Peter Hoeg, Durch deine Augen, Hanser Verlag
Es ist immer ein
bisschen schwierig, wenn man, begeistert von den früheren Romanen eines Autors,
dessen neuestes Werk liest und zwar immer wieder die Gründe wiederentdeckt, die
zu der früheren Begeisterung geführt haben, aber insgesamt von dem neuen Werk
ein wenig enttäuscht ist.
Zuerst kurz zum
Inhalt, sofern man diesen überhaupt in Fakten zusammenfassen mag: es gibt drei
Freunde aus Kindergartenzeiten, Peter, Simon und Lisa. Der Roman beginnt mit
den erwachsenen Personen, aber führt parallel und ständig durch die kindliche
Vergangenheit, die am Ende auch der Schlüssel für den Roman ist. Simon ist
durch den Verlust der Mutter schon in Kindtagen traumatisiert, Lisa verliert
später ihre Eltern und muss als Erwachsene erst durch die Begegnung mit Peter
und Simon in ihre Vergangenheit stückweise zurückkehren. Peter ist ein
Bindeglied zwischen beiden, hat aber sein traumatisches Erlebnis in der
gescheiterten Ehe, obwohl er sich es ganz anders vorgenommen hatte. Lisa ist
inzwischen zur Leiterin eines geheimen Instituts aufgestiegen, weil sie die
Fähigkeit besitzt, in die Psyche von Menschen zu gelangen und ihnen so zu
helfen versucht, Traumata zu überwinden. Peter kommt nach einem
Selbstmordversuch Simons auf die Spur ihres Instituts und ist – wie schon früher
– fasziniert von Lisa, die schon damals mit Simon und Peter zusammen ihre
Fähigkeit entdeckt und entwickelt hat, in die Träume anderer zu gelangen und
sich mental zu verbinden. Für Peter ist diese Erfahrung, an Lisas Experimenten
und Therapiesitzungen teilzunehmen, eine wahre Grenzüberschreitung: er kommt
anderen Menschen und deren Erlebnissen und Abgründen näher als ihm lieb ist,
aber auch er selbst muss seine Grenzen kennen lernen. Trotz ihrer Bemühungen
und Fortschritte können die beiden Simon nicht retten, wohl aber für sich
selbst unerwartete Entwicklungen anstoßen.
Wie immer bei
Hoeg gibt es eine starke Frauenfigur mit übersinnlichen Fähigkeiten. Und wie
immer ist der Roman geprägt von starken Sprachbildern und überragend gut
gesetzten Ansätzen für philosophisch vertiefte Überlegungen, insoweit auch
wieder ein Lob für die gelungene Übersetzung. Angeschnitten wird etwa die
Relativität der Zeit, das Vorhandensein eines kollektiven Bewusstseins, die
Volatilität von Zukunftswissen angesichts unendlicher
Entscheidungsmöglichkeiten, aber auch ganz konkrete Lebensmetathemen wie das
Vergeben, das Verarbeiten von Erlebnissen, die Beziehung von Menschen
zueinander und miteinander und das Scheitern samt Auswirkungen auf die eigene
Psyche. Die Frage nach Grenzen, eigenen und fremden, ist ebenso Thema des
Romans wie die nach Gut und Böse.
Ein solcher
bisweilen bombastischer Überbau müsste aber auch von einer entsprechenden
Geschichte getragen werden. Das ist diesmal leider nicht der Fall. Der Roman
ist einfach nicht spannend, allenfalls interessant und gut geschrieben. Die
vorherigen Romane wurden von der Spannung des Plots getragen, dieser jedoch
mäandert vor sich hin im Versuch, die Fäden des Gedankenexperiments nicht zu
verlieren und am Ende zu vereinen und doch irgendwie offen zu halten, da es
natürlich auf die angesprochenen Fragen keine eindeutigen Antworten geben kann.
Die Lektüre ist
trotzdem zu empfehlen, gerade weil der Roman immer wieder zur kritischen
Selbstprüfung führen wird. Aber in der Reihe der Romane Hoegs gehört er nicht
zu den stärksten Exemplaren.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungsdatum: 18.02.2019
- Seitenanzahl: 336
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-26168-6
Link zum Buch:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/durch-deine-augen/978-3-446-26168-6/
