Dagmar
H. Mueller (Autorin) / Sabine Rothmund (Illustratorin), Der kleine Raubdrache
(Bd. 2), Das vorschriftsmäßige Retten von Prinzessinnen, Coppenrath Verlag
Was tut man als anständiger Raubdrache,
wenn man eine Prinzessin rauben will, die darauf gar keine Lust hat? Dieser
Frage ging die Autorin sehr amüsant im ersten Band zum kleinen Raubdrachen
nach. Im darauf folgenden zweiten Band sind die widerspenstige Prinzessin
Caramella von Tiefentauch-und-Perlensee und der kleine Raubdrache nunmehr beste
Freunde geworden. Die Prinzessin hat ihren eigenen Kopf und verhält sich gar
nicht so wie im Märchen. Auch das Lehrbuch der Raubdrachen hilft da nicht
weiter, da es nur über brave, liebenswürdige Prinzessinnen zu berichten weiß,
die darauf warten, dass sie von einem Prinzen gerettet werden. Darauf pfeift
Caramella – sie hat Lust auf Abenteuer. Und so befinden sich die beiden nun im
Dorf der Raubdrachen, denn Caramella ist einfach bei dem kleinen Raubdrachen
geblieben. Doch so langsam bekommt Caramella Heimweh und kommt auf die Idee,
dass der kleine Raubdrache sie nach Hause fliegen und dort im Schloss noch
Urlaub machen könnte. Das kommt für den kleinen Raubdrachen nicht in Frage,
aber schlussendlich überredet Caramella ihren Freund doch. Da sie auch keine
Lust hat, in den Klauen des Drachen geflogen zu werden, fliegen sie mit einem
Ballon los. Der Drachenlehrer warnt die beiden noch vor Birkenwäldern und
Erbsensuppe, dann fliegen die beiden los. Das Abenteuer, das auf die beiden
wartet, beinhaltet fiese Zauberer, Abstürze in Felsspalten und Lava, waghalsige
Rettungsaktionen und mutige Flugmanöver.
Das Buch ist nett gestaltet. Innovativ
sind die vereinzelten Hervorhebungen im Text in der jeweiligen Farbe und
Schriftart des Protagonisten. Die zahlreichen Illustrationen von Sabine
Rothmund sind farbenfroh und fröhlich und geben die Charaktere und abenteuerlichen
Szenen gut wieder. Allerdings passt ab und zu das Bild nicht exakt zum Text,
was jungen Lesern immer sofort auffällt: So gibt es z.B. keine Prinzessin mit
bunt geflochtenen Zöpfen auf den Bildern (u.a. S.144), die im Text erwähnt
wird.
Manche Wortwahl der Autorin ist auch wohl
dialektgeprägt, so sind Worte wie „muksch“ (S.5) doch eher ungewöhnlich.
Die Werte, die das Buch transportieren
will, sind dagegen universell und wertvoll: Vorurteile können sich als falsch
entpuppen (z.B. fürchtet der kleine Raubdrache von den Menschen in
Tiefentauch-und-Perlensee abgelehnt zu werden, wird aber jubelnd empfangen),
Schubladen passen nicht auf jedermann (z.B. ist Caramella eine absolut
untypische Prinzessin) und wenn man über seinen Schatten springt und Ängste
überwindet, kommt man gestärkt aus der Situation oder findet sogar neue Freunde
(z.B. wenn der kleine Raubdrache die Spinnen überredet, für die Prinzenschar
Ballons zu weben, obwohl er selbst Angst vor Spinnen hat).
Manches wirkt dabei etwas gezwungen
divers, wenn in der Schar der befreiten Prinzen und Prinzessinnen
ausschließlich ungewöhnliche Charaktere sind, u.a. Prinzen mit blauen oder
langen blonden Haaren, die ineinander verliebt sind, oder eine Cowgirl-Prinzessin
samt Kuh. Aber gut, das Ziel des Buches ist es ja, dass jeder nach seiner Art
wertvoll ist und glücklich sein kann.
Etwas unangenehm kam allerdings bei den
jungen Lesern die Hauptfigur Caramella an, weil sie in all ihrer
bewundernswerten Abenteuerlust keinerlei Rücksicht auf ihren Freund, den
kleinen Raubdrachen nimmt. Sie verlangt von ihm allerlei Kompromisse und Unterstützung
bei der Erfüllung ihrer Wünsche, ohne in gleichem Maße auf ihn einzugehen. Der
kleine Raubdrache wiederum steht nie für sich ein, viele Gefahren resultieren
daraus, dass er sie zwar erkennt, aber nicht gegen Caramella aufbegehren möchte
und sie blindlings in gefährliche Situationen hineinstolpern lässt. Das kann
etwas nervig sein, wenn der kleine Raubdrache seine inneren Konflikte mit sich
selbst austrägt, aber nicht ausspricht und Caramella in blindem Opportunismus
durch die Welt trampelt.
Trotz allem ist das Buch unterhaltsam und
ungewöhnlich, setzt einen deutlichen Kontrapunkt zu Disney und Barbie und zeigt
ein mutiges Mädchen, das weiß, was sie will, und selbstbewusst für sich
einsteht. Das wünscht man sich ja für seine Töchter.
Verlagsangaben zum Buch:
- Erscheinungstag: 16.10.2023
- Seitenanzahl: 176
- Altersempfehlung: Ab 5 Jahre
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-649-63613-7
Link zum Buch:
https://www.spiegelburg-shop.de/der-kleine-raubdrache-bd.-2/63613
