Bart Moeyaert, Bianca, Hanser Verlag
Knapp über 130
Seiten sollten schnell gelesen sein, denkt man, aber die liebe Bianca ist
sperriger als man es erwartet hätte. Es handelt sich um ein 12-jähriges
Mädchen, das mitten auf dem Sprung in die Pubertät ist und noch dazu in
komplizierten, man möchte es fast anstrengenden Familienverhältnissen lebt: die
Mutter ist mit dem herzkranken jüngeren Bruder Alan hinreichend überfordert,
Bianca wird als schwierig abgestempelt, zum getrennt lebenden Vater und dessen
neuer Lebensgefährtin kann sie auch nicht so oft und regelmäßig wie sie möchte,
weil sie auch dort mit ihrer Art aneckt.
Wenn man sich
dann aber ein wenig in ihr durch die Dialoge und kurzen inneren Monologe
geprägtes Psychogramm hineinliest, stellt man fest, dass es sich keineswegs um
ein besonders sperriges Kind handelt, auch kein besonders schwieriges, sondern
nur um ein Mädchen, das Zeit und Zuwendung braucht und mit sich selbst ins Reine
kommen muss – der Klassiker des Erwachsenwerdens. Sie kann es niemandem Recht
machen, hadert mit sich und ihrer Familie, kann die in ihrem Kopf rasenden
Antwortalternativen nicht passend und passabel zur Situation aus ihrem Mund
fließen lassen und schweigt deshalb öfter als nötig und auch öfter als es ihr
gut tun würde.
Selbst als die
Mutter eine bekannte Schauspielerin zu sich nach Hause einlädt, deren größter
Fan Bianca ist, kann sie aus ihrer Vermeidungshaltung nicht ausbrechen, die
sich zu einer Haltung, nicht gewollt und überflüssig zu sein, hineinsteigert,
gerade als Alan wieder einen seiner Anfälle bekommt.
Bestimmte Dinge
lassen sich dann nicht mehr korrigieren, aber Bianca gibt sich auf ihre Art
einen Ruck, um die Verhältnisse zu Mutter und Vater wieder zu verbessern. Man
würde sich wünschen, ihr bei den erhofften Erfolgen auch beiwohnen zu können,
nachdem man zuvor ihre inneren Zwiespalte hat kennen lernen müssen.
Das Buch ist
keine einfache Lektüre, aber es ist intensiv und ein grandios gelungenes Abbild
der inneren Gefühlszerrissenheit und sprachlichen Hilflosigkeit, die Kinder in
der Pubertät heimsucht. Die dabei gefundenen Sätze und Wortbilder sind zum Teil
erschütternd, gerade weil sie so gar nicht zu der phlegmatisch-vermeidenden Art
von Bianca zu passen scheinen. Was man nicht findet, sind programmatische
Lösungsstrategien oder Heile-Welt-Gedöns. Sondern echte Probleme aufeinander
angewiesener Menschen, die sich nur durch Kommunikation, gegenseitiges
Achtgeben und gegenseitige Offenheit hinsichtlich der füreinander empfundenen
Liebe und Sympathie beseitigen oder wenigstens verbessern lassen. Das allein
schon ist ein schöner und lohnenswerter Ansatz für viele gestresste
Eltern-Kind-Beziehungen.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungsdatum: 27.01.2020
- Seitenanzahl: 144
- Altersempfehlung: Ab 11 Jahre
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-26618-6
Link zum Buch:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/bianca/978-3-446-26618-6/
