Martin Walker, Connaisseur, Diogenes Verlag
Von Dr. Verena Krenberger
Bruno, der
Dorfpolizist aus dem französischen Périgord, ist mit seinem 12. Fall inzwischen
ein Veteran der Kriminalliteratur. Der Autor Martin Walker erzählt auch diese
Geschichte routiniert und mit überbordender Liebe für die französische Kultur
und Landschaft. Auch in diesem Fall muss Bruno sich mit einem Kapitalverbrechen
befassen – dem Mord an einer amerikanischen Studentin der Kunstgeschichte. Der
Fall bietet Walker die Möglichkeit, den verschiedenen Figuren sein umfassendes
Wissen um die französische Geschichte in den Mund zu legen. Seine Einlassungen
zu einzelnen Ortschaften und Schlössern laden dazu ein, selbst eine Reise in
die Gegend zu unternehmen und den Kriminalfall von Bruno als Städteführer zu
nutzen.
Oft wird dem
Autor und seinem Protagonisten vorgeworfen, zu seichte und wenig innovative
Kriminalfälle zu bieten. Doch wer harte, düstere und verwickelte Fälle lesen
möchte, sollte zu den skandinavischen Autoren greifen. Die Reihe rund um Bruno
bietet ein wenig Nervenkitzel, ein wenig Spannung – wie bei einem gut
gestellten Kreuzworträtsel. Hauptsächlich aber bietet die Reihe eine sanft
dahinplätschernde Darstellung französischer Lebenskunst, geschichtlicher
Exkurse, gewürzt mit Rezepten des Périgord und mit einem Personal, das sich im
Laufe der Fälle in keinster Weise weiterentwickelt. Bruno bleibt dauerhaft der
redliche und aufrechte Ordnungshüter, der privat zwischen verschiedenen
Liaisons dahin laviert und entscheidungsschwach ohne feste Beziehung bleibt.
Die treue Leserin wünscht ihm zwar endlich eine feste Beziehung, doch ist
dieses Setting ein Baustein der Bruno-Reihe, den der Autor sicher erst in
Brunos letztem Fall verändern wird. Der Autor ist in der Lage, mit seiner
eleganten Sprache und eingestreuten französischen Begriffen ein
Périgord-Feeling zu transportieren, das seine Begeisterung überträgt. Wer diese
sanfte Lektüre schätzt, in der es von allem ein bisschen gibt, wird auch von
diesem Band nicht enttäuscht.
Der 12. Fall nun
führt Bruno, der selbst geschichtlich interessiert ist, in die Nachkriegszeit
und in die Zeiten des Algerienkriegs. Eine amerikanische Doktorandin der
Kunstgeschichte studierte die private Sammlung eines Kunstprofessors des Louvre
und wird von Bruno eher zufällig tot aus einem Brunnenschacht geborgen. Wie so
oft bei Walker nimmt der Aufbau des Plots fast Dreiviertel des Buches ein und
erst gegen Ende ist überhaupt klar, ob es sich um einen Unfall oder um Mord
handelt. Schon immer etwas überzogen wirkt der Einbezug höchster französischer
Geheimdienste und Politik, sowie diesmal auch wieder amerikanischer
Privatdetektive und FBI-Agenten. Bruno agiert wie immer geschickt, ist im
großen Spiel ebenso zuhause wie bei der morgendlichen Dienstrunde über den
Marktplatz. Geschickt eingestreute Puzzleteile fügen sich am Ende zu einem Bild
zusammen, das einen Mord aus Gründen der Sicherung einer Erbschaft erscheinen
lässt. Auch in der Welt von Bruno ist jedoch nicht alles schwarz und weiß –
wenngleich fast nahezu alles. Die Erbschaft jedoch resultiert aus einer
Familiengeschichte, in der weit zurückreichende Schuld über Generationen
hinfort wirkt. Unterdrückter Hass und ungesühnte Ungerechtigkeit ist auch in
der Realität oft Motor schändlicher Taten.
Erstaunlich ist
die von Walker vorgestellte französische Lebensart und Gastfreundschaft, bei
der es selbstverständlich erscheint, dass der ermittelnde Polizeibeamte die
trauernde Mutter der Ermordeten bei sich zuhause im Kreis weiterer Gäste
bewirtet. In Deutschland in dieser Form sicher nicht denkbar.
Der 12. Fall von
Bruno ist auch eigenständig lesbar, doch wer sich eine ausgewogene stilistisch,
ausgefeilte, wenngleich sanfte Kriminallektüre gönnen möchte, liest am besten
gleich die ganze Reihe.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungsdatum: 01.05.2020
- Seitenanzahl: 448
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-07128-3
Link zum Buch:
https://www.diogenes.ch/leser/titel/martin-walker/connaisseur-9783257071283.html
