Donnerstag, 27. Februar 2025

Stefanie vor Schulte, Das dünne Pferd

Stefanie vor Schulte, Das dünne Pferd, Diogenes Verlag

Auf die Spur der Autorin kam ich zunächst über ein Hörbuch und nicht über die Lektüre eines Buches. Der „Junge mit schwarzem Hahn“ war sprachlich ansprechend und trotz einzelner seltsamer Elemente erzählerisch interessant. Von daher war ich sehr gespannt, zum ersten Mal einen Roman von Stefanie vor Schulte zu lesen. Die Lektüre war jedoch – wohlgemerkt für mich persönlich – nicht so erfreulich wie zuvor das Hörbuch.

„Das dünne Pferd“ ist als Romangenre schwer einzustufen. Es hat Anteile eines Westerns, ist aber zugleich dystopisch, insgesamt aber vor allem skurril, was die Charaktere, das Setting und die Geschichte selbst angeht. Das Land, in dem die Geschichte spielt, bleibt unbekannt. Die Vorgänge, mit denen die Protagonisten zu kämpfen haben, bleiben unaufgeklärt und vage, wenngleich bedrückend, gefährlich und zerstörerisch. Dies gilt für die einzelnen Menschen und die Gesellschaft insgesamt, die sich langsam zu zersetzen scheint. Kinder leiden körperlich und reagieren plötzlich allergisch auf Erwachsene. Demgegenüber vergessen Eltern sukzessive ihre Kinder. Insgesamt wirkt es, als ob die Natur sich gegen die Menschen wendet, aber diese finden dagegen kein Mittel mehr, keinen Zusammenhalt, keine übergeordnete Idee.

Hauptfigur ist die Krankenpflegerin Aria Schulman, die aus prekären Familienverhältnissen stammt und von allen wie ihre ganze restliche zahlreiche Familie als minderwertig erkannt und angesehen wird. Dennoch retten sie und ihre Kollegin Marion fünfzehn Kinder aus der vom Untergang gezeichneten, aber nicht näher konkretisierten Stadt und versuchen die vielleicht letzten Lebenswochen dieser Kinder würdevoll und schön zu gestalten. In einem klapprigen alten Schulbus begeben sie sich auf den Weg zu einem ehemaligen Badehotel in „Einstadt“. Auf dem Weg dorthin haben sie eine verhängnisvolle Begegnung an einer Tankstelle, die jedoch erst ganz am Ende auf Aria zurückfällt. Sie treffen auf merkwürdige Gestalten in und rund um Einstadt. Die wirre, aber lebenskluge Hayden, den lokalen Machthaber Imre Brandt und dessen Schwester Jenny und manch andere namenlos bleibende Gestalt. Als Neuankömmlinge sind Aria, Marion und die Kinder den Bewohnern von Einstadt und den Cowboys rund um Imre Brandt nicht nur lästig, sondern vor allem undurchschaubar, unangepasst und daher unangenehm. In der Nähe des Badehotels entdeckt Aria dann ein abgemagertes Pferd am Strand und beharrt darauf, es zu bergen und vor dem Meer zu retten. In diese Idee verrennt sie sich völlig, obwohl doch zugleich das Wohl der Kinder auf dem Spiel steht und das Leben in dem alten Badehotel alle immer wieder vor große Herausforderungen stellt. Von außen wird Aria bedroht, sabotiert, aber auch gefürchtet. Denn man wird aus ihr nicht schlau. Die Feindseligkeit der Männer scheint zu eskalieren, aber erstaunlicherweise finden Aria und Marion Verbündete und Unterstützung. Das Ende der Geschichte bleibt genauso vage wie der Beginn. Man kann nur Vermutungen anstellen, die aber dank der surrealen Szenerie sinnlos bleiben. Selbst die Rolle des Pferdes bleibt unklar.

Der Roman ist sprachlich gut gemacht, man kann die Kapitel flott lesen, aber sich währenddessen dennoch kopfschüttelnd über Szenen und Charaktere wundern. Selbst innerhalb der Geschichte sind erzählerische Widersprüche zu entdecken, die nicht aufgelöst werden, gerade was den Zustand der Kinder angeht. Diese Diskrepanz zwischen Sprache und Inhalt ist dann auch der wunde Punkt des Werks, da es bei aller erzählerischer Kunstfertigkeit einfach keine gute Geschichte transportiert. Die Figuren sind schön aufgebaut und machen eine bedeutsame Entwicklung durch. Aber das dahinterstehende „Warum?“ wird nie auch nur ansatzweise aufgeklärt. Es bieten sich immer nur kurze Anblicke, nie aber wirkliche Einblicke, und das machte die Lektüre für mich am Ende frustrierend. Es wird aber bestimmt viele Leser geben, die gerade aufgrund der Offenheit der Geschichte begeistert von dem Werk sind und ich gönne ihnen das Leseerlebnis sehr.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 21.08.2024
  • Seitenanzahl: 256
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-95939-223-5

Link zum Buch:

https://www.diogenes.ch/leser/titel/stefanie-vor-schulte/das-duenne-pferd-9783257073133.html


Samstag, 22. Februar 2025

Anna Herzog (Autorin) / Mandy Schlundt (Illustratorin), Im Bann der Elemente (Bd. 2)

Anna Herzog (Autorin) / Mandy Schlundt (Illustratorin), Im Bann der Elemente (Bd. 2), Coppenrath Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

Im ersten Band lernten die Leser die Elementarwesen kennen: Erde, Wasser, Feuer und Luft werden von Wesen beherrscht, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Völlig unwissend wurde Jacob im ersten Band an seinem 10. Geburtstag damit konfrontiert, dass die Dusche mit ihm sprach und er erfuhr, dass er ein Erdwesen war und die Welt retten musste. Im zweiten Band wird nun nahtlos an diese Erzählung angeknüpft. Ein schöner Twist der Autorin ist, dass diesmal Lili die Ich-Erzählerin ist und somit die Hauptperson der Geschichte. Lili, ihr Freund Taio und Jacobs Schwester Putte hatten ihn in seinem ersten Abenteuer begleitet. Zum Abschied hatte das unfreundliche Wasserwesen Nereide den vieren mit auf den Weg gegeben, dass sie alle Elementarwesen sind – und seither grübeln die anderen drei, welchem Element sie wohl angehören. Lili würde gerne fliegen. Doch, wie das Titelbild unschwer erkennen lässt, es kommt gänzlich anders. Lili ist ein Feuerwesen und tut sich ziemlich schwer damit, das zu akzeptieren. Denn die Feuerwesen, die sie bisher kennengelernt hatten, waren vor allem hitzig, gefährlich und angriffslustig. Ein paar Mal waren sie nur knapp einem Angriff von verschiedenen Feuerwesen entkommen. Als dann auch noch Putte, Jacobs kleine Schwester, von Feuerwesen entführt wird, hadert Lili umso mehr mit ihrem Schicksal, dieser gemeinen Art anzugehören. Es lässt sich aber nicht verleugnen, denn sobald sie wütend wird, kann sie aus ihren Dreadlocks Stichflammen schleudern. Die drei Freunde begeben sich nun auf eine abenteuerliche Reise, um Putte aus den Fängen der Draga zu befreien, der Königin der Feuerwesen. Dabei setzen sie ihre unterschiedlichen Fähigkeiten ein, halten zusammen und überstehen manches Abenteuer nur knapp. Am Ende entwickelt sich mancher Feind zu einem Verbündeten und mancher Freund zu einem Gegner. Lili kann schlussendlich ihren Frieden damit machen, ein Feuerwesen zu sein und findet eine geduldige Lehrmeisterin. Putte wird befreit und sowohl sie, als auch Taio erhalten Hinweise, welche Elementarwesen sie wohl sind – ein idealer Cliffhanger, um im nächsten Buch eine weiter Auflösung zu verfolgen.

Der zweite Band führt die Geschichte des ersten in anderer Kulisse hervorragend weiter. Alte Bekannte wie das Irrlicht oder Vartor, der Drache, der erst erbitterter Feind, dann verlässlicher Beschützer geworden war, erhalten wieder zentrale Auftritte. Nereide, das unfreundliche Wasserwesen, entpuppt sich wieder als Anführerin mit zweifelhaftem Ruf und schlechten Manieren – sorgt dadurch aber für unnachahmlich komische Szenen. Es geht teilweise sehr heftig zu, die Kämpfe, denen sich die Freunde stellen müssen, sind manchmal fast verloren und werden nur knapp überstanden. Das sorgt für ordentlich Gänsehaut bei den kleinen Lesern, die wild mitfiebern. Natürlich weiß man längst, welche Elementarwesen Putte und Taio sind, doch dass die Helden noch etwas im Ungewissen gehalten werden, ist ein netter Kniff. Dass alltägliche Dinge wie ein Regenbogen in der Elementarwelt eigentlich ihren Grund darin haben, dass sich die Feuer- und Wasserwesen nach einem Wettstreit wieder versöhnen, ist eine wunderbare Erklärung zum Träumen. Die comichaften Illustrationen unterstreichen die Geschichte wieder sehr bildhaft und könnten gerne noch ausgebaut, farbig coloriert und umfangreicher werden.

Nach dem gelungenen Auftakt des ersten Bandes, setzt der zweite Band die Reihe würdig fort. Dieser liefert den passenden Übergang für einen von den wohl 8- bis 11-jährigen Fans der Reihe sehnlichst erwarteten dritten Band. Daher gibt es insgesamt eine absolute Kaufempfehlung für ein ab und zu doch recht gruseliges, aufregendes, dadurch aber sehr packendes und stellenweise absolut lustiges Buch.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 27.03.2024
  • Seitenanzahl: 216
  • Altersempfehlung: Ab 9 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-649-64212-1

Link zum Buch:

https://www.spiegelburg-shop.de/im-bann-der-elemente-bd.-2/64212

Freitag, 7. Februar 2025

Michaela Hanauer (Autorin) / Helge Vogt (Illustrator), Rulantica (Bd. 1): Die verborgene Insel

Michaela Hanauer (Autorin) / Helge Vogt (Illustrator), Rulantica (Bd. 1): Die verborgene Insel, Coppenrath Verlag

Eine Buchreihe passend zum Erlebnisschwimmbad? Das klingt auf den ersten Blick nach einem reichlich skurrilen Marketing-Gag, aber der Eindruck täuscht. Denn bereits der erste Band ist spannend und kindgerecht geschrieben und kann ganz unabhängig von einem Besuch im echten Rulantica-Schwimmbad auf seine Existenzberechtigung pochen.

Worum geht es zu Beginn der schon auf mehrere Bände angewachsenen Saga? Um ein ungewöhnliches Zwillingspärchen, nämlich Aquina und Mats. Ungewöhnlich sind die beiden deswegen, da Aquina ein Meerwesen ist und Mats dagegen ein menschlicher Junge. Aber eigentlich haben beide jeweils Anteile von Meerwesen und Mensch, aber bei jedem überwiegt der andere Teil. Von ihrer wechselseitigen Existenz erfahren beide kurz nach dem zwölften Geburtstag. Natürlich ist es kein harmonisches Wiederfinden, sondern der als vermeintlicher Waise aufgewachsene Mats schwebt in Gefahr und Aquina möchte ihn retten. Dass dahinter für sie unerwartet die Erfüllung einer alten Prophezeiung steht, sorgt sodann für die Verknüpfung zwischen den nordischen Göttern und der Inselwelt Rulantica, deren Existenz nunmehr auf dem Spiel steht. Immerhin hat Aquina Snorri an ihrer Seite, ihren (lediglich sechsarmigen) Tintenfisch-Freund, mit dem sie die beschauliche Unterwasserwelt der Stadt Aquamaris verlässt. Und sie wird vom Amulett von Frigg beschützt. Langweilig wird es den jungen Protagonisten von da an wirklich nicht mehr. Nicht nur, dass Aquina sich erst einmal in der Menschenwelt zurechtfinden muss, dass des Weiteren Mats gerettet werden und ihre gemeinsame Zwillings-Herkunft ergründet werden muss, sondern auch viele andere Bewohner der Welt wollen entdeckt werden. Dazu gehören die Quellwächter aus der Eisstadt oder auch die Sirenen aus Aquamaris. Und selbstverständlich treffen Aquina und Mats auch auf unheimliche Gestalten wie Johann Malus, der die beiden erst einmal einsperrt. Von Malus erfährt Aquina dann aber auch ihren menschlichen Namen. Oder sie entdecken erstaunliche Eigenheiten der nordischen Götter und deren Abkömmlingen, die so gar nicht zu den erzählten Legenden passen wollen. Bis Aquina und Mats Rulantica vor Odins Fluch gerettet haben, passiert also ganz schön viel.

Besonders hervorzuheben sind die fantasievollen Illustrationen, die die Geschichte in ihren spannenden Wendungen schön begleiten und fördern. Die nordische Götterwelt ist heutzutage nicht mehr jedem Kind präsent, sodass auch hier die Bebilderung die Rezeption des Umfelds der Story gut unterstützt.

Das empfohlene Lesealter zwischen 10 und 12 Jahren dürfte etwas hoch gegriffen sein. Meine Erfahrungen mit deutlich jüngeren Testlesern (7 Jahre) zeigten, dass die Story schon frühzeitig zündet und Kinder zu regelrechten Leseratten werden lässt, bis die Geschichte endlich zu Ende ist. Aus den oben beschriebenen Ereignissen, die Aquina und Mats erleben und durchstehen müssen, ist allerdings auch klar, dass es hier nicht nur um Friede, Freude und Eierkuchen geht, sondern die kleinen Leser auch einen gewissen Erzählbogen und Leidensdruck der Protagonisten innerlich aushalten können müssen, um Freude an dem Werk zu haben.

Eine schöne Idee zur Förderung des Leseverständnisses sind die verschiedenfarbig gedruckten (Anfangs-)Seiten der Kapitel, je nachdem aus welcher Perspektive gerade erzählt wird.

Trotz anfänglicher Skepsis kann man also getrost festhalten: es ist ein wirklich gut gemachtes Buch, inhaltlich und graphisch. Und man versteht die Geschichte auch, ohne jemals eine Vergnügungsstätte der Familie Mack besucht zu haben. Das Buch ist aber eine schöne Umrahmung der Wassererlebniswelt in Rust, sodass man etliche Elemente aus dem Buch wiedererkennen wird, z.B. den Wildwasserstrom.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 14.10.2019
  • Seitenanzahl: 336
  • Altersempfehlung: Ab 10 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-649-62722-7

Link zum Buch:

https://www.spiegelburg-shop.de/rulantica-bd.-1/62722