Freitag, 12. Februar 2021

Mick Herron, Slow Horses

Mick Herron, Slow Horses, Diogenes Verlag

Der Band „Slow horses“ ist der erste einer mehrbändigen Reihe über Jackson Lamb, seines Zeichens abgeschobener Agent des britischen Geheimdienstes MI5 und Leiter einer Truppe von ebenfalls aussortierten Versagern, die im Slough house konzentriert sind und von dort aus stupiden Tätigkeiten nachgehen. Obwohl die einzelnen Mitarbeiter am Anfang des Buches aufgelistet sind – ebenso übrigens wie einige der Protagonisten aus dem Hauptquartier, ist es während der Lektüre mitunter nicht so ganz einfach, den Überblick über alle Charaktere zu behalten. Denn einerseits ist es sehr schön, dass sich Herron die Zeit nimmt, zu nahezu allen der „slow horses“ Hintergrundinformationen zu platzieren. Andererseits verliert die Story so ein wenig den Faden und das Buch gewinnt an Opulenz, die einem Krimi oder Thriller nicht so gut zu Gesicht steht, wenn der Showdown wie hier eher lau ausfällt.

Neben Lamb ist River Cartwright eine der wichtigsten Personen, die in Slough house ihren Dienst tun und mit diesem Schicksal hadern. Jeder der dort Platzierten hat sein eigenes Päckchen des Versagens zu tragen, bei River ist es einerseits eine vermasselte Großübung an einem öffentlichen Bahnhof, aber er hat, was erst später ans Licht kommt, auch noch anderweitig den Unmut der Vorgesetzten auf sich gezogen, und konnte der kompletten Demission nur deshalb entgehen, weil sein Großvater eine leitende Rolle beim MI5 gespielt hatte. Daneben gibt es noch einige weitere Gescheiterte, die alle auf ihre eigene Weise mit der „Verbannung“ umgehen, aber sich im Laufe der Geschichte doch als erstaunlich schlagfähiges Team erweisen.

Denn neben den ganzen Geschichten, die sich intern um die slow horses drehen, gibt es ein ganz handfestes Problem: entführt wurde der junge Hassan, ausgerechnet ein Neffe eines hochrangigen pakistanischen Militärs, und zwar von einer bis dahin nicht sonderlich auffälligen pro-britischen radikalen Vereinigung, die ihn in einem Live-Stream zu enthaupten drohen. Das alles wäre kaum ein Auftrag, den die Ausgemusterten im Slough house übertragen bekämen, doch die Entführer bergen ein Geheimnis, sodass der MI5 selbst sich nicht die Finger daran verbrennen oder schmutzig machen will, wohl aber die Lorbeeren für eine gelungene Befreiung Hassans einheimsen möchte. Lamb durchschaut dies und es beginnt einerseits ein Wettlauf gegen die Zeit, um Hassan zu finden und zu retten, andererseits aber ein perfides Doppelspiel mit Täuschung und Gegentäuschung, das die ranghohen Vertreter gegeneinander spielen, um bei einem Misserfolg der Operation diesen nicht angelastet zu bekommen.

Die Geschichte entwickelt sich etwas schleppend, gewinnt aber an Masse und Dynamik, sodass man – abgesehen von der Namensvielfalt mit entsprechenden Mühen beim Lesen und Erinnern – dem Geschehen gerne und immer wieder mit Erstaunen folgt. Lambs abgeklärte, rotzige Art führt zu manchem spontanen Lacher, aber auch die auf einmal möglichen Perspektiven der eigentlich Abgehalfterten sind erfreulich. Insgesamt ist der Roman aber zu lang und das Ende ist, wie schon gesagt, etwas lau, weil sich Herron nicht zwischen echtem Showdown bei der Geisel und den MI5-Granden entscheiden konnte, sondern beides verarbeitet hat, was dann zulasten des Spannungsbogens geht. Man darf gespannt auf die Folgebände sein.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Seitenanzahl: 512
  • Erschienen am: 01.09.2019
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-24505-9

Link zum Buch:

https://www.diogenes.ch/leser/titel/mick-herron/slow-horses-9783257245059.html