Anna James, Matilda und das Verschwinden der Buchmagie, Edel Kids Books Verlag
Von Dr. Verena Krenberger
Die magische
Fortsetzung des erfolgreichen Erstlings der Autorin Anna James wurde von jungen
Lesern mit Spannung erwartet. In wunderschöner Aufmachung präsentiert sich nun
der zweite Band rund um die Protagonistin Matilda „Tilly“ Pages und ihren
Freund Oskar. Die wenigen, aber märchenhaften Illustrationen im Buch
unterstreichen das Grundthema des Buches, das sich diesmal rund um rätselhafte
Vorgänge in der Märchenwelt dreht. Wie auch im Vorgängerband ist die Typografie
in dieser Reihe am Ende mancher Kapitel extravagant angepasst an die
inhaltlichen Geschehnisse, etwa wenn Tillys Welt aus den Fugen gerät und
zugleich die gedruckten Wörter über die Seite purzeln.
Inhaltlich
schließt der zweite Band nahtlos an das Geschehen des ersten an, in dem die
Direktorin der Underlibrary zurücktreten musste und nun ein neuer Direktor
gewählt wird. Die Underlibrary hat die Aufgabe, die Bücher in denen Buchwandler
in die Geschichte einsteigen zu überwachen. Auch Tilly ist eine Buchwandlerin,
zudem eine halb literarische Figur, da ihr Vater aus einem Buch entstammt. Ihr
Freund Oskar erfährt nebenbei, dass auch er ein Buchwandler ist. Mit dieser
Fähigkeit können sie in eine Geschichte eintauchen, sie als real erleben und
mit den Figuren in Kontakt treten. In Analogie zu mancher echten politischen
Situation wird ein Mann an die Macht gewählt, der vor allem durch Manipulation
und Show besticht, zudem einzig seine eigenen Interessen verfolgt. Ganz
nebenbei wird den jungen Lesern hier vorgeführt, wie mit unzulänglichen
Machthabern umzugehen ist: „Deshalb kann man nicht einfach sagen, Leute, die
nicht für uns sind, sind automatisch gegen uns. (…) Das heißt aber nicht, dass
wir nicht auch ein paar gemeinsame Ziele haben.“ (S.64). Kurz vor Weihnachten
fährt Oskar nun zu seinem Vater nach Paris und Tilly darf ihn begleiten. Dort
treffen sie auf Oskars Großmutter, die offenbart, dass auch sie eine
Buchwandlerin ist, sowie auf die Buchhändlerin Gretchen Stein, die die Kinder
unorthodoxer Weise zu einer Reise in die Märchenwelt überredet.
Hier setzt nun
der Grundtenor der Geschichte ein, der dem geneigten Leser die Laune verdirbt:
Durch den gesamten Plot zieht sich zum einen die Grundhaltung der Erwachsenen,
die Kinder außen vor zu halten, sie nicht einzuweihen und über wichtige Dinge
im Unklaren zu lassen. Tillys Großeltern beteuern, sich mit der ehemaligen
Direktorin in den Kampf gegen den neuen Direktor zu begeben, verbieten Tilly
aber jegliches Einmischen und im Verlauf des Buches wird in keinster Weise ein
Fortschritt ihrer Bemühungen oder gar ein aktives Tun deutlich.
Duckmäuserisches Abwarten auf den Sturz des Despoten kennt man von den Eliten
jeglichen Staates, doch ist es nicht wirklich spannend, davon zu lesen. Zum
anderen widersetzt sich Tilly natürlich all den Anordnungen ihrer Großeltern.
Das rebellische Vorgehen könnte ja ganz spannend sein und heizt natürlich die
Geschichte an – doch ist die Entscheidungsfindung mehrmals dermaßen naiv, lässt
sich Tilly komplett uninformiert von den besorgten Grenzsetzungen ihrer
Großeltern abbringen, dass man nur kopfschüttelnd zurückbleibt. Der pure
Wunsch, etwas zu erleben, reicht bei einer Protagonistin, deren Mutter 11 Jahre
lang in einem Buch gefangen gehalten und somit von Tilly getrennt wurde,
einfach nicht aus als Motiv, um dem Leser glaubhaft zu vermitteln, dass alle
Sorgen über Bord geworfen werden.
Die Erlebnisse
in der Märchenwelt, in der alles drunter und drüber geht, Prinzessinnen nicht
geheiratet werden wollen, weinerliche Prinzen den Sinn des Lebens suchen und
Rotkäppchen die Wölfe erschlagen, sind absolut amüsant und erfrischend. Doch
die Dramatik, dass in den Märchen Löcher aus Nichts auftauchen, Figuren
verschwinden und die Buchmagie abgesogen wird – alles auf Betreiben des neuen
Direktors, wird von den Protagonisten ohne aktive Gegenwehr hingenommen.
So endet auch
das Buch absolut unbefriedigend mit einem Teilsieg des neuen Direktors und
einer grüblerischen Tilly, die das Gefühl hat, etwas übersehen zu haben. Das
war wohl als Cliffhanger zum dritten Teil gedacht, doch bleiben die Leser etwas
ärgerlich zurück – denn soviel Lahmheit hätte man Tilly und ihren Großeltern
nach dem fulminanten Start nun über 350 Seiten hinweg nicht zugetraut.
Wahrscheinlich wird der dritte Band dann aber gelesen werden, in der Hoffnung
auf eine spannungsgeladene Geschichte und ein verdientes Ende des Direktors mit
geretteter Märchenwelt und glücklichem Happy End für die Underlibrary und
Tilly. Es kann noch alles gut werden.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungsdatum: 06.08.2020
- Seitenanzahl: 369
- Alter: ab 10 Jahre
- Reihe: Pages&Co., Band 2
- ISBN/Artikelnummer: 978-3961291526
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