Mick Herron, Slow Horses, Diogenes Verlag
Der Band „Slow
horses“ ist der erste einer mehrbändigen Reihe über Jackson Lamb, seines
Zeichens abgeschobener Agent des britischen Geheimdienstes MI5 und Leiter einer
Truppe von ebenfalls aussortierten Versagern, die im Slough house konzentriert
sind und von dort aus stupiden Tätigkeiten nachgehen. Obwohl die einzelnen
Mitarbeiter am Anfang des Buches aufgelistet sind – ebenso übrigens wie einige
der Protagonisten aus dem Hauptquartier, ist es während der Lektüre mitunter
nicht so ganz einfach, den Überblick über alle Charaktere zu behalten. Denn
einerseits ist es sehr schön, dass sich Herron die Zeit nimmt, zu nahezu allen
der „slow horses“ Hintergrundinformationen zu platzieren. Andererseits verliert
die Story so ein wenig den Faden und das Buch gewinnt an Opulenz, die einem
Krimi oder Thriller nicht so gut zu Gesicht steht, wenn der Showdown wie hier
eher lau ausfällt.
Neben Lamb ist
River Cartwright eine der wichtigsten Personen, die in Slough house ihren
Dienst tun und mit diesem Schicksal hadern. Jeder der dort Platzierten hat sein
eigenes Päckchen des Versagens zu tragen, bei River ist es einerseits eine
vermasselte Großübung an einem öffentlichen Bahnhof, aber er hat, was erst
später ans Licht kommt, auch noch anderweitig den Unmut der Vorgesetzten auf
sich gezogen, und konnte der kompletten Demission nur deshalb entgehen, weil
sein Großvater eine leitende Rolle beim MI5 gespielt hatte. Daneben gibt es
noch einige weitere Gescheiterte, die alle auf ihre eigene Weise mit der
„Verbannung“ umgehen, aber sich im Laufe der Geschichte doch als erstaunlich
schlagfähiges Team erweisen.
Denn neben den
ganzen Geschichten, die sich intern um die slow horses drehen, gibt es ein ganz
handfestes Problem: entführt wurde der junge Hassan, ausgerechnet ein Neffe
eines hochrangigen pakistanischen Militärs, und zwar von einer bis dahin nicht
sonderlich auffälligen pro-britischen radikalen Vereinigung, die ihn in einem
Live-Stream zu enthaupten drohen. Das alles wäre kaum ein Auftrag, den die
Ausgemusterten im Slough house übertragen bekämen, doch die Entführer bergen
ein Geheimnis, sodass der MI5 selbst sich nicht die Finger daran verbrennen
oder schmutzig machen will, wohl aber die Lorbeeren für eine gelungene
Befreiung Hassans einheimsen möchte. Lamb durchschaut dies und es beginnt
einerseits ein Wettlauf gegen die Zeit, um Hassan zu finden und zu retten,
andererseits aber ein perfides Doppelspiel mit Täuschung und Gegentäuschung,
das die ranghohen Vertreter gegeneinander spielen, um bei einem Misserfolg der
Operation diesen nicht angelastet zu bekommen.
Die Geschichte
entwickelt sich etwas schleppend, gewinnt aber an Masse und Dynamik, sodass man
– abgesehen von der Namensvielfalt mit entsprechenden Mühen beim Lesen und
Erinnern – dem Geschehen gerne und immer wieder mit Erstaunen folgt. Lambs
abgeklärte, rotzige Art führt zu manchem spontanen Lacher, aber auch die auf
einmal möglichen Perspektiven der eigentlich Abgehalfterten sind erfreulich.
Insgesamt ist der Roman aber zu lang und das Ende ist, wie schon gesagt, etwas
lau, weil sich Herron nicht zwischen echtem Showdown bei der Geisel und den
MI5-Granden entscheiden konnte, sondern beides verarbeitet hat, was dann
zulasten des Spannungsbogens geht. Man darf gespannt auf die Folgebände sein.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Seitenanzahl: 512
- Erschienen am: 01.09.2019
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-24505-9
Link zum Buch:
https://www.diogenes.ch/leser/titel/mick-herron/slow-horses-9783257245059.html
