Marcus Pfister, Franz-Ferdinand will tanzen, NordSüd Verlag
Der Verfasser
und Illustrator des Werks ist ein berühmter Kinderbuchautor, der vor allem mit
dem Regenbogenfisch eine mehr als erfolgreiche Figur und Buchreihe geschaffen
hat. Insofern ist es immer ein wenig schwierig, andere und neue Bücher von ihm
mit einer gewissen Unvoreingenommenheit anzugehen, da man ja doch vom bisher
positiven Eindruck vorgeprägt ist. Das nun vorliegende Kinderbuch zum Ballett
tanzenden Walross Franz-Ferdinand ist (bei mir und den Testlesern) aber vom
Gesamteindruck so eindeutig durchgefallen, dass auch der Bonus des bekannten
Autorennamens nicht relevant war.
Beginnen wir mit
Adressierung des Buches: dies soll laut Verlag an Kinder ab 4 Jahren gerichtet
sein. Der Verlag zitiert den Autor selbst auf der Homepage wie folgt:
„Franz-Ferdinand ist ein völlig unkorrektes Buch zu den Themen Alter, Ballett,
Fettleibigkeit, Klimawandel, Gesundheitsprävention, Biodiversität,
Selbstbewusstsein und Plastikmüll.“ Und das alles für 4-jährige? Das Buch kommt
als Kinderbuch daher, aber es ist kein Kinderbuch. Da wird die Form für eine
gesellschaftskritische Fabel übergestülpt, aber für Kinder dieses Alters sind
sowohl die meisten Themen zu abstrakt als auch die im Buch vorhandenen
Lösungsansätze für nur teilweise gerade noch kindgerechte Probleme. Hinzu
kommt, dass die in der Geschichte angebotene Lösung für Franz-Ferdinand auch
widersinnig ist, wenn man Ausgrenzung von andersartigen anprangern will, aber
dazu noch später.
Die
Textlastigkeit ist ein weiterer Kritikpunkt. Neben den schönen Illustrationen
stehen massive Textblöcke, die zudem mit Begriffen und Wendungen gespickt sind,
die absolut nicht zur Zielgruppe passen. Dazu gehören „Namens-Bestenliste“,
„nach bestem Wissen und Gewissen“, „war man ja bekanntlich nie zu alt“,
„versuchte, Haltung zu bewahren“, „Microplastik“ etc. etc. Das sind alles
Begriffe und Floskeln, die in Erwachsenensprache gängig sind, aber nicht zum
Sprachduktus von Kindergartenkindern gehören. Das führt beim Vorlesen zu
Irritationen und Befremden.
Was ist der Kern
der Geschichte? Franz-Ferdinand sieht in Grönland eine Flamingo-Ballettgruppe,
will mittanzen und muss sich zunächst aus Müll im Meer ein Tutu basteln. Dann
integriert er sich in die Gruppe und die Leiterin verliebt sich in ihn. Einige
der Flamingo-Damen fürchten sich aber vor Franz-Ferdinand und finden ihn mit
seinem Müll-Tutu eklig. Konsequenz? Franz-Ferdinand und die Lehrerin verlassen
die (eigene!) Ballettschule, wörtlich: „sie mussten… verlassen“. Wieso denn?
Wer hat das angeordnet? Was soll denn das für eine Lektion für Kinder sein? Der
Einfluss von (neudeutsch) Hatern und Neidern ist so groß, dass das Opfer gehen
muss? Und die Chefin gleich mit, die dem Ganzen Einhalt gebieten müsste? Was
nützt das Geschwafel zu Klimawandel und Umweltverschmutzung, wenn die Mindestregeln
des sozialen Miteinanders auf so eine Weise unterminiert werden? Die Lösung ist
dann, eine neue Ballettschule mit anderen „Freaks“ zu gründen? Also anderen
Walrossen mit Müll-Tutus? Ehrlich nicht. Eine Figur als „unkonventionell“ zu
pseudobrandmarken, die doch nur dem normalen Alltagsmobbing gegen anders
Aussehende zum Opfer fällt, ist ein gewaltiger Fehlgriff und für Kinder
abschreckend. Daraus dann noch Ermunterungen zur Veränderung des
Konsumverhaltens zu stricken ist ebenso lebensfremd, weil das mit der
Geschichte nichts zu tun hat.
Dieses Buch
verfehlt sein Ziel und ist eine Enttäuschung. Da helfen auch die schönen Bilder
nicht.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 17.09.2021
- Seitenanzahl: 32
- Altersempfehlung: Ab 4 Jahre
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-314-10575-3
Link zum Buch: