Takis Würger, Für Polina, Diogenes Verlag
Um es vorweg zu nehmen: Bei „Für Polina“
handelt es sich um ein wunderbar poetisches, mit kurzen Sätzen Welten
zerstörendes oder aufbauendes Buch, das seinen Protagonisten sanft und
einfühlsam begleitet. Schon die Geburt des Protagonisten Hannes Prager kann
Takis Würger in prägnanten Sätzen in irritierender Anschaulichkeit so erzählen,
dass all die Gefühlswelten und Rahmenbedingungen, die nur angedeutet werden, im
Geist des Lesers plastisch hervortreten. Hannes‘ Mutter Fritzi kommt aus
schlechten Verhältnissen und nur ihre Intelligenz verschafft ihr die
Möglichkeit, den prügelnden Eltern zu entkommen. Ungewollt in jungen Jahren
schwanger geworden, schleppt sie sich als Putzfrau durch ihr Leben, bis sie auf
dem Land bei einem mürrischen älteren Forstwirt ein Zuhause und traute
Familienidylle für Hannes aufbauen kann. Schon diese, im Buch auf wenigen
Seiten umrissene Vorgeschichte, ist ein Buch im Buch und der Autor schafft es,
all die Schwermut und seelischen Verletzungen mitschwingen zu lassen, die auf
Fritzi lasten. Das Buch begleitet Hannes durch seine Kindheit und Jugend, immer
an seiner Seite ist Polina, die Tochter von Fritzis bester Freundin. Die beiden
wachsen gemeinsam auf und leben in einer Art Symbiose. Denn Hannes ist ein
sonderbares Kind, er spricht kaum, ist zart und schwächlich und lauscht am
liebsten auf seine Umwelt. Was Fritzi erst spät dämmert, ist dem Leser schon
früh klar – hier handelt es sich um einen einseitig begabten Menschen, im Falle
von Hannes ein musikalisches Genie. Kurz zusammengefasst verliert Hannes seine
Mutter auf tragische Weise, auch Polina kommt und geht in seinem Leben ein und
aus und er verliert nach und nach den Halt. So dümpelt er durch sein Leben,
trifft seinen verschollen geglaubten und dann verschollen gewünschten Vater
wieder, lebt in prekären Verhältnissen und lässt sein Talent verkümmern.
Schlussendlich aber bäumt er sich auf, im Versuch, Polina wiederzufinden geht
er tatsächlich auf die davor panisch gemiedene Bühne der Welt und rührt mit
seinem musikalischen Genie die Zuschauer zu Tränen. Polina findet er wieder,
aber anders als erhofft.
Takis Würger gelingt es ausgezeichnet, die
Erzählerperspektive dem Leser als die einzig korrekte Deutung der Geschichte zu
präsentieren. Was hat man Mitleid mit dem armen Jungen, der offensichtlich
Förderung benötigt hätte, den das allzu Behütete seiner Kindheit die
Lebensfähigkeit gekostet hat und dem es nicht gelingt, seine eigene Welt mit
der Welt da draußen in Einklang zu bringen. Der sein Lebtag unglücklich
verliebt ist, dabei so schwach, hilflos und ohne jedes Zupacken sein Glück
nicht findet. Man möchte ihn schütteln, dass er sich doch einmal aufrafft,
nicht immer nur im Verborgenen, sondern offen im Licht sein Leben führt. Doch
das liegt diesem Hannes Prager nicht, er schleicht auf leisen Sohlen durch ein
Leben und trägt sich mit schwermütigen Gedanken. Er trauert sein Leben lang den
verpassten Chancen hinterher, ohne zu sehen, dass es schon wieder eine Chance
vor seiner Nase gibt, die er verpasst.
Doch dann schlägt der Autor mit seinen
lakonisch kurzen Sätzen zu: Der Leser wird mitgenommen, auf einen völlig
unvermittelten Perspektivwechsel. In einem Ausbruch von Polina, in wütend
hingeschleuderten Sätzen, wird dem Leser plötzlich klar, dass das Selbstbild
von Hannes so gar nicht dem Fremdbild entspricht. Dass er derjenige ist, der
andere leiden ließ, der anderen die Möglichkeit versagte, Chancen zu ergreifen.
In seiner traurigen Art versteckt sich eine Egomanie, eine Ichzentriertheit,
die andere ausschließt, vor den Kopf stößt und Happy Ends verhindert. Als Leser
fragt man sich, wie einem das passieren konnte, dass man so mit Hannes
mitgelitten hat und seine Sicht auf die Welt als die einzig wahre hingenommen
hat. Die Antwort liegt im Leben selbst. Dieser junge Werther, der da durch sein
Leben leidet, dieser tragische Held, er hat eine Sogwirkung ausgesondert, der
wir als Leser verfallen sind. Es ist die große Kunst des Lebens, die wir von
Takis Würger lernen können: sicher geglaubte Realitäten zu hinterfragen, einen
anderen Blickwinkel einzunehmen und anzuerkennen, dass es auf ein und dieselbe
Sache zwei Ansichten geben kann.
Verlagsangaben zum Buch:
- Erscheinungstag: 26.02.2025
- Seitenanzahl: 304
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-07335-5
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