Rebecca Wait, Das Vermächtnis unserer Väter, Kein&Aber
Verlag
Der Roman von
Rebecca Wait greift gleich mehrere höchst spannende Themenkomplexe heraus, die
sich gut dazu eignen, menschlichen Abgründen auf die Spur zu kommen: zunächst
die biologische bzw. pädagogische Determination von Kindern: wieviel Einfluss
haben die Gene, wieviel die äußeren Einflüsse auf den Charakter eines Kindes?
Wird es automatisch zum Ebenbild seiner Eltern, mglw. nur eines Elternteils
oder ist sein Charakter anderweitig prägbar? Diese Problematik kommt schon im
(deutschen) Titel des Romans zum Tragen, der vom „Vermächtnis unserer Väter“
spricht. Darüber hinaus geht es aber auch um den Umgang mit familiären
Schicksalsschlägen und einem Verbrechen, um den Umgang mit (gefühlter) Schuld,
ebenso aber um die Fähigkeit seine Leben im manchmal unlösbaren Konflikt
zwischen Empfindungen und Erstarrung im Pflichtenkorsett zu führen und Auswege
zu suchen.
Dadurch dass
Wait die Szenerie auf eine nur minimal besiedelte Insel der schottischen
Hebriden verlegt, haben die Protagonisten tatsächlich nur wenige
Veränderungsmöglichkeiten: jeder kennt jeden, man will aber keinen Ärger,
sodass das zentrale Ereignis des Romans, die Auslöschung einer Familie durch
den Vater, der nur der Protagonist Tommy entkommt, von den Inselbewohnern als
völlig überraschend wahrgenommen und so erfolgreich verdrängt wird. Dies
hindert auch die durchaus unangenehme Selbstbefragung, ob man nicht Anzeichen
des psychopathisch kontrollwütigen Vaters früher hätte wahrnehmen und Mutter
und Kindern hätte helfen müssen. Dass diese Fragen alle wieder an die Oberfläche
gespült werden, liegt daran, dass Tommy nach Jahren wieder wie aus dem Nichts
auf der Insel erscheint, bei seinem Onkel Malcolm Quartier bezieht und alle
Inselbewohner hochgradig verwirrt sind, was der Junge hier will. Tommy weiß es
offenbar selbst nicht so richtig, aber das Ereignis hat sein Leben komplett aus
den Fugen geraten lassen, sodass er trotz Beziehung, Studiums und Job nie ganz
von den schrecklichen Erinnerungen losgekommen ist. Er bemerkt aber sukzessive,
dass die Vorwürfe, die er sich stets gemacht hat, nämlich den Mord des Vaters
ausgelöst und dazu seinen Bruder Nicky nicht gerettet zu haben, nicht mit den
realen Ereignissen zeitlich in Übereinstimmung zu bringen sind.
Was mich an dem
Roman langweilt, ist die Langatmigkeit, das Abgleiten auf Nebenkriegsschauplätze
und die zu offene Schlusserzählung. Die Charaktere zeichnen sich alle so sehr
durch Vermeiden und Nicht-Aktivitäten aus, dass man sie irgendwann schütteln
möchte. Das Verharren im ungeliebten Ist ohne nennenswerten Versuch auszubrechen
oder das Wesentliche endlich einmal auf den Tisch zu bringen, ist zwar allzu
menschlich, macht aber einen Roman von immerhin 334 Seiten ein wenig blutleer.
Weder werden alle Details des Mordes aufgeklärt noch ergeben die vielen
Rückblenden auf die Beziehung von Tommys Eltern zu ihren eigenen Eltern
wirklich Sinn für den Gesamtkontext des Romans. Und Tommys Entscheidung am Ende
lässt den Leser eher ratlos zurück.
Der Eindruck
bleibt am Ende also ein wenig schal, man hätte mehr aus der Story machen können.
Trotzdem liest sich der Roman angenehm, die Figuren sind in sich glaubwürdig
und einige sprachliche Leckerbissen warten in den Kapiteln, starke Ausdrücke,
die schön im Kopf widerhallen und die Lektüre kurz innehalten lassen.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 10.09.2019
- Seitenanzahl: 336
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-0369-5808-8
Link zum Buch:
https://keinundaber.ch/de/autoren-regal/rebecca-wait/das-vermachtnis-unsrer-vater/1083
