Fabrizio Gatti, Der amerikanische Agent, Kunstmann Verlag
Der „Sachroman“
als Genre zwischen echter Fiktion und Aufklärungs-Sachbuch: eine geläufige,
aber bislang noch nicht häufige Buchform, die aber bei richtiger
Herangehensweise durchaus fesselnd sein kann. Der Autor, Fabrizio Gatti, ist
sowohl als Journalist als auch als Autor tätig und ist mehrfach ausgezeichnet
worden. Dass er zwischen den benannten Kategorien wandeln kann, hat er damit
bewiesen und auch das vorliegende Buch bietet das, was man von ihm erwarten
kann.
Hauptfigur ist
der (fiktive) Simone Pace, der in Italien ein Doppelleben führt: einerseits ist
er in Diensten des Staates, zuerst als Polizist, später in nicht näher
aufgeklärten Funktionen. Andererseits ist er ein vom amerikanischen
Geheimdienst CIA angeworbener ausländischer Zuarbeiter, der vor Ort Aufträge
ausführen soll, zu denen die Amerikaner selbst entweder nicht in der Lage sind
oder dies nicht selbst ausführen wollen. Immerhin ist Italien ja
NATO-Verbündeter. Simone Pace, eigentlich glücklich liiert und Vater einer
Tochter, lässt sich nach anfänglichem Zaudern mit Feuereifer auf das
klandestine Spiel der Geheimdienste ein, das fortan zu einem wesentlichen
Bestandteil seines Lebens und seiner Psyche wird. Der Verlust der Familie folgt
zwangsläufig, aber er hat ja jetzt Ersatz in Form seiner Auftraggeber und
Controller, obwohl diese ihn – was er sehr genau weiß – in einer
Krisensituation einfach abschalten und im Stich lassen würden, ja müssten. Denn
er ist für sie und alle ein namen- und gesichtsloses Rädchen im weltweiten
Spionage- und Gegenspionagespiel. Dies zieht sich fort bis zum Ende, wenn er
die Regeln der Geheimnistuerei so verinnerlicht hat, dass er und seine große
(neue) Liebe sich nach mancher Tortur zwar wiedersehen, aber so gefangen von
ihren indoktrinierten Prinzipien sind – sie ist auch (ehemalige) Mitarbeiterin
der CIA –, dass sie diese Fesseln beibehalten und nicht ihr Leben fortan
zusammen verbringen. Arm und armselig, was soll das noch für eine lohnenswerte
Existenz sein?
Kern der
Geschichte ist die Offenbarung Paces gegenüber einem Journalisten, dem er die
„Wahrheit“ über die Machenschaften der CIA auf europäischem Boden offenbaren
möchte, bevor er mit neuer Identität aus dem „offiziellen“ Dienst ausscheidet.
Aus den Erzählungen kommt zwar teilweise heraus, dass er nicht wirklich auf
alle Einsätze stolz ist, in denen er Recht und Völkerrecht gebrochen hat. Aber
der Streifgang durch die Jahrzehnte zeigt deutlich, wie sehr ihm seine Aufgabe
gefallen hat und wie wichtig es ihm war, tatsächlich ins Hauptquartier nach
Langley eingeladen zu werden, um dort eine namenlose Uhr als Belobigung zu
empfangen. Zum Kopfschütteln.
Das Buch ist
nett und flüssig zu lesen. Der Spannungsbogen der Geschichte ist aber das
Problem. Zum einen nimmt er gegen Ende rapide ab, wenn es nur noch um die Abwicklung
der Existenz Paces geht und auch die Kapitel über die Einsätze eher
Fallberichten gleichen als den vorherigen emotionalen Erzählungen. Zum anderen
wird nicht so ganz klar, was der Impetus des Werks sein soll: soll nur eine
Geschichte erzählt werden oder soll wirklich etwas aufgedeckt werden? Die von
Pace behaupteten Zusammenhänge zwischen seinen Aktionen und späteren
Entwicklungen europäischer Geschichte sind möglich, aber nicht zwingend. Und so
hat man mitunter durchaus das Gefühl, dass da ein ziemlicher Aufschneider
erzählt, zu überzeugt von sich und seiner vermeintlichen Rolle im Gesamtgefüge.
Insoweit ist das Versprechen der Banderole „Spannend wie ein Thriller“ maßlos
übertrieben. Es ist ein gutes und interessantes Buch, dessen Lektüre man nicht
zu reuen braucht. Aber mehr eben auch nicht.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungsdatum: März 2020
- Seitenanzahl: 400
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-95614-354-0
Link zum Buch:
https://www.kunstmann.de/buch/fabrizio__gatti-der_amerikanische_agent-9783956143540/t-0/
