Samstag, 19. August 2023

Markus Grasser, Die Verschwörung der Krähen

Markus Grasser, Die Verschwörung der Krähen, Verlag C.H. Beck

Die Verschwörung der Krähen ist ein historischer Roman um den berühmten Schriftsteller Daniel Defoe in der Zeit des royalen Übergangs von Anne Stuart zu King George. Zeitlich umspannt der Roman die Jahre von etwa 1700 bis 1734. London wird in dieser Zeit, wie viele andere europäische Städte, auf zwei Ebenen „regiert“. Einmal, ganz formal, von Königshaus und Parlament mit den üblichen Ränkespielen, Missgünsteleien, Personenschacherei und lebensgefährlichen Allianzen oder Gegnerschaften. Daneben gibt es die Parallelwelt der Gauner und Verbrecher, die ihrerseits klare Hierarchien haben, die jedoch ebenfalls nicht ganz freiwillig, sondern durch Gewalt, Verrat, Kalkül und manchmal das Glück im richtigen Zeitpunkt entstehen und bestehen bleiben. Dass man dann mitunter in London Leichenteile findet, überrascht deshalb niemanden, allenfalls wen man da gefunden hat, der möglicherweise vorher unantastbar schien. Dass religiös und politisch Andersdenkende zu Staatsfeinden erklärt werden, ist eine althergebrachte Herrschaftstechnik, sodass auch Defoe die Kerker Londons zur Genüge kennen lernt, konkret das gefürchtetste Newgate Prison, das ebenfalls seine eigenen Regeln und Hierarchien hat und in dem das Recht so ziemlich das Letzte sein dürfte, auf das sich Insassen berufen können. Korruption setzt sich schließlich überall durch, auch in der Lordrichterschaft. Daniel de Foe schafft es aber nicht nur anzuecken, sondern er mutiert auch zum Intimfeind von Queen Anne Stuart. Er wird zu Zugeständnissen und Kompromissen genötigt, stets in der Hoffnung, er würde die königliche Gnade erhalten. Doch man weiß, dass man sich gegen Gegner lieber immer eine Hintertür offenhält, sodass sich Defoes Wunsch nie in Realität umsetzt. Er sucht dann sogar sein Glück in der Unterwelt, auf der Seite der Kriminellen, doch auch da eckt er mit seiner Art und seinen Prinzipien, seiner Ruhelosigkeit und seinen literarischen Rundumschlägen an. Zwar kann er sich des Beistands seiner Frau Mary de Foe und später von Margaret „Midge“ Crane stets sicher sein und am Ende eines friedlichen Todes sterben. Aber zwischendurch macht er auch all jenen, die auf seiner Seite stehen, das Leben nicht gerade einfach.

Neben der allgegenwärtigen Korruption wird der Roman von den zeittypischen Umständen dominiert: Es herrscht ein rigides Klassensystem mit unentrinnbarer Armut, dazu kommen Seuchen und Kriege, vor allem mit Frankreich. Hinzu gesellt sich das hohle Rechtssystem, die stete Unsicherheit, ob man sich nun vor den Häschern welcher Sorte auch immer hüten muss oder mit ihnen paktiert. Zugleich wir aber auch die Entstehung des investigativen Journalismus bei gleichzeitig strenger Zensur von Königshaus und Kirche porträtiert, die De Foe mit gezielten Phantastereien und erfundenen Geschichten zu umgehen versucht.

Das Werk ist keine Biographie über Defoe, sondern spinnt eine historische Szenerie um bekannte und weniger bekannte Figuren und Lebenswege dieser Zeit. Gasser gibt sich dabei alle Mühe, gerade bei den Beschreibungen der Lebensumstände, der Abhängigkeiten und Zustände allerorten. Jedoch hat mich, so muss ich leider zugeben, der Roman zu keinem Zeitpunkt „gepackt“. Ich habe ihn durchgelesen, aber das ist auch alles. Es gibt keinen wirklichen Spannungsbogen, sondern ein Ereignis geht über ins nächste. Der Titel des Romans kommt zwar am Ende irgendwie zur Sprache, aber nicht als kohärentes Momentum. Die Anzahl der Figuren und ihre Beziehungen zueinander sind teilweise schwer überschaubar und am Ende dominieren sowieso unzählige Morde und Abgründe. Das heißt nicht, dass das Buch schlecht geschrieben wäre. Denn die vielen positiven Besprechungen zeigen ja, dass Grasser die Leser abholen konnte. Nur meinen Geschmack hat das Werk gar nicht getroffen, weder als Roman selbst noch sprachlich.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 26.01.2022
  • Seitenanzahl: 238
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-406-78150-6

Link zum Buch:

https://www.chbeck.de/gasser-verschwoerung-kraehen/product/33198199

Donnerstag, 17. August 2023

Liz Nugent, Auf der Lauer liegen

Liz Nugent, Auf der Lauer liegen, Steidl Verlag

Lydia Fitzsimons und ihr Sohn Laurence sind die Hauptfiguren dieses Krimis mit absurd unerwartetem Ende. Im Dublin der 1980er Jahre spielend ist Lydia mit einem Richter verheiratet, der bereits bei ihrem Vater in der Kanzlei die juristische Ausbildung genoss. Laurence ist ihr einziges Kind, auch trotz vieler weiterer Versuche, die alle scheiterten. Aus dieser für die Eheleute tragischen Situation erwächst ein Plot, der über den Lauf der Jahre und aus vielen verschiedenen Blickwinkeln sukzessive aufgeklärt wird, um dann am Ende dramatisch und unerwartet aufgelöst zu werden. Weitere Teilnehmer der Story sind Annie Doyle, die nach einer fehlgeschlagenen Geschäftsbeziehung durch die Eheleute zu Tode kommt, ihre Schwester Karen, dazu zwei Freundinnen von Laurence, Helen und Bridget. Hinzu kommen colorandi causa diverse Familienmitglieder der einzelnen Personen. Lydia hat nicht nur hinsichtlich Annie Doyle ein ziemliches Problem, sondern auch eines aus ihrer Kindheit, da sie damals willentlich dafür gesorgt hat, dass ihre Schwester im Gartenteich verstarb. Beide Geheimnisse kommen im Lauf der Geschichte Stück für Stück ans Licht, aber führen zu teilweise ganz anderen Konsequenzen als man dies erwartet. Die Ermittlungsbehörden spielen dabei keine rühmliche Rolle, insbesondere da man für eine heroinabhängige Prostituierte den Verdacht nicht auf einen angesehenen Richter lenken und weiterverfolgen möchte. Neben der eigentlichen Kriminalgeschichte geht es quasi in einem zweiten Erzählstrang um Konventionen, den Einfluss der Gesellschaftsschichten, den Erhalt des status quo trotz chronischen Geldmangels, das coming of age von Laurence, sein beruflicher Werdegang und seine wechselhaften Versuche, mit seinem Gewicht und seinen sozialen Beziehungen fertig zu werden. Die Ausarbeitung der Charaktere und die immer wieder wechselnde Erzählperspektive, also stets aus der Ich-Sicht, ist ausgewogen, abwechslungsreich und sorgt insbesondere bezüglich Laurence und Karen für den Aufbau von viel Sympathie. Umso härter trifft dann die Leser der Plottwist zum Schluss, was aber die schon zuvor vorbereitete psychiatrische Unterlegung der Geschehnisse auf perfide Weise vollendet. Die Lektüre geht leicht von der Hand, ohne seicht zu sein. Der Kriminalanteil ist konstant, aber nicht dominant, sodass man sich einer echten Romanlektüre gegenübersieht. Aus meiner Sicht eine klare Lektüreempfehlung.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 10.08.2023
  • Seitenanzahl: 352
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-96999-108-4

Link zum Buch:

https://steidl.de/Buecher/Auf-der-Lauer-liegen-0406104252.html