Markus Grasser, Die Verschwörung der Krähen, Verlag C.H. Beck
Die Verschwörung der Krähen ist ein
historischer Roman um den berühmten Schriftsteller Daniel Defoe in der Zeit des
royalen Übergangs von Anne Stuart zu King George. Zeitlich umspannt der Roman
die Jahre von etwa 1700 bis 1734. London wird in dieser Zeit, wie viele andere
europäische Städte, auf zwei Ebenen „regiert“. Einmal, ganz formal, von
Königshaus und Parlament mit den üblichen Ränkespielen, Missgünsteleien,
Personenschacherei und lebensgefährlichen Allianzen oder Gegnerschaften.
Daneben gibt es die Parallelwelt der Gauner und Verbrecher, die ihrerseits
klare Hierarchien haben, die jedoch ebenfalls nicht ganz freiwillig, sondern
durch Gewalt, Verrat, Kalkül und manchmal das Glück im richtigen Zeitpunkt
entstehen und bestehen bleiben. Dass man dann mitunter in London Leichenteile
findet, überrascht deshalb niemanden, allenfalls wen man da gefunden hat, der möglicherweise
vorher unantastbar schien. Dass religiös und politisch Andersdenkende zu
Staatsfeinden erklärt werden, ist eine althergebrachte Herrschaftstechnik,
sodass auch Defoe die Kerker Londons zur Genüge kennen lernt, konkret das
gefürchtetste Newgate Prison, das ebenfalls seine eigenen Regeln und
Hierarchien hat und in dem das Recht so ziemlich das Letzte sein dürfte, auf
das sich Insassen berufen können. Korruption setzt sich schließlich überall
durch, auch in der Lordrichterschaft. Daniel de Foe schafft es aber nicht nur
anzuecken, sondern er mutiert auch zum Intimfeind von Queen Anne Stuart. Er
wird zu Zugeständnissen und Kompromissen genötigt, stets in der Hoffnung, er
würde die königliche Gnade erhalten. Doch man weiß, dass man sich gegen Gegner lieber
immer eine Hintertür offenhält, sodass sich Defoes Wunsch nie in Realität
umsetzt. Er sucht dann sogar sein Glück in der Unterwelt, auf der Seite der
Kriminellen, doch auch da eckt er mit seiner Art und seinen Prinzipien, seiner
Ruhelosigkeit und seinen literarischen Rundumschlägen an. Zwar kann er sich des
Beistands seiner Frau Mary de Foe und später von Margaret „Midge“ Crane stets
sicher sein und am Ende eines friedlichen Todes sterben. Aber zwischendurch
macht er auch all jenen, die auf seiner Seite stehen, das Leben nicht gerade
einfach.
Neben der allgegenwärtigen Korruption wird
der Roman von den zeittypischen Umständen dominiert: Es herrscht ein rigides
Klassensystem mit unentrinnbarer Armut, dazu kommen Seuchen und Kriege, vor
allem mit Frankreich. Hinzu gesellt sich das hohle Rechtssystem, die stete
Unsicherheit, ob man sich nun vor den Häschern welcher Sorte auch immer hüten
muss oder mit ihnen paktiert. Zugleich wir aber auch die Entstehung des
investigativen Journalismus bei gleichzeitig strenger Zensur von Königshaus und
Kirche porträtiert, die De Foe mit gezielten Phantastereien und erfundenen
Geschichten zu umgehen versucht.
Das Werk ist keine Biographie über Defoe,
sondern spinnt eine historische Szenerie um bekannte und weniger bekannte
Figuren und Lebenswege dieser Zeit. Gasser gibt sich dabei alle Mühe, gerade
bei den Beschreibungen der Lebensumstände, der Abhängigkeiten und Zustände
allerorten. Jedoch hat mich, so muss ich leider zugeben, der Roman zu keinem
Zeitpunkt „gepackt“. Ich habe ihn durchgelesen, aber das ist auch alles. Es
gibt keinen wirklichen Spannungsbogen, sondern ein Ereignis geht über ins
nächste. Der Titel des Romans kommt zwar am Ende irgendwie zur Sprache, aber
nicht als kohärentes Momentum. Die Anzahl der Figuren und ihre Beziehungen
zueinander sind teilweise schwer überschaubar und am Ende dominieren sowieso
unzählige Morde und Abgründe. Das heißt nicht, dass das Buch schlecht
geschrieben wäre. Denn die vielen positiven Besprechungen zeigen ja, dass
Grasser die Leser abholen konnte. Nur meinen Geschmack hat das Werk gar nicht
getroffen, weder als Roman selbst noch sprachlich.
Verlagsangaben zum Buch:
- Erscheinungstag: 26.01.2022
- Seitenanzahl: 238
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-406-78150-6
Link zum Buch:
https://www.chbeck.de/gasser-verschwoerung-kraehen/product/33198199

