Donnerstag, 26. August 2021

Una Mannion, Licht zwischen den Bäumen

Una Mannion, Licht zwischen den Bäumen, Steidl Verlag

Dass im Steidl-Verlag das Romandebüt einer mehrfach für Gedichte und Kurzgeschichten ausgezeichneten Schriftstellerin erscheint, zeigt einmal mehr, dass man dort ein gutes Händchen für Autoren hat. Das Werk „Licht zwischen den Bäumen“ weist zwar viele potentielle autobiographische Elemente in Form von Kindheitserinnerungen, Familienkonstellation und landschaftlichen Besonderheiten auf, aber das schadet dem Roman nicht, sondern stattet ihn mit einer gewissen Glaubwürdigkeit aus. Protagonistin ist der Teenager Libby Gallagher, die das mittlere von fünf Kindern ist, von denen jedes sein eigenes emotionales Päckchen mit sich zu tragen hat. Der Vater, der schon seit längerem nicht mehr bei der Familie wohnte, ist vor kurzem verstorben und die Mutter ist mit der familiären und persönlichen Situation überfordert. Insbesondere Libby hängt noch sehr am Vater und kann sich mit seinem Verlust, aber auch dem Verblassen seiner Stellung innerhalb der Familie nicht so recht abfinden.

Das Geschehen beginnt am letzten Schultag und die Sommerferien stehen bevor, was in den USA immer wahlweise ein Quell vieler Erlebnisse und Abenteuer oder großer Langeweile zu sein droht – je nach Einkommenssituation der jeweiligen Familie. Libby hat keine Pläne für die Ferien, ihre jüngere Schwester Ellen würde gerne ein Kunstcamp besuchen, die Kleinste, Beatrice, hat noch keine Gedanken über Ferienerlebnisse. Thomas, der Zweitälteste ist nach dem Tod des Vaters verschlossener als vorher, und Marie, die Älteste, wechselt auf die Universität und verlässt das Elternhaus, um fortan in der Stadt zu wohnen und in einem Plattenladen zu jobben. Auf der Autofahrt nach Hause gibt es wieder einmal Streit zwischen Mutter und den Kindern, der in gehässigen Bemerkungen vor allem von Ellen und einem unbedachten Rütteln am Fahrersitz gipfelt. Der Mutter wird es zu viel und sie wirft Ellen aus dem Wagen, fast 10km vor ihrem Zuhause. Die anderen Kinder sind entsetzt, opponieren aber nicht. Ellen beschließt zu trampen, steigt in das erste Fahrzeug, aber als der Fahrer beginnt, sie zwischen den Beinen zu berühren, nutzt sie die erste Möglichkeit, um aus dem fahrenden Auto zu springen und zu flüchten. Dabei verletzt sie sich erheblich und schlägt sich irgendwie zum Haus der Bouchers durch, wo Libby jeden Freitag Babysitter ist. Ab da geraten die Dinge noch mehr ins Wanken. Denn die Kommunikationsstrukturen innerhalb der Familie sind gestört, sodass der Mutter nichts erzählt wird, aber einem psychisch als instabil geltenden Bekannten von Marie, der sich dann auch noch vornimmt, den Täter anhand von Ellens Beschreibungen aufzuspüren und ihm eine Lektion zu verpassen. Aber auch dies wird nicht weiter kommuniziert wie so viele andere Gefühle, Bedürfnisse und Entwicklungen innerhalb der Familie, sodass alle irgendwie nebeneinander herleben und sich in Problemspiralen hineindrehen, die man so einfach hätte durchbrechen können. Libby möchte Wilson, ihre neue Problembekanntschaft, am liebsten loswerden, aber der ist auf einmal ständig als Helfer präsent. Der Auszug Maries trifft sie ebenfalls schwer, genauso dass die Mutter seit langem einen neuen heimlichen Partner hat, mutmaßlich der Vater von Beatrice. Mit Sage, ihrer besten Freundin, streitet sie auch häufiger als zuvor, sodass ihr auch da ein Vertrauensanker abhandenkommt. Das Ganze gipfelt dann darin, dass Wilson den Täter tatsächlich findet, aufsucht und ihn ordentlich vermöbelt, sodass dieser dann anfängt, in Libbys Wohngegend nach Wilson zu suchen. Das bleibt den Kindern nicht verborgen und Ellen, die eigentlich endlich ruhiger zu werden schien nach dem Vorfall, bekommt ihn sowohl in der Shopping Mall als auch bei einem Feuerwerk wieder zu Gesicht und verfällt jedes Mal in Panik. Hilfsansätze? Fehlanzeige, da ja insbesondere Libby mit niemandem darüber spricht bzw. den wenigen Eingeweihten untersagt, sich an offizielle Stellen zu wenden, da sie für die Mutter Konsequenzen befürchtet. Ellen rennt dann vom Feuerwerk weg, Libby, die in Abwesenheit der Mutter eigentlich auf sie achten sollte, gerät daraufhin ebenfalls in Panik, muss die Polizei verständigen und nach ihr suchen lassen, sodass doch alle Einzelheiten Stück für Stück ans Licht kommen. Der Täter lauert unterdessen Wilson bei dessen Haus auf, wo er Wilson und Thomas bedroht und es zwischen den dreien und Libby zu einem heftigen Showdown kommt.

Dieses Ereignis ist dann der Katalysator, der endlich einige Kommunikationswege zwischen Libby und ihrer Mutter öffnet, aber sie auch gelassener im Umgang mit der unweigerlichen Entwicklung ihres Charakters und dem ihrer Freunde werden lässt. Sie ist endlich in der Lage, die Bedeutung von Sage für sich selbst zu erkennen, ihre Kommunikationsblockade ein wenig zu lösen, Wilson in neuem Licht zu sehen und manche Dinge einfach zu akzeptieren und zuzulassen. Ein Ereignis, das den Übertritt von der Jugendlichen zur Erwachsenen auslöst und zugleich verkörpert, denn nach dem Erlebnis und der Auseinandersetzung ist für Libby nichts mehr wie zuvor. Dies alles in einen Erzählzeitraum von weniger als zwei Wochen zu verpacken, ist gekonnt.

Der Roman liest sich flott, führt zielstrebig auf einen Höhepunkt zu und bietet ein sanftes Verebben der Geschichte mit Ausblick auf die weitere Entwicklung der Charaktere. Dass er zeitlich in das Ende der 70er / Anfang der 80er Jahre platziert wurde, hat sicherlich auch mit der so gegebenen Authentizität der Erinnerungen der Autorin zu tun, bringt den Roman aber faktisch nicht weiter. Auch die Komplexität der Familiensituation mit 5 Kindern ist zwar mitunter erfrischend, gerade was das psychologische Zusammenspiel der Beteiligten angeht, aber durch die Masse an Namen, Handlungen, Befindlichkeiten und Konflikten, die unweigerlich mit einer Vielzahl an Personen einhergehen, hat man bei der Lektüre manchmal das Gefühl, dass es ein wenig zu viel ist, was Libby so verkraften muss und was man sich als Leser merken muss. Um dem Kern der Geschichte nahezukommen, hätte es nicht so vieler Personen rundherum bedurft. Auch hier gilt: es schadet der Geschichte nicht, aber es befördert sie auch nicht.

Es ist, um zu einem Fazit zu gelangen, ein guter und unterhaltsamer Roman, aber kein großartiges Werk. Das Thema des coming of age wurde, auch mit der Platzierung in den 80er Jahren, erst kürzlich von Benedict Wells hervorragend bearbeitet, sodass auch die Thematik an sich keine bahnbrechende Neuerung ist. Für Folgeromane würde ich mir wünschen, dass die unzweifelhaft vorhandenen sprachlichen Fähigkeiten der Autorin mehr einfließen würden. Ein Roman bleibt nämlich vor allem dann in Erinnerung, wenn es Formulierungen gibt, die man genüsslich mehrfach im Kopf nachhallen lassen kann und von der Gewaltigkeit oder Finesse eines Sprachbilds begeistert ist. Das habe ich hier ein wenig vermisst, gerade bei einer Autorin, die in Genres ausgezeichnet wurde, die sprachliche Pointiertheit verlangen.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 31.8.2021
  • Seitenanzahl: 344
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-95829-973-3

Link zum Buch:

https://steidl.de/Buecher/Licht-zwischen-den-Baeumen-0510283161.html