Montag, 5. Mai 2025

Takis Würger, Für Polina

Takis Würger, Für Polina, Diogenes Verlag

Um es vorweg zu nehmen: Bei „Für Polina“ handelt es sich um ein wunderbar poetisches, mit kurzen Sätzen Welten zerstörendes oder aufbauendes Buch, das seinen Protagonisten sanft und einfühlsam begleitet. Schon die Geburt des Protagonisten Hannes Prager kann Takis Würger in prägnanten Sätzen in irritierender Anschaulichkeit so erzählen, dass all die Gefühlswelten und Rahmenbedingungen, die nur angedeutet werden, im Geist des Lesers plastisch hervortreten. Hannes‘ Mutter Fritzi kommt aus schlechten Verhältnissen und nur ihre Intelligenz verschafft ihr die Möglichkeit, den prügelnden Eltern zu entkommen. Ungewollt in jungen Jahren schwanger geworden, schleppt sie sich als Putzfrau durch ihr Leben, bis sie auf dem Land bei einem mürrischen älteren Forstwirt ein Zuhause und traute Familienidylle für Hannes aufbauen kann. Schon diese, im Buch auf wenigen Seiten umrissene Vorgeschichte, ist ein Buch im Buch und der Autor schafft es, all die Schwermut und seelischen Verletzungen mitschwingen zu lassen, die auf Fritzi lasten. Das Buch begleitet Hannes durch seine Kindheit und Jugend, immer an seiner Seite ist Polina, die Tochter von Fritzis bester Freundin. Die beiden wachsen gemeinsam auf und leben in einer Art Symbiose. Denn Hannes ist ein sonderbares Kind, er spricht kaum, ist zart und schwächlich und lauscht am liebsten auf seine Umwelt. Was Fritzi erst spät dämmert, ist dem Leser schon früh klar – hier handelt es sich um einen einseitig begabten Menschen, im Falle von Hannes ein musikalisches Genie. Kurz zusammengefasst verliert Hannes seine Mutter auf tragische Weise, auch Polina kommt und geht in seinem Leben ein und aus und er verliert nach und nach den Halt. So dümpelt er durch sein Leben, trifft seinen verschollen geglaubten und dann verschollen gewünschten Vater wieder, lebt in prekären Verhältnissen und lässt sein Talent verkümmern. Schlussendlich aber bäumt er sich auf, im Versuch, Polina wiederzufinden geht er tatsächlich auf die davor panisch gemiedene Bühne der Welt und rührt mit seinem musikalischen Genie die Zuschauer zu Tränen. Polina findet er wieder, aber anders als erhofft.

Takis Würger gelingt es ausgezeichnet, die Erzählerperspektive dem Leser als die einzig korrekte Deutung der Geschichte zu präsentieren. Was hat man Mitleid mit dem armen Jungen, der offensichtlich Förderung benötigt hätte, den das allzu Behütete seiner Kindheit die Lebensfähigkeit gekostet hat und dem es nicht gelingt, seine eigene Welt mit der Welt da draußen in Einklang zu bringen. Der sein Lebtag unglücklich verliebt ist, dabei so schwach, hilflos und ohne jedes Zupacken sein Glück nicht findet. Man möchte ihn schütteln, dass er sich doch einmal aufrafft, nicht immer nur im Verborgenen, sondern offen im Licht sein Leben führt. Doch das liegt diesem Hannes Prager nicht, er schleicht auf leisen Sohlen durch ein Leben und trägt sich mit schwermütigen Gedanken. Er trauert sein Leben lang den verpassten Chancen hinterher, ohne zu sehen, dass es schon wieder eine Chance vor seiner Nase gibt, die er verpasst.

Doch dann schlägt der Autor mit seinen lakonisch kurzen Sätzen zu: Der Leser wird mitgenommen, auf einen völlig unvermittelten Perspektivwechsel. In einem Ausbruch von Polina, in wütend hingeschleuderten Sätzen, wird dem Leser plötzlich klar, dass das Selbstbild von Hannes so gar nicht dem Fremdbild entspricht. Dass er derjenige ist, der andere leiden ließ, der anderen die Möglichkeit versagte, Chancen zu ergreifen. In seiner traurigen Art versteckt sich eine Egomanie, eine Ichzentriertheit, die andere ausschließt, vor den Kopf stößt und Happy Ends verhindert. Als Leser fragt man sich, wie einem das passieren konnte, dass man so mit Hannes mitgelitten hat und seine Sicht auf die Welt als die einzig wahre hingenommen hat. Die Antwort liegt im Leben selbst. Dieser junge Werther, der da durch sein Leben leidet, dieser tragische Held, er hat eine Sogwirkung ausgesondert, der wir als Leser verfallen sind. Es ist die große Kunst des Lebens, die wir von Takis Würger lernen können: sicher geglaubte Realitäten zu hinterfragen, einen anderen Blickwinkel einzunehmen und anzuerkennen, dass es auf ein und dieselbe Sache zwei Ansichten geben kann.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 26.02.2025
  • Seitenanzahl: 304
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-07335-5

Link zum Buch:

https://fuerpolina.diogenes.ch/

Freitag, 2. Mai 2025

Dagmar H. Mueller (Autorin) / Sabine Rothmund (Illustratorin), Der kleine Raubdrache (Bd. 2)

Dagmar H. Mueller (Autorin) / Sabine Rothmund (Illustratorin), Der kleine Raubdrache (Bd. 2), Das vorschriftsmäßige Retten von Prinzessinnen, Coppenrath Verlag



Was tut man als anständiger Raubdrache, wenn man eine Prinzessin rauben will, die darauf gar keine Lust hat? Dieser Frage ging die Autorin sehr amüsant im ersten Band zum kleinen Raubdrachen nach. Im darauf folgenden zweiten Band sind die widerspenstige Prinzessin Caramella von Tiefentauch-und-Perlensee und der kleine Raubdrache nunmehr beste Freunde geworden. Die Prinzessin hat ihren eigenen Kopf und verhält sich gar nicht so wie im Märchen. Auch das Lehrbuch der Raubdrachen hilft da nicht weiter, da es nur über brave, liebenswürdige Prinzessinnen zu berichten weiß, die darauf warten, dass sie von einem Prinzen gerettet werden. Darauf pfeift Caramella – sie hat Lust auf Abenteuer. Und so befinden sich die beiden nun im Dorf der Raubdrachen, denn Caramella ist einfach bei dem kleinen Raubdrachen geblieben. Doch so langsam bekommt Caramella Heimweh und kommt auf die Idee, dass der kleine Raubdrache sie nach Hause fliegen und dort im Schloss noch Urlaub machen könnte. Das kommt für den kleinen Raubdrachen nicht in Frage, aber schlussendlich überredet Caramella ihren Freund doch. Da sie auch keine Lust hat, in den Klauen des Drachen geflogen zu werden, fliegen sie mit einem Ballon los. Der Drachenlehrer warnt die beiden noch vor Birkenwäldern und Erbsensuppe, dann fliegen die beiden los. Das Abenteuer, das auf die beiden wartet, beinhaltet fiese Zauberer, Abstürze in Felsspalten und Lava, waghalsige Rettungsaktionen und mutige Flugmanöver.

Das Buch ist nett gestaltet. Innovativ sind die vereinzelten Hervorhebungen im Text in der jeweiligen Farbe und Schriftart des Protagonisten. Die zahlreichen Illustrationen von Sabine Rothmund sind farbenfroh und fröhlich und geben die Charaktere und abenteuerlichen Szenen gut wieder. Allerdings passt ab und zu das Bild nicht exakt zum Text, was jungen Lesern immer sofort auffällt: So gibt es z.B. keine Prinzessin mit bunt geflochtenen Zöpfen auf den Bildern (u.a. S.144), die im Text erwähnt wird.

Manche Wortwahl der Autorin ist auch wohl dialektgeprägt, so sind Worte wie „muksch“ (S.5) doch eher ungewöhnlich.

Die Werte, die das Buch transportieren will, sind dagegen universell und wertvoll: Vorurteile können sich als falsch entpuppen (z.B. fürchtet der kleine Raubdrache von den Menschen in Tiefentauch-und-Perlensee abgelehnt zu werden, wird aber jubelnd empfangen), Schubladen passen nicht auf jedermann (z.B. ist Caramella eine absolut untypische Prinzessin) und wenn man über seinen Schatten springt und Ängste überwindet, kommt man gestärkt aus der Situation oder findet sogar neue Freunde (z.B. wenn der kleine Raubdrache die Spinnen überredet, für die Prinzenschar Ballons zu weben, obwohl er selbst Angst vor Spinnen hat).

Manches wirkt dabei etwas gezwungen divers, wenn in der Schar der befreiten Prinzen und Prinzessinnen ausschließlich ungewöhnliche Charaktere sind, u.a. Prinzen mit blauen oder langen blonden Haaren, die ineinander verliebt sind, oder eine Cowgirl-Prinzessin samt Kuh. Aber gut, das Ziel des Buches ist es ja, dass jeder nach seiner Art wertvoll ist und glücklich sein kann.

Etwas unangenehm kam allerdings bei den jungen Lesern die Hauptfigur Caramella an, weil sie in all ihrer bewundernswerten Abenteuerlust keinerlei Rücksicht auf ihren Freund, den kleinen Raubdrachen nimmt. Sie verlangt von ihm allerlei Kompromisse und Unterstützung bei der Erfüllung ihrer Wünsche, ohne in gleichem Maße auf ihn einzugehen. Der kleine Raubdrache wiederum steht nie für sich ein, viele Gefahren resultieren daraus, dass er sie zwar erkennt, aber nicht gegen Caramella aufbegehren möchte und sie blindlings in gefährliche Situationen hineinstolpern lässt. Das kann etwas nervig sein, wenn der kleine Raubdrache seine inneren Konflikte mit sich selbst austrägt, aber nicht ausspricht und Caramella in blindem Opportunismus durch die Welt trampelt.

Trotz allem ist das Buch unterhaltsam und ungewöhnlich, setzt einen deutlichen Kontrapunkt zu Disney und Barbie und zeigt ein mutiges Mädchen, das weiß, was sie will, und selbstbewusst für sich einsteht. Das wünscht man sich ja für seine Töchter.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 16.10.2023
  • Seitenanzahl: 176
  • Altersempfehlung: Ab 5 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-649-63613-7

Link zum Buch:

https://www.spiegelburg-shop.de/der-kleine-raubdrache-bd.-2/63613