Freitag, 2. Mai 2025

Dagmar H. Mueller (Autorin) / Sabine Rothmund (Illustratorin), Der kleine Raubdrache (Bd. 2)

Dagmar H. Mueller (Autorin) / Sabine Rothmund (Illustratorin), Der kleine Raubdrache (Bd. 2), Das vorschriftsmäßige Retten von Prinzessinnen, Coppenrath Verlag



Was tut man als anständiger Raubdrache, wenn man eine Prinzessin rauben will, die darauf gar keine Lust hat? Dieser Frage ging die Autorin sehr amüsant im ersten Band zum kleinen Raubdrachen nach. Im darauf folgenden zweiten Band sind die widerspenstige Prinzessin Caramella von Tiefentauch-und-Perlensee und der kleine Raubdrache nunmehr beste Freunde geworden. Die Prinzessin hat ihren eigenen Kopf und verhält sich gar nicht so wie im Märchen. Auch das Lehrbuch der Raubdrachen hilft da nicht weiter, da es nur über brave, liebenswürdige Prinzessinnen zu berichten weiß, die darauf warten, dass sie von einem Prinzen gerettet werden. Darauf pfeift Caramella – sie hat Lust auf Abenteuer. Und so befinden sich die beiden nun im Dorf der Raubdrachen, denn Caramella ist einfach bei dem kleinen Raubdrachen geblieben. Doch so langsam bekommt Caramella Heimweh und kommt auf die Idee, dass der kleine Raubdrache sie nach Hause fliegen und dort im Schloss noch Urlaub machen könnte. Das kommt für den kleinen Raubdrachen nicht in Frage, aber schlussendlich überredet Caramella ihren Freund doch. Da sie auch keine Lust hat, in den Klauen des Drachen geflogen zu werden, fliegen sie mit einem Ballon los. Der Drachenlehrer warnt die beiden noch vor Birkenwäldern und Erbsensuppe, dann fliegen die beiden los. Das Abenteuer, das auf die beiden wartet, beinhaltet fiese Zauberer, Abstürze in Felsspalten und Lava, waghalsige Rettungsaktionen und mutige Flugmanöver.

Das Buch ist nett gestaltet. Innovativ sind die vereinzelten Hervorhebungen im Text in der jeweiligen Farbe und Schriftart des Protagonisten. Die zahlreichen Illustrationen von Sabine Rothmund sind farbenfroh und fröhlich und geben die Charaktere und abenteuerlichen Szenen gut wieder. Allerdings passt ab und zu das Bild nicht exakt zum Text, was jungen Lesern immer sofort auffällt: So gibt es z.B. keine Prinzessin mit bunt geflochtenen Zöpfen auf den Bildern (u.a. S.144), die im Text erwähnt wird.

Manche Wortwahl der Autorin ist auch wohl dialektgeprägt, so sind Worte wie „muksch“ (S.5) doch eher ungewöhnlich.

Die Werte, die das Buch transportieren will, sind dagegen universell und wertvoll: Vorurteile können sich als falsch entpuppen (z.B. fürchtet der kleine Raubdrache von den Menschen in Tiefentauch-und-Perlensee abgelehnt zu werden, wird aber jubelnd empfangen), Schubladen passen nicht auf jedermann (z.B. ist Caramella eine absolut untypische Prinzessin) und wenn man über seinen Schatten springt und Ängste überwindet, kommt man gestärkt aus der Situation oder findet sogar neue Freunde (z.B. wenn der kleine Raubdrache die Spinnen überredet, für die Prinzenschar Ballons zu weben, obwohl er selbst Angst vor Spinnen hat).

Manches wirkt dabei etwas gezwungen divers, wenn in der Schar der befreiten Prinzen und Prinzessinnen ausschließlich ungewöhnliche Charaktere sind, u.a. Prinzen mit blauen oder langen blonden Haaren, die ineinander verliebt sind, oder eine Cowgirl-Prinzessin samt Kuh. Aber gut, das Ziel des Buches ist es ja, dass jeder nach seiner Art wertvoll ist und glücklich sein kann.

Etwas unangenehm kam allerdings bei den jungen Lesern die Hauptfigur Caramella an, weil sie in all ihrer bewundernswerten Abenteuerlust keinerlei Rücksicht auf ihren Freund, den kleinen Raubdrachen nimmt. Sie verlangt von ihm allerlei Kompromisse und Unterstützung bei der Erfüllung ihrer Wünsche, ohne in gleichem Maße auf ihn einzugehen. Der kleine Raubdrache wiederum steht nie für sich ein, viele Gefahren resultieren daraus, dass er sie zwar erkennt, aber nicht gegen Caramella aufbegehren möchte und sie blindlings in gefährliche Situationen hineinstolpern lässt. Das kann etwas nervig sein, wenn der kleine Raubdrache seine inneren Konflikte mit sich selbst austrägt, aber nicht ausspricht und Caramella in blindem Opportunismus durch die Welt trampelt.

Trotz allem ist das Buch unterhaltsam und ungewöhnlich, setzt einen deutlichen Kontrapunkt zu Disney und Barbie und zeigt ein mutiges Mädchen, das weiß, was sie will, und selbstbewusst für sich einsteht. Das wünscht man sich ja für seine Töchter.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 16.10.2023
  • Seitenanzahl: 176
  • Altersempfehlung: Ab 5 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-649-63613-7

Link zum Buch:

https://www.spiegelburg-shop.de/der-kleine-raubdrache-bd.-2/63613