Sonntag, 24. April 2022

Eugene McCabe, Tod und Nachtigallen

Eugene McCabe, Tod und Nachtigallen, Steidl Verlag

Der Steidl Verlag ist guter Ort für irische Literatur. Das Werk von McCabe ist in der Taschenbuchausgabe eine Wiederauflage, die Vorauflage datiert aus dem Jahr 2011, das Original erschien 1992. Die Geschichte ist um einen einzigen Tag im Jahr 1883 herumgesprochen und vereint doch alle Gegensätze, die Irland und Nordirland bzw. Großbritannien damals und heute beschäftigen und unter Spannung halten: Armut und Unterdrückung, Landflucht und Heimatliebe, karge Berufsaussichten und herrschende Kasten, religiöse Eiferer auf allen Seiten und dazu ein eigentümliches Verständnis für die Rolle der Frau.

Die Protagonistin Elizabeth, „Beth“, Winters ist ein Kuckuckskind, auch noch ein katholisches. Ihr vermeintlicher Vater, Billy Winters, ist protestantischer und durchaus wohlhabender Guts- und Steinbruchbesitzer und unterhält - schon aus Geschäftsgründen - gute Beziehungen sowohl zu Katholiken als auch zu Protestanten. Seine zu früh verstorbene Ehefrau war im Gegensatz zu ihm katholisch und trug zur Zeit der Heirat schon ein Kind in sich, das aber nicht von Winters stammte. Sie hat ihm gegenüber den wahren Vater nie aufgeklärt, aber allein das Wissen um diesen Betrug und die damit verbundene gesellschaftliche Schmach hat Winters veranlasst, zu verkünden, dass Beth niemals die Erbin seines Vermögens sein würde. Dieses Wissen, der frühe und absurde Tod der Mutter, die alkoholgeschwängerten Wutanfälle des Hausherren und dessen distanzloses Verhalten ihr gegenüber lassen in Beth den Entschluss reifen, an ihrem Geburtstag mit dem Gold von Winters für immer zu verschwinden. Diese Idee ist jedoch nicht originär in ihr gereift, sondern wurde ihr von ihrem neuen Freund, Liam Ward, eingeredet, der sich zum einen an Winters für den Rauswurf aus der Pacht rächen will und darüber hinaus Geldschulden tilgen muss, die ihn ansonsten das eigene Leben kosten könnten. Von alledem weiß Beth nichts, sondern fühlt sich zu Liam so stark hingezogen, dass sie alle heimatlichen Bande trennen möchte.

Man erwartet insgeheim, dass Beth irgendwie in ihr Verderben rennt, aber sie kann unerwartet den Spieß umdrehen, allerdings auf eine tragischere Art und Weise als man es vermutet hätte. Sie erkennt im letzten Moment die Absichten von Liam, möchte den Vorgang rückgängig machen, wird dann aber von Winters ertappt, der sie verprügelt und rauswirft. Sie flüchtet ausgerechnet zu Liam und wendet, nachdem dieser trotz des in Beth heranreifenden gemeinsamen Kindes offenbar nicht gewillt zu sein scheint, mit ihr ein neues Leben zu beginnen, in erstaunlich souveräner Weise das Schicksal zu ihren Gunsten. Das Ende des Romans ist also recht dramatisch, aber auch ein wenig abrupt, denn man kann nicht so wirklich prognostizieren, wie das mit Beth und Billy Winters fortan weitergehen soll.

Der Roman bietet am Ende ein kleines Glossar zu im Text auftauchenden Personen. Man kann nur empfehlen, diese Beschreibungen vorweg zu lesen, um nicht vom Zusammenspiel der verschiedenen Antagonisten oder von den Lebensverhältnissen im ländlichen Nordirland verwirrt zu werden.

Es dauert ein wenig, bis der Roman Fahrt aufnimmt, aber die Wucht nimmt die Leser am Ende regelrecht mit. Dass mit Beth eine so starke Frauenfigur geschaffen wird, ist in dieser männerdominierten Gesellschaft höchst erfreulich. McCabe vermag es sehr geschickt, die Fassaden der Handelnden Stück für Stück zu demontieren, mal mit Alkoholeinfluss und mal ohne. Es wird nur allzu deutlich, dass man letzten Endes nahezu niemandem trauen kann. Dafür sind die wechselseitigen Abneigungen zu groß und die politische Lage zu instabil, was mit einer prekären Lebenssituation der meisten Nordiren einhergeht. Die Erkenntnisse aus dem Roman sind problemlos noch heute nutzbar. McCabe hat mit diesem Roman ein großartiges Stück Erzählkunst geschaffen.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 14.07.2021
  • Seitenanzahl: 288
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-95829-984-9

Link zum Buch:

https://steidl.de/Buecher/Tod-und-Nachtigallen-Steidl-Pocket-1821284057.html?SID=O0WZY9Gd2797

Samstag, 16. April 2022

Annette Langen / Constanza Droop, Felix feiert Feste in aller Welt

Annette Langen / Constanza Droop, Felix feiert Feste in aller Welt, Coppenrath Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

Der Hase Felix gehört inzwischen fast schon zum Inventar einer guten Kinderzimmerbibliothek. Seine Reisen in alle Welt und die kindgerechten Briefe, die er von seinen Zielen aus schickt, haben schon viele kleine Leserinnen und Leser zu ein bisschen Fernweh, aber auch vielen Erkenntnissen über Begebenheiten und Vorgänge in der ganzen Welt verholfen. Auch diesmal hält es Felix nicht im beschaulichen Münster, sondern er unternimmt – natürlich anlassbezogen – eine neue kleine Weltreise.

Auslöser ist der Spott von Kindern in Sophies Klasse über einen chinesischen Jungen. Die Kinder kennen in ihrer kindertypischen Borniertheit das chinesische Neujahrsfest nicht, halten es für ein verspätetes Silvesterfest und lachen den chinesischen Jungen deshalb aus. Zu schade, dass Sophie nicht direkt Partei für das Kind ergreift, sondern erst zuhause recherchiert, was der Junge da eigentlich genau feiert. Als sie herausgefunden hat, was es mit dem chinesischen Neujahrsfest auf sich hat, gibt es für Felix kein Halten mehr. Es macht sich selbst auf die Reise und informiert fortan seine Sophie über alle möglichen kulturellen Höhepunkte, die er in den nächsten Monaten aktiv erlebt. So erhält Sophie bald Briefe aus Peking, aus Rio de Janeiro vom dortigen Karneval, aus Israel vom Purim-Fest oder aus der arabischen Wüste, wo der Ramadan begangen und am Ende mit dem Fastenbrechen gefeiert wird. Außerdem berichtet er vom Kindertag in Japan und vom Mittsommer in Finnland. Die Besonderheiten der jeweiligen Feste werden dann von Sophie und ihren Freunden zuhause nachgespielt, u.a. Gummistiefelweitwurf. Am Ende kommt Felix auf einem fliegenden chinesischen Drachen zurück und erlöst Sophie, die eine Nacht im Baumhaus mit sirrenden Mücken und schnarchendem Papa verbracht hat. Sophie selbst feiert zuhause noch Fasching und Ostern im Ostfrieslandurlaub.

Die Geschichten sind einfach und kindgerecht erzählt, die Reiseziele sind der eigentliche Inhalt, sodass es keiner weiteren kohärenten Story rund um Sophie in ihrem Zuhause bedarf (die es auch nicht gibt). Die Illustrationen sind reichhaltig und untermalen die Reisen von Felix und die Umsetzung in Münster anschaulich.

Leider wird kein einziges afrikanisches Fest vorgestellt. Das ist schade, da Felix ansonsten eigentlich ganz gut interkulturell aufgestellt ist.

Ebenfalls bedauerlich ist, dass am Ende kein Bogen zum Beginn der Geschichte geschlagen wird. Denn man hätte die Erkenntnisse über die Diversität von Festen auf der ganzen Welt dazu nutzen können, den hämischen Rotzlöffeln aus Sophies Klasse eine Entschuldigung für ihr fieses Verhalten gegenüber ihrem chinesischen Mitschüler abzuringen. Das wurde verpasst und hat auch bei den kleinen Testlesern einen negativen Beigeschmack hinterlassen.

Insgesamt ist dieser neue Felix-Band eine gelungene Fortsetzung der Geschichten des kleinen Hasen. In kindgerechter Weise wird interessierten jungen Leserinnen und Lesern ein neuer Aspekt der kulturellen Vielfalt auf der Welt nahegebracht.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 01.03.2022
  • Seitenanzahl: 40
  • Altersempfehlung: Ab 5 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-649-63702-8

Link zum Buch:

https://www.spiegelburg-shop.de/felix-feiert-feste-in-aller-welt/63702