Jan Costin Wagner, Sommer bei Nacht, Galliani Verlag
Der neue Roman
von Jan Costin Wagner bewegt sich im gewohnten Milieu und begleitet Ermittler
auf dem Weg in die Untiefen menschlicher Abgründe und Verbrechen – sowohl in
vergangene als auch in aktuelle, die möglichst noch verhindert werden sollen.
Das Ermittlerteam Ben (Neven) und Christian (Sandner) agiert von Wiesbaden aus
und wird an einem schönen Sommertag zu einer Grundschule gerufen, wo ein
kleiner Junge auf unerklärliche Weise verschwunden ist, offenbar an der Hand
eines unbekannten Mannes, der ihn mit einem großen Teddybär gelockt hat. Der
Alptraum jeder Eltern. Im Laufe des Romans müssen sich die Ermittler und das
hinter ihnen stehende Kommissariat Stück für Stück voranarbeiten, um am Ende in
einem Showdown zu versuchen, den Tod des Kindes zu verhindern – und entdecken
ganz nebenbei ein weiteres Verbrechen, das furchtbarerweise Parallelen zu
Entdeckungen des Jahres 2019 aufzeigt.
Der Roman liest
sich fast wie ein Film. Dies liegt nicht nur an der Erzählstruktur, dazu
gleich, sondern auch am Aufbau selbst: die Suche nach dem Täter, die nur
schleppend vorangeht, mit Zufallsfunden und Zufallszeugen, mit auf einmal
virulenten Parallelfällen (Stichwort „Serie“…) und einigen Wendungen, die einen
Tatort-Zuschauer kaum noch überraschen, einen Buchleser aber doch eher
langweilen. Es ist natürlich trotzdem ein gerade am Ende packender Krimi, aber
zwischendrin hat er Längen.
Im Einzelnen:
wieso muss der Ermittler Ben trotz intakter Familie nicht näher erklärten
pädoerotischen Neigungen nachgehen? Warum muss der Ermittler Christian einer
Zufallsbegegnung, die sich später auch noch als wichtige Zeugin entpuppt, von
seinen Kindheitstraumata berichten? Hat beides nichts mit dem Fall zu tun,
macht die Figuren nicht plausibler. Sodann: warum wird der Ermittler Ben immer
beschrieben, dass er in seinen Gedanken wie durch Nebel stochert und offenbar
automatisiert doch die richtigen Dinge tut und sagt? Des Weiteren: warum
braucht es den pensionierten Mentor Landmann, der doch nicht auf richtige
Spuren führt, der darüber hinaus einen persönlichen Schicksalsschlag erleidet,
der den Fall aber nicht weiterbringt? Auch andere Figuren werden mehr oder
weniger weiter ausgeführt, ohne dass ein Eindruck von echter Kohärenz zur Story
entsteht. Es liest sich natürlich nett und gut, wie immer bei Wagner, aber es
zieht sich und franst aus.
Hinzu kommt die
Erzählstruktur. Viele kleine Kapitel, ständiger Personenwechel, alles
abgehackte Einzelstücke, die sich sukzessive zu einem größeren Bild fügen
sollen – es aber eben doch nicht tun, siehe oben. Dazu kommt, dass Wagners
große Begabung zur Schaffung beeindruckender Sprachbilder in diesem Gewirr von
Schlaglichtkapiteln völlig untergeht. Seine klugen Wendungen, großen Metaphern
und ins Gehirn einsinkenden Sätze kommen nicht zur gebotenen Wirkung, weil das
scheinbare Tempo der Erzählung mit den ständigen Perspektivsprüngen keine Zeit
zum Verweilen lässt und auch die einzelnen Teilstücke nie genug Stoff bieten,
um seine bombastische Sprachkunst raumgreifend wirken zu lassen. Wirklich
schade.
So habe ich am
Schluss der Lektüre – trotz des gelungenen Endes der Geschichte – irgendwie das
Gefühl, dass der Roman in sich nicht ganz stimmig ist.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 13.02.2020
- Seitenanzahl: 320
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-86971-208-6
Link zum Buch:
https://www.galiani.de/buch/jan-costin-wagner-sommer-bei-nacht-9783869712086
