Samstag, 24. April 2021

Charlotte Habersack, Mopsa

Charlotte Habersack, Mopsa – Eine Maus kommt ganz groß raus, Carlsen Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

Wenn Charlotte Habersack ein Kinderbuch schreibt, kommt – so auch hier – eine schöne, spannend erzählte und mit vielen Metathemen gespickte Geschichte in den Köpfen der kleinen Leserinnen und Lesern an. Dieses Kinderbuch allerdings, verlagsseits für Kinder ab fünf Jahren empfohlen, steht meiner Ansicht nach irgendwo zwischen kindlich-geeigneter Grundgeschichte und einem Setting, das viel Grundwissen und eine gewisse Robustheit für belastende Wendungen in einer Geschichte abfordert. Mithin: mir ist schleierhaft, für welche Altersgruppe sich das Werk tatsächlich eignen soll, dazu dann gleich mehr.

Mopsa lebt in einer vergangenen Zeit, als man noch mit Kutschen unterwegs war und die gesellschaftlichen Schichten klar definiert waren. Mopsa und ihre Mäusefamilie und Mäusefreunde leben unter der Tyrannei einer dicken Ratte, die von den mühsam ergatterten Nahrungsmitteln immer einen gehörigen Obulus für sich beansprucht. Mopsa wird das irgendwann zuviel, möchte sie doch sowieso hinaus in die Stadt und die Welt, um ihrem künstlerischen Talent endlich Raum zu geben und ans Theater zu gehen. Sie bricht mit der Ratte und wird folglich von ihm hinausgeworfen. Sie lässt ihre Familie und ihre beste Freundin zurück – schon das ist harter Tobak für die oben genannte Zielgruppe. In der Stadt muss sie sich mit ihrem Bruder erst einmal zurechtfinden und merkt, dass es gar nicht so einfach ist, ohne echten Plan zu überleben. So landet sie auf einem Jahrmarkt, bei einem Tierhändler und schließlich als possierliches neues Haustier in einer betuchten Familie, aber bei weitem nicht auf der Bühne. Sie lässt sich aber nicht unterkriegen und nutzt die Kontakte der Familie, um den Theaterintendanten zu beeindrucken, der sie doch tatsächlich in seinem Stück besetzen möchte. Über die Plakate hofft sie auch, wieder Kontakt zu ihrem Bruder zu bekommen. Als sie kurz vor ihrem Auftritt tatsächlich auf ihren Bruder trifft, muss sie sich entscheiden: beseitigt sie eine ihr bekannte große Gefahr für ihre Mäusefamilie im Rathausturm oder folgt sie dem Ruf der Bühne? Mopsa wäre nicht Mopsa, wenn sie nicht am Ende beides hinbekommen würde.

Die Geschichte handelt von Mut, Durchsetzungswille, Findigkeit, Geschwister- und Familienliebe und hat natürlich ein Happy End. Eigentlich tolle Themen für ein Buch für Vorschulkinder, wenn da nicht das Setting wäre. Es mag noch angehen, dass man die Mäuse vermenschlicht, das ist ja auch ein Grundprinzip von Fabeln. Aber die historische Komponente dürfte viele kleine Kinder überfordern. Die österreichischen Begrifflichkeiten, die Klassenordnung mit Personal und Gehorsam, die klischeehaften Rollen von Mann und Frau, all das passt nicht so recht zu einem Kinderbuch aus dem Jahr 2020. Wenn man schon positive Themen im Handeln von Mopsa besetzen möchte, warum muss das in so einer altbackenen und überkommenen Szenerie geschehen? Hinzu kommt, dass Handlungsstränge, Motive und Interaktionen einen gewissen geistigen Empfängerhorizont verlangen, den ich bei Vorschulkindern nicht zwingend unterstellen würde. Selbstleser hingegen dürften von der Geschichte mglw. nur wenig überzeugt sein, gerade weil sie schon mehr mit gesellschaftskritischen Themen konfrontiert sind oder Mopsas Verlangen nach der Bühne schlicht für unrealistisch erachten.

Insofern tue ich mir schwer mit dem Buch. Die Geschichte ist nett, die Spannung ist durchaus kindgerecht aufgebaut, Probleme und Lösungswege sind meist gut nachvollziehbar, die Illustrationen sind toll gelungen. Aber das Drumherum passt nicht, weder für ein Vorlesebuch für Vorschulkinder noch für ein Erstleserbuch.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 01.10.2020
  • Seitenanzahl: 192
  • Altersempfehlung: Ab 5 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-551-65222-5

Link zum Buch:

https://www.carlsen.de/hardcover/mopsa-eine-maus-kommt-ganz-gross-raus/978-3-551-65222-5