Samstag, 13. Februar 2021

Anna James, Matilda und das Verschwinden der Buchmagie

Anna James, Matilda und das Verschwinden der Buchmagie, Edel Kids Books Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

Die magische Fortsetzung des erfolgreichen Erstlings der Autorin Anna James wurde von jungen Lesern mit Spannung erwartet. In wunderschöner Aufmachung präsentiert sich nun der zweite Band rund um die Protagonistin Matilda „Tilly“ Pages und ihren Freund Oskar. Die wenigen, aber märchenhaften Illustrationen im Buch unterstreichen das Grundthema des Buches, das sich diesmal rund um rätselhafte Vorgänge in der Märchenwelt dreht. Wie auch im Vorgängerband ist die Typografie in dieser Reihe am Ende mancher Kapitel extravagant angepasst an die inhaltlichen Geschehnisse, etwa wenn Tillys Welt aus den Fugen gerät und zugleich die gedruckten Wörter über die Seite purzeln.

Inhaltlich schließt der zweite Band nahtlos an das Geschehen des ersten an, in dem die Direktorin der Underlibrary zurücktreten musste und nun ein neuer Direktor gewählt wird. Die Underlibrary hat die Aufgabe, die Bücher in denen Buchwandler in die Geschichte einsteigen zu überwachen. Auch Tilly ist eine Buchwandlerin, zudem eine halb literarische Figur, da ihr Vater aus einem Buch entstammt. Ihr Freund Oskar erfährt nebenbei, dass auch er ein Buchwandler ist. Mit dieser Fähigkeit können sie in eine Geschichte eintauchen, sie als real erleben und mit den Figuren in Kontakt treten. In Analogie zu mancher echten politischen Situation wird ein Mann an die Macht gewählt, der vor allem durch Manipulation und Show besticht, zudem einzig seine eigenen Interessen verfolgt. Ganz nebenbei wird den jungen Lesern hier vorgeführt, wie mit unzulänglichen Machthabern umzugehen ist: „Deshalb kann man nicht einfach sagen, Leute, die nicht für uns sind, sind automatisch gegen uns. (…) Das heißt aber nicht, dass wir nicht auch ein paar gemeinsame Ziele haben.“ (S.64). Kurz vor Weihnachten fährt Oskar nun zu seinem Vater nach Paris und Tilly darf ihn begleiten. Dort treffen sie auf Oskars Großmutter, die offenbart, dass auch sie eine Buchwandlerin ist, sowie auf die Buchhändlerin Gretchen Stein, die die Kinder unorthodoxer Weise zu einer Reise in die Märchenwelt überredet.

Hier setzt nun der Grundtenor der Geschichte ein, der dem geneigten Leser die Laune verdirbt: Durch den gesamten Plot zieht sich zum einen die Grundhaltung der Erwachsenen, die Kinder außen vor zu halten, sie nicht einzuweihen und über wichtige Dinge im Unklaren zu lassen. Tillys Großeltern beteuern, sich mit der ehemaligen Direktorin in den Kampf gegen den neuen Direktor zu begeben, verbieten Tilly aber jegliches Einmischen und im Verlauf des Buches wird in keinster Weise ein Fortschritt ihrer Bemühungen oder gar ein aktives Tun deutlich. Duckmäuserisches Abwarten auf den Sturz des Despoten kennt man von den Eliten jeglichen Staates, doch ist es nicht wirklich spannend, davon zu lesen. Zum anderen widersetzt sich Tilly natürlich all den Anordnungen ihrer Großeltern. Das rebellische Vorgehen könnte ja ganz spannend sein und heizt natürlich die Geschichte an – doch ist die Entscheidungsfindung mehrmals dermaßen naiv, lässt sich Tilly komplett uninformiert von den besorgten Grenzsetzungen ihrer Großeltern abbringen, dass man nur kopfschüttelnd zurückbleibt. Der pure Wunsch, etwas zu erleben, reicht bei einer Protagonistin, deren Mutter 11 Jahre lang in einem Buch gefangen gehalten und somit von Tilly getrennt wurde, einfach nicht aus als Motiv, um dem Leser glaubhaft zu vermitteln, dass alle Sorgen über Bord geworfen werden.

Die Erlebnisse in der Märchenwelt, in der alles drunter und drüber geht, Prinzessinnen nicht geheiratet werden wollen, weinerliche Prinzen den Sinn des Lebens suchen und Rotkäppchen die Wölfe erschlagen, sind absolut amüsant und erfrischend. Doch die Dramatik, dass in den Märchen Löcher aus Nichts auftauchen, Figuren verschwinden und die Buchmagie abgesogen wird – alles auf Betreiben des neuen Direktors, wird von den Protagonisten ohne aktive Gegenwehr hingenommen.

So endet auch das Buch absolut unbefriedigend mit einem Teilsieg des neuen Direktors und einer grüblerischen Tilly, die das Gefühl hat, etwas übersehen zu haben. Das war wohl als Cliffhanger zum dritten Teil gedacht, doch bleiben die Leser etwas ärgerlich zurück – denn soviel Lahmheit hätte man Tilly und ihren Großeltern nach dem fulminanten Start nun über 350 Seiten hinweg nicht zugetraut. Wahrscheinlich wird der dritte Band dann aber gelesen werden, in der Hoffnung auf eine spannungsgeladene Geschichte und ein verdientes Ende des Direktors mit geretteter Märchenwelt und glücklichem Happy End für die Underlibrary und Tilly. Es kann noch alles gut werden.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungsdatum: 06.08.2020
  • Seitenanzahl: 369
  • Alter: ab 10 Jahre
  • Reihe: Pages&Co., Band 2
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3961291526

Link zum Buch:

https://www.edelkidsbooks.de/