Emma Flint, Jungs verstehen das nicht, Arena Verlag
Von Dr. Verena Krenberger
Wäre nicht nur
so ein kurzer Zeitraum im Leben der elfjährigen Katinka Peters betroffen,
könnte man dem Buch schon fast den Stempel „Coming of age“ aufdrücken. Denn die
arme Katinka beschreibt in ihrem Tagebuch für die Dauer von etwa 6 Wochen wie
die bisher bekannte Welt um sie herum auf einmal anders ist und sie sich erst
einmal neu zurechtfinden muss. Schuld ist natürlich die Pubertät, der sie und
ihre Klassenkamerad(inn)en mit voller Wucht unterworfen sind und die alle
Maßstäbe, die vorher galten, in Frage zu stellen scheint.
Zu Beginn kommt
man ein wenig holprig in das Buch, weil es Misstrauen erweckt, wie da mit
affektierter, leicht dramatischer Sprache das angeblich beklagenswerte
Schicksal von Katinka von ihr selbst aufgerollt wird; graphisch unterstützt
wird das mit mehr oder weniger passenden Kritzeleien rund um den Text sowie
fett und in einer anderen Schriftart gedruckten Wörter oder ganzer
Satzpassagen. Wenn man sich aber über diese Lesehemmer hinwegsetzt, rollt sich
langsam eine schöne Geschichte vor den Leser(inne)n aus (ja, auch Jungs können
das Buch guten Gewissens lesen, notfalls zur Selbstbespiegelung), die viele
wichtige Themen der Pubertät anreißt und manchen guten Lösungsansatz bietet,
etwa: warum sind Mädchen so anders als Jungs? warum verhalten die sich jeweils
so und das erst seit kurzem? warum ist auf einmal alles Vorherige nicht mehr
angesagt, sondern „peinlich“? blamiert man sich nur noch oder darf man zu
seinen Fehlern stehen? wie geht man mit dem neu geweckten Interesse an Jungen/Mädchen
um? warum gibt es auf einmal Gruppenzwang und wie gehe ich damit um? warum darf
man nicht nett zu angeblichen Außenseitern sein? wie lerne ich, meine eigene
Meinung zu bilden und zu ihr zu stehen? wieviel Wahrheit verträgt Freundschaft?
etc.
Katinka muss all
das und dazu noch sonstige alltägliche Schul- und Familienprobleme erfahren,
verarbeiten und irgendwie meistern, lernt dabei in rascher Zeit unglaublich
viel über andere und vor allem über sich und beginnt, sich auf einen eigenen,
für die akzeptablen Weg in die Pubertät zu begeben. Das Schöne dabei ist, dass
man sie dabei begleiten kann, wie sie einerseits die Freundschaft zu ihrem
Kumpel Mats erhält und festigt, sich mit teilweise ungewollten, teilweise
mutigen Aktionen den Respekt der Jungsclique erarbeitet und es dennoch schafft,
auch in einer auf Mode und Aussehen kaprizierten Mädchengruppe angenommen zu
werden und dort auch auf ihre Weise zu bestehen. Das sind alle riesige
Entwicklungsschritte und Erfahrungen, die so viele Kinder machen müssen und bei
denen sie die Eltern mit mehr als schlauen Plattitüden begleiten müssen – in
einem ständigen trial and error System, denn weder „verstehen“ die Eltern
wirklich die hochkomplexen Abläufe im Kopf des Kindes und in der Dynamik der
Gruppen, noch können/wollen sich die Kinder mit ihren neuen Erfahrungen
vollständig öffnen, sondern müssen vieles selbst mit sich ausmachen und
erlernen. Das alles wird hier trefflich beschrieben und halbwegs gut
gemeistert, sodass sich viele Kinder an Katinka auch als Vorbild orientieren
können: sie tritt in Fettnäpfchen, aber sie ist auch mutig und findet den für
sie richtigen Weg. Die ihr rechts und links angebotenen Beispiele, vom
angehenden It-Girl bis zur strickenden Gothic-Schülerin, nimmt sie erstaunt zur
Kenntnis, ohne sich in die Gefahr des Kopierens zu begeben. Dass sie zudem in
der Schule erlebt, wie sie in (vermeintlichen) Krisensituationen unerwartete
Hilfe erhält, ist ein weiteres schönes Element des Buches. Zusammen mit dem
sympathischen Ende kann ich daher – auch für mich leicht überraschend – die
Lektüre des Buches nur empfehlen, sowohl für Eltern (vor)pubertierender Kinder
als auch für die jungen Leser(innen) selbst.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungsdatum: Januar 2020
- Seitenanzahl: 280
- Altersempfehlung: 11 Jahre
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-401-51171-9
Link zum Buch:
https://www.arena-verlag.de/artikel/jungs-verstehen-das-nicht-978-3-401-51171-9
