Charlotte Habersack, Mopsa – Eine Maus kommt ganz groß raus, Carlsen Verlag
Von Dr. Verena Krenberger
Wenn Charlotte
Habersack ein Kinderbuch schreibt, kommt – so auch hier – eine schöne, spannend
erzählte und mit vielen Metathemen gespickte Geschichte in den Köpfen der
kleinen Leserinnen und Lesern an. Dieses Kinderbuch allerdings, verlagsseits
für Kinder ab fünf Jahren empfohlen, steht meiner Ansicht nach irgendwo
zwischen kindlich-geeigneter Grundgeschichte und einem Setting, das viel
Grundwissen und eine gewisse Robustheit für belastende Wendungen in einer
Geschichte abfordert. Mithin: mir ist schleierhaft, für welche Altersgruppe
sich das Werk tatsächlich eignen soll, dazu dann gleich mehr.
Mopsa lebt in
einer vergangenen Zeit, als man noch mit Kutschen unterwegs war und die
gesellschaftlichen Schichten klar definiert waren. Mopsa und ihre Mäusefamilie
und Mäusefreunde leben unter der Tyrannei einer dicken Ratte, die von den
mühsam ergatterten Nahrungsmitteln immer einen gehörigen Obulus für sich
beansprucht. Mopsa wird das irgendwann zuviel, möchte sie doch sowieso hinaus
in die Stadt und die Welt, um ihrem künstlerischen Talent endlich Raum zu geben
und ans Theater zu gehen. Sie bricht mit der Ratte und wird folglich von ihm
hinausgeworfen. Sie lässt ihre Familie und ihre beste Freundin zurück – schon
das ist harter Tobak für die oben genannte Zielgruppe. In der Stadt muss sie
sich mit ihrem Bruder erst einmal zurechtfinden und merkt, dass es gar nicht so
einfach ist, ohne echten Plan zu überleben. So landet sie auf einem Jahrmarkt,
bei einem Tierhändler und schließlich als possierliches neues Haustier in einer
betuchten Familie, aber bei weitem nicht auf der Bühne. Sie lässt sich aber
nicht unterkriegen und nutzt die Kontakte der Familie, um den
Theaterintendanten zu beeindrucken, der sie doch tatsächlich in seinem Stück
besetzen möchte. Über die Plakate hofft sie auch, wieder Kontakt zu ihrem
Bruder zu bekommen. Als sie kurz vor ihrem Auftritt tatsächlich auf ihren
Bruder trifft, muss sie sich entscheiden: beseitigt sie eine ihr bekannte große
Gefahr für ihre Mäusefamilie im Rathausturm oder folgt sie dem Ruf der Bühne?
Mopsa wäre nicht Mopsa, wenn sie nicht am Ende beides hinbekommen würde.
Die Geschichte
handelt von Mut, Durchsetzungswille, Findigkeit, Geschwister- und Familienliebe
und hat natürlich ein Happy End. Eigentlich tolle Themen für ein Buch für
Vorschulkinder, wenn da nicht das Setting wäre. Es mag noch angehen, dass man
die Mäuse vermenschlicht, das ist ja auch ein Grundprinzip von Fabeln. Aber die
historische Komponente dürfte viele kleine Kinder überfordern. Die
österreichischen Begrifflichkeiten, die Klassenordnung mit Personal und
Gehorsam, die klischeehaften Rollen von Mann und Frau, all das passt nicht so
recht zu einem Kinderbuch aus dem Jahr 2020. Wenn man schon positive Themen im
Handeln von Mopsa besetzen möchte, warum muss das in so einer altbackenen und
überkommenen Szenerie geschehen? Hinzu kommt, dass Handlungsstränge, Motive und
Interaktionen einen gewissen geistigen Empfängerhorizont verlangen, den ich bei
Vorschulkindern nicht zwingend unterstellen würde. Selbstleser hingegen dürften
von der Geschichte mglw. nur wenig überzeugt sein, gerade weil sie schon mehr
mit gesellschaftskritischen Themen konfrontiert sind oder Mopsas Verlangen nach
der Bühne schlicht für unrealistisch erachten.
Insofern tue ich
mir schwer mit dem Buch. Die Geschichte ist nett, die Spannung ist durchaus
kindgerecht aufgebaut, Probleme und Lösungswege sind meist gut nachvollziehbar, die Illustrationen sind toll gelungen.
Aber das Drumherum passt nicht, weder für ein Vorlesebuch für Vorschulkinder
noch für ein Erstleserbuch.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 01.10.2020
- Seitenanzahl: 192
- Altersempfehlung: Ab 5 Jahre
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-551-65222-5
Link zum Buch:
https://www.carlsen.de/hardcover/mopsa-eine-maus-kommt-ganz-gross-raus/978-3-551-65222-5
