch dieser handelt, jedenfalls an der Oberfläche, vom Erwachsenwerden und ist so ziemlich das einzig Berühmte, das der kleine Ort noch zu bieten hat, nachdem der einzige größere Industriebetrieb dichtgemacht hat und zahlreiche Arbeiter in die Bedeutungslosigkeit verdammt worden sind. Zu letzteren gehört auch Samuels Vater, ein stiller Kerl, zu dem Sam in seiner sich entwickelnden Pubertät keinen rechten Zugang findet. Den Zugang hat er vielmehr zu seiner Mutter, die vor Ort einen Buchladen leitet, jedoch an einer unheilbaren Krankheit leitet. Dies belastet Sam sehr und zugleich muss er seiner eigenen Entwicklung zu einem jungen Mann Tribut zollen, indem er Neues entdeckt, Niederlagen einstecken muss, aber auch unerwartete Momente des Glücks erleben darf. Das alles verpackt Wells in Sams Rückblick auf einen für ihn bedeutungsschweren, gefühlsreichen und einzigartigen Sommer, in dem er Freunde findet, sich verliebt, Erfahrungen mit Verlust, Trauer und Schmerz machen muss, aber ebenso beginnt, zu sich selbst zu finden und seine eigenen Grenzen zu erkennen und zu definieren.

Was Sam während des Sommers mit seiner Familie erlebt ist dabei der eine Handlungsstrang, noch mehr aber der Zugang zu seinen neuen Freunden Cameron, Hightower und natürlich Kirstie, der Tochter des Kinobetreibers. Sam muss die emotionalen Untiefen beider Welten in sich in Einklang bringen und den nahenden Tod der Mutter irgendwie in sein Leben einordnen. Nach kleineren sprachlichen Rumplern zu Beginn mündet der Roman in einen wunderbaren Erzählfluss, der die Leser mitnimmt und teilweise emotional stark in Beschlag nimmt – sofern man es denn zulässt, sich von den Ereignissen mitreißen zu lassen. An Wells jedenfalls liegt es nicht, wenn man nicht an der einen oder anderen Stelle herzlich lachen kann oder aber auch Trauer zusammen mit Sam zulassen muss. Sams Erwachsenwerden wird einfühlsam, aber auch reflektiert in die Köpfe der Leser transportiert, sodass man wahrlich bis zum sympathischen Schlusskapitel mit Sam leidet, fiebert und auch still lächelt. Dies gilt nicht nur für die unvermeidbaren Peinlichkeiten eines pubertierenden jungen Mannes, sondern viel mehr für seine Erfolgserlebnisse.

Dass der Schauplatz in den mittleren Westen der USA und in die 80er Jahre verlegt wurde, schadet der Geschichte überhaupt nicht. Denn zum einen wird so die Hommage an genretypische Filme deutlich, zum anderen können Konstellationen wie die von Wells in Grady geschilderten Vorgänge und Erlebnisse schwerlich in eine Kleinstadt ins Ruhrgebiet transportiert werden. Es braucht also durchaus die örtliche und szenische Entfremdung, die durch die amerikanische Filmindustrie aber dennoch leicht vorstellbar bleibt, mit all ihren Klischees, die Wells aber nicht überstrapaziert. So bleibt auch immer Raum für die leisen Zwischentöne, die die Charaktere dann interessant machen.

Der Roman bietet eine neue, erfreuliche Facette in Wells‘ Werkpalette und liest sich richtig gut. Aus meiner Sicht eine klare Lektüreempfehlung.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 24.02.2021
  • Seitenanzahl: 352
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-07148-1

Link zum Buch:

https://www.hard-land.de/