Eugene McCabe, Tod und Nachtigallen, Steidl Verlag
Der Steidl
Verlag ist guter Ort für irische Literatur. Das Werk von McCabe ist in der
Taschenbuchausgabe eine Wiederauflage, die Vorauflage datiert aus dem Jahr
2011, das Original erschien 1992. Die Geschichte ist um einen einzigen Tag im
Jahr 1883 herumgesprochen und vereint doch alle Gegensätze, die Irland und
Nordirland bzw. Großbritannien damals und heute beschäftigen und unter Spannung
halten: Armut und Unterdrückung, Landflucht und Heimatliebe, karge
Berufsaussichten und herrschende Kasten, religiöse Eiferer auf allen Seiten und
dazu ein eigentümliches Verständnis für die Rolle der Frau.
Die
Protagonistin Elizabeth, „Beth“, Winters ist ein Kuckuckskind, auch noch ein
katholisches. Ihr vermeintlicher Vater, Billy Winters, ist protestantischer und
durchaus wohlhabender Guts- und Steinbruchbesitzer und unterhält - schon aus
Geschäftsgründen - gute Beziehungen sowohl zu Katholiken als auch zu
Protestanten. Seine zu früh verstorbene Ehefrau war im Gegensatz zu ihm
katholisch und trug zur Zeit der Heirat schon ein Kind in sich, das aber nicht
von Winters stammte. Sie hat ihm gegenüber den wahren Vater nie aufgeklärt,
aber allein das Wissen um diesen Betrug und die damit verbundene
gesellschaftliche Schmach hat Winters veranlasst, zu verkünden, dass Beth
niemals die Erbin seines Vermögens sein würde. Dieses Wissen, der frühe und
absurde Tod der Mutter, die alkoholgeschwängerten Wutanfälle des Hausherren und
dessen distanzloses Verhalten ihr gegenüber lassen in Beth den Entschluss
reifen, an ihrem Geburtstag mit dem Gold von Winters für immer zu verschwinden.
Diese Idee ist jedoch nicht originär in ihr gereift, sondern wurde ihr von
ihrem neuen Freund, Liam Ward, eingeredet, der sich zum einen an Winters für
den Rauswurf aus der Pacht rächen will und darüber hinaus Geldschulden tilgen
muss, die ihn ansonsten das eigene Leben kosten könnten. Von alledem weiß Beth
nichts, sondern fühlt sich zu Liam so stark hingezogen, dass sie alle
heimatlichen Bande trennen möchte.
Man erwartet
insgeheim, dass Beth irgendwie in ihr Verderben rennt, aber sie kann unerwartet
den Spieß umdrehen, allerdings auf eine tragischere Art und Weise als man es
vermutet hätte. Sie erkennt im letzten Moment die Absichten von Liam, möchte
den Vorgang rückgängig machen, wird dann aber von Winters ertappt, der sie
verprügelt und rauswirft. Sie flüchtet ausgerechnet zu Liam und wendet, nachdem
dieser trotz des in Beth heranreifenden gemeinsamen Kindes offenbar nicht
gewillt zu sein scheint, mit ihr ein neues Leben zu beginnen, in erstaunlich
souveräner Weise das Schicksal zu ihren Gunsten. Das Ende des Romans ist also
recht dramatisch, aber auch ein wenig abrupt, denn man kann nicht so wirklich
prognostizieren, wie das mit Beth und Billy Winters fortan weitergehen soll.
Der Roman bietet
am Ende ein kleines Glossar zu im Text auftauchenden Personen. Man kann nur
empfehlen, diese Beschreibungen vorweg zu lesen, um nicht vom Zusammenspiel der
verschiedenen Antagonisten oder von den Lebensverhältnissen im ländlichen
Nordirland verwirrt zu werden.
Es dauert ein
wenig, bis der Roman Fahrt aufnimmt, aber die Wucht nimmt die Leser am Ende
regelrecht mit. Dass mit Beth eine so starke Frauenfigur geschaffen wird, ist
in dieser männerdominierten Gesellschaft höchst erfreulich. McCabe vermag es
sehr geschickt, die Fassaden der Handelnden Stück für Stück zu demontieren, mal
mit Alkoholeinfluss und mal ohne. Es wird nur allzu deutlich, dass man letzten
Endes nahezu niemandem trauen kann. Dafür sind die wechselseitigen Abneigungen
zu groß und die politische Lage zu instabil, was mit einer prekären
Lebenssituation der meisten Nordiren einhergeht. Die Erkenntnisse aus dem Roman
sind problemlos noch heute nutzbar. McCabe hat mit diesem Roman ein großartiges
Stück Erzählkunst geschaffen.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 14.07.2021
- Seitenanzahl: 288
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-95829-984-9
Link zum Buch:
https://steidl.de/Buecher/Tod-und-Nachtigallen-Steidl-Pocket-1821284057.html?SID=O0WZY9Gd2797
