Una Mannion, Licht zwischen den Bäumen, Steidl Verlag
Dass im
Steidl-Verlag das Romandebüt einer mehrfach für Gedichte und Kurzgeschichten
ausgezeichneten Schriftstellerin erscheint, zeigt einmal mehr, dass man dort
ein gutes Händchen für Autoren hat. Das Werk „Licht zwischen den Bäumen“ weist
zwar viele potentielle autobiographische Elemente in Form von
Kindheitserinnerungen, Familienkonstellation und landschaftlichen
Besonderheiten auf, aber das schadet dem Roman nicht, sondern stattet ihn mit
einer gewissen Glaubwürdigkeit aus. Protagonistin ist der Teenager Libby
Gallagher, die das mittlere von fünf Kindern ist, von denen jedes sein eigenes
emotionales Päckchen mit sich zu tragen hat. Der Vater, der schon seit längerem
nicht mehr bei der Familie wohnte, ist vor kurzem verstorben und die Mutter ist
mit der familiären und persönlichen Situation überfordert. Insbesondere Libby
hängt noch sehr am Vater und kann sich mit seinem Verlust, aber auch dem
Verblassen seiner Stellung innerhalb der Familie nicht so recht abfinden.
Das Geschehen
beginnt am letzten Schultag und die Sommerferien stehen bevor, was in den USA
immer wahlweise ein Quell vieler Erlebnisse und Abenteuer oder großer
Langeweile zu sein droht – je nach Einkommenssituation der jeweiligen Familie.
Libby hat keine Pläne für die Ferien, ihre jüngere Schwester Ellen würde gerne
ein Kunstcamp besuchen, die Kleinste, Beatrice, hat noch keine Gedanken über
Ferienerlebnisse. Thomas, der Zweitälteste ist nach dem Tod des Vaters
verschlossener als vorher, und Marie, die Älteste, wechselt auf die Universität
und verlässt das Elternhaus, um fortan in der Stadt zu wohnen und in einem
Plattenladen zu jobben. Auf der Autofahrt nach Hause gibt es wieder einmal
Streit zwischen Mutter und den Kindern, der in gehässigen Bemerkungen vor allem
von Ellen und einem unbedachten Rütteln am Fahrersitz gipfelt. Der Mutter wird
es zu viel und sie wirft Ellen aus dem Wagen, fast 10km vor ihrem Zuhause. Die
anderen Kinder sind entsetzt, opponieren aber nicht. Ellen beschließt zu
trampen, steigt in das erste Fahrzeug, aber als der Fahrer beginnt, sie zwischen
den Beinen zu berühren, nutzt sie die erste Möglichkeit, um aus dem fahrenden
Auto zu springen und zu flüchten. Dabei verletzt sie sich erheblich und schlägt
sich irgendwie zum Haus der Bouchers durch, wo Libby jeden Freitag Babysitter
ist. Ab da geraten die Dinge noch mehr ins Wanken. Denn die
Kommunikationsstrukturen innerhalb der Familie sind gestört, sodass der Mutter
nichts erzählt wird, aber einem psychisch als instabil geltenden Bekannten von
Marie, der sich dann auch noch vornimmt, den Täter anhand von Ellens
Beschreibungen aufzuspüren und ihm eine Lektion zu verpassen. Aber auch dies
wird nicht weiter kommuniziert wie so viele andere Gefühle, Bedürfnisse und
Entwicklungen innerhalb der Familie, sodass alle irgendwie nebeneinander
herleben und sich in Problemspiralen hineindrehen, die man so einfach hätte
durchbrechen können. Libby möchte Wilson, ihre neue Problembekanntschaft, am
liebsten loswerden, aber der ist auf einmal ständig als Helfer präsent. Der
Auszug Maries trifft sie ebenfalls schwer, genauso dass die Mutter seit langem
einen neuen heimlichen Partner hat, mutmaßlich der Vater von Beatrice. Mit
Sage, ihrer besten Freundin, streitet sie auch häufiger als zuvor, sodass ihr
auch da ein Vertrauensanker abhandenkommt. Das Ganze gipfelt dann darin, dass
Wilson den Täter tatsächlich findet, aufsucht und ihn ordentlich vermöbelt,
sodass dieser dann anfängt, in Libbys Wohngegend nach Wilson zu suchen. Das
bleibt den Kindern nicht verborgen und Ellen, die eigentlich endlich ruhiger zu
werden schien nach dem Vorfall, bekommt ihn sowohl in der Shopping Mall als
auch bei einem Feuerwerk wieder zu Gesicht und verfällt jedes Mal in Panik.
Hilfsansätze? Fehlanzeige, da ja insbesondere Libby mit niemandem darüber
spricht bzw. den wenigen Eingeweihten untersagt, sich an offizielle Stellen zu
wenden, da sie für die Mutter Konsequenzen befürchtet. Ellen rennt dann vom
Feuerwerk weg, Libby, die in Abwesenheit der Mutter eigentlich auf sie achten
sollte, gerät daraufhin ebenfalls in Panik, muss die Polizei verständigen und
nach ihr suchen lassen, sodass doch alle Einzelheiten Stück für Stück ans Licht
kommen. Der Täter lauert unterdessen Wilson bei dessen Haus auf, wo er Wilson
und Thomas bedroht und es zwischen den dreien und Libby zu einem heftigen
Showdown kommt.
Dieses Ereignis
ist dann der Katalysator, der endlich einige Kommunikationswege zwischen Libby
und ihrer Mutter öffnet, aber sie auch gelassener im Umgang mit der
unweigerlichen Entwicklung ihres Charakters und dem ihrer Freunde werden lässt.
Sie ist endlich in der Lage, die Bedeutung von Sage für sich selbst zu
erkennen, ihre Kommunikationsblockade ein wenig zu lösen, Wilson in neuem Licht
zu sehen und manche Dinge einfach zu akzeptieren und zuzulassen. Ein Ereignis,
das den Übertritt von der Jugendlichen zur Erwachsenen auslöst und zugleich
verkörpert, denn nach dem Erlebnis und der Auseinandersetzung ist für Libby
nichts mehr wie zuvor. Dies alles in einen Erzählzeitraum von weniger als zwei
Wochen zu verpacken, ist gekonnt.
Der Roman liest
sich flott, führt zielstrebig auf einen Höhepunkt zu und bietet ein sanftes
Verebben der Geschichte mit Ausblick auf die weitere Entwicklung der
Charaktere. Dass er zeitlich in das Ende der 70er / Anfang der 80er Jahre
platziert wurde, hat sicherlich auch mit der so gegebenen Authentizität der
Erinnerungen der Autorin zu tun, bringt den Roman aber faktisch nicht weiter.
Auch die Komplexität der Familiensituation mit 5 Kindern ist zwar mitunter
erfrischend, gerade was das psychologische Zusammenspiel der Beteiligten
angeht, aber durch die Masse an Namen, Handlungen, Befindlichkeiten und
Konflikten, die unweigerlich mit einer Vielzahl an Personen einhergehen, hat
man bei der Lektüre manchmal das Gefühl, dass es ein wenig zu viel ist, was
Libby so verkraften muss und was man sich als Leser merken muss. Um dem Kern
der Geschichte nahezukommen, hätte es nicht so vieler Personen rundherum
bedurft. Auch hier gilt: es schadet der Geschichte nicht, aber es befördert sie
auch nicht.
Es ist, um zu
einem Fazit zu gelangen, ein guter und unterhaltsamer Roman, aber kein
großartiges Werk. Das Thema des coming of age wurde, auch mit der Platzierung
in den 80er Jahren, erst kürzlich von Benedict Wells hervorragend bearbeitet,
sodass auch die Thematik an sich keine bahnbrechende Neuerung ist. Für
Folgeromane würde ich mir wünschen, dass die unzweifelhaft vorhandenen
sprachlichen Fähigkeiten der Autorin mehr einfließen würden. Ein Roman bleibt
nämlich vor allem dann in Erinnerung, wenn es Formulierungen gibt, die man
genüsslich mehrfach im Kopf nachhallen lassen kann und von der Gewaltigkeit
oder Finesse eines Sprachbilds begeistert ist. Das habe ich hier ein wenig
vermisst, gerade bei einer Autorin, die in Genres ausgezeichnet wurde, die
sprachliche Pointiertheit verlangen.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 31.8.2021
- Seitenanzahl: 344
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-95829-973-3
Link zum Buch:
https://steidl.de/Buecher/Licht-zwischen-den-Baeumen-0510283161.html
