Montag, 8. August 2022

Jochen Till, Die höchstfamose Zoo-Schule

Jochen Till, Die höchstfamose Zoo-Schule, Edel Kids Books Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

Das insbesondere an Erstklässler, bzw. baldige Erstklässler gerichtete Buch verfolgt eigentlich ein hehres Ziel: Aus dem Schulalltag in einer Form berichten, in der sämtliche möglichen Ängste adressiert werden und am Ende alles gut ausgeht, sodass die Angst vom dem ersten Schultag etwas genommen wird. Transformiert in die Welt der Tiere wird am Beispiel von Gorillas, Giraffen, Pinguinen und Faultieren in jeder kleinen Geschichte ein Szenario dargestellt, wie man es sich schlimmstenfalls ausmalt, wenn man seinen ersten Schultag noch vor sich hat. Die vermenschlichten Tierkinder werden als Stereotype dargestellt, die in wunderbar plakativen und witzigen Illustrationen die kleinen Leser schnell in die jeweilige Geschichte eintauchen lassen. Erst in der letzten Geschichte finden dann einige der Protagonisten zusammen, zunächst steht jede Geschichte nur mit dem verbindenden Element des Direktors für sich allein. Nur leider verfehlt der Anspruch des Buches in der Durchführung sein Ziel:

Zunächst ist zu bemängeln, dass das Buch leider keinem akribischen Lektorat unterzogen wurde. Schon der Titel hätte mit Blick auf die Zielgruppe der Erstleser überdacht werden müssen: Wer kennt in diesem Alter schon das Wort „famos“ und was genau ist das Adjektiv „höchstfamos“ – meint man nicht eher „höchst famos“? Dann unterlaufen kleine Fehler: „Direktor“ Lernegern wird ab und zu umbenannt in „Doktor“ Lernegern (S.11) oder der Lehrer „Herr Schlürf“ wird einmal zu „Herr Schnalle“ (S.32) und auf einem Bild sind plötzlich Eisbären auf dem Siegertreppchen, die in der Geschichte gar nicht vorkamen (S.40).

Des Weiteren geht tatsächlich alles schief in dieser Schule: Wärme, Geborgenheit, Zuverlässigkeit und verlässliche Strukturen strahlt diese Schule nicht aus - dabei soll doch genau das am Ende von den Erstlesern beruhigend angenommen werden. Der Direktor ist völlig verschusselt, weiß nicht wo oben und unten ist, geschweige denn hat er seinen Laden im Griff. Der kleine Gorilla hat seine Eltern verloren und heult wie verrückt, aber der Direktor hat keine Ahnung, wie er sich um das Gorilla-Kind kümmern soll. Der Hausmeister ist natürlich schrecklich brummelig und sieht Kinder nur als Unruhestifter und Chaoten. Der erste Lehrer, der in der Geschichte auftaucht, ist ein Walross, das den Schülern nicht zuhört und somit ein Stinktier in die Pinguin-Klasse steckt, obwohl es mehrmals darauf hinzuweisen versucht, dass es hier nicht hingehört. Schlussendlich wird das Stinktier gezwungen zu schwimmen, obwohl er das nicht kann. Oder der kleine Giraffen-Junge, der von fiesen großen Jungs gehänselt wird und sich wegen seines kurzen Halses schämt. Alles entsetzliche Vorstellungen für einen Erstklässler, mit denen er in den Geschichten konfrontiert wird.

Zum Glück geht am Ende alles gut aus: Das Gorilla-Kind findet seine Eltern wieder (um ganz divers zu sein, handelt es sich dabei um Chamäleons, die ihn adoptiert haben), das Stinktier lernt tauchen und darf am Ende in die richtige Klasse und der Giraffen-Junge führt bei einer Olympiade seine Klasse zum Sieg, so dass er akzeptiert wird.

Das ganze Buch wirkt so, als hätten Erwachsene darüber nachgedacht, was einem Erstklässler alles Schlimmes passieren kann, hätten dies in grellen Farben ausgemalt und schlussendlich in ein maximal inklusives Happy End gegossen. Konstruiert und fern der Lebenswirklichkeit von Erstklässlern wird zunächst auf Ängsten ausgiebig herumgeritten und das Happy End unrealistisch und sehr kurz präsentiert. Die kleinen Leser fiebern mit den Protagonisten mit, haben mit ihnen Angst und sind unglaublich erleichtert, wenn die Pein ein Ende hat. Doch ob damit auch nur einem Erstklässler die Angst vor dem ersten Schultag genommen wird, mag bezweifelt werden – eher wurde er noch darauf hingewiesen, was alles schief gehen kann. Mehr irreale Probleme, mehr Witz und weniger Realsatire mit Menschen in tierischem Gewand hätten dem Buch gut getan.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 06.08.2022
  • Seitenanzahl: 112
  • Altersempfehlung: Ab 6 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3961292639