Natalie Lloyd, Die unzertrennlichen Sieben, Hanser
Verlag
Von Dr. Verena Krenberger
Dieses Buch lässt den Leser ratlos zurück. Zunächst ist es die Geschichte um die sieben Kinder der Familie Problemski, von denen jedes an einem anderen Wochentag geboren ist und unterschiedliche besondere Fähigkeiten besitzt. Der besonders Schlaue, die besonders Schöne, die besonders Mutige – diese sind ja noch nachvollziehbar. Der Jüngste jedoch hat die Fähigkeit 365 verschiedene Pupse von sich zu geben… Die Zielgruppe des Buches sind junge Leser zwischen 10 und 12 Jahren – da sind Pupswitze nicht mehr so angesagt.
Zugleich ist das
Buch absolut schräg und grotesk witzig. Die Familie Problemski ist eine
Ansammlung von Freaks. Sie sind ungewaschen, lieben Spinnen und alles, was
stinkt, sie leben im Sumpf und bauen Personenkatapulte und Nebelmaschinen in
ihrem Garten mit fleischfressenden Pflanzen. Freaks feiern bekanntlich die
besten Partys und so gibt es neben Tortentauchen und einer
Wasserrutschen-Staffel auf der Wendeltreppe auch eine „Diashow über gepolsterte
Wohneinheiten für altersschwache Eulen“ (S.149). Als aus ungeklärten Gründen
das Haus explodiert, ziehen die von ihren Eltern (die auf einer archäologischen
Expedition in Andorra sind) allein zurückgelassenen Geschwister in das Haus
ihres verstorbenen Großvaters nach Bad Trostlos. Auf dieses Haus hat aber die
böse Nachbarin Desdemona ein Auge geworfen, da sie sicher ist, dass darin ein
Schatz versteckt ist.Zwei große Weisheiten gibt das Buch seinen jungen Lesern
mit auf den Weg. Erstens: Wachse über Dich hinaus, wage es Deine Träume zu
verwirklichen, habe Mut und glaube an Dich. Zweitens: Liebe Deine Familie,
haltet zusammen, dann steht Ihr die größten Schwierigkeiten durch. Das ist eine
große Stärke dieses Buches, dass oft wunderschöne und Mut machende Sätze zu
lesen sind. Zum Beispiel: „Wir finden, Wünsche sind für alle da, die mutig
genug sind, daran zu glauben, dass sie in Erfüllung gehen könnten.“ (S.155)
Und hier kommen
nun die absolut negativen Seiten des Buches zum Vorschein, weswegen das Fazit
so gemischt ausfällt: Den Kindern passieren einfach zu fürchterliche Dinge in
diesem Buch, als dass man es mit dem lustig-irrwitzigen Setting des Buches
überdecken könnte. Schon der Umstand, dass die Kinder es nicht schaffen, ihre
Eltern zu erreichen, ist reichlich fürchterlich. Dazu kommt, dass angezweifelt
wird, ob sie die rechtmäßigen Erben des Hauses sind und sie ihre Abstammung
beweisen müssten – was ihnen nicht gelingt. Desdemona hat einen „Verband zur
Versorgung ungeliebter Kinder“ gegründet, mit dem Ziel, die Kinder auseinander
zu reißen und in 7 Ecken der Welt zu zerstreuen. Dafür stehen drohend 7
schwarze Autos bereit, mit grimmigen Fahrern, die den Kindern, die außer ihren
Geschwistern niemanden haben, gehörig Angst einjagen. Die Stieftochter von
Desdemona hat eine Luft-Allergie, weswegen sie – ob gerechtfertigt oder nicht
bleibt offen – ihr gesamtes Leben in ihrem mit gereinigter Luft gefüllten
Zimmer verbringt und für die nicht stattfindenden Außenkontakte einen
Astronautenhelm hat. Dass hier eine Art Kaspar-Hauser-Szenario locker
eingeflochten wird, ist nahezu ein Skandal. Zugleich ist es eine wunderschöne
Szene, wie einer der Problemski-Jungs ihr eine Art Seilrutsche aus dem Fenster
baut und sie ihren ersten Ausflug in ein Abenteuer erlebt.
Für die jungen
Leser äußerst unbefriedigend ist aber das Ende – denn es bleibt offen. Der
Vater tritt als Retter in höchster Not auf, doch legt er sich dann gleich ins
Bett und ist weiter keine große Hilfe. Die Mutter bleibt verschollen. Der
Schatz ist nur zum Teil gefunden, das gesamte Rätsel ist aber nicht gelöst. Und
bei den Feinden keimt die Hoffnung, dass die alte Fehde wieder Fahrt aufnimmt.
Ein Buch für Leser dieses Alters muss zumindest ein Ende des Haupterzählstrangs
liefern. Gerne darf ein Cliffhanger zum nächsten Band aufgebaut werden, aber
wenn die Geschichte nicht zwischen zwei Buchdeckel passt, muss man doch bitte
das Buch einfach ein bisschen dicker werden lassen.
Insofern ist das
Fazit wie erwähnt zwiegespalten: Einerseits eine absolut witzige, nie
dagewesene Geschichte, in der gezeigt wird, dass man geliebt werden kann, wenn
man schräg und abartig ist, aber auch wenn man langweilig normal ist.
Andererseits sind solch fürchterliche Geschehnisse mit eingewoben, die Kindern
in der Realität nachhaltige Traumata verschaffen würden, sodass es für ein
Kinderbuch nicht nötig wäre und unpassend ist.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungsdatum: 17.02.2020
- Altersempfehlung: Ab 9 Jahre
- 272 Seiten
- ISBN 978-3-446-26617-9
Link zum Buch:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-unzertrennlichen-sieben/978-3-446-26617-9/
