Montag, 1. November 2021

Marcus Pfister, Franz-Ferdinand will tanzen

Marcus Pfister, Franz-Ferdinand will tanzen, NordSüd Verlag

Der Verfasser und Illustrator des Werks ist ein berühmter Kinderbuchautor, der vor allem mit dem Regenbogenfisch eine mehr als erfolgreiche Figur und Buchreihe geschaffen hat. Insofern ist es immer ein wenig schwierig, andere und neue Bücher von ihm mit einer gewissen Unvoreingenommenheit anzugehen, da man ja doch vom bisher positiven Eindruck vorgeprägt ist. Das nun vorliegende Kinderbuch zum Ballett tanzenden Walross Franz-Ferdinand ist (bei mir und den Testlesern) aber vom Gesamteindruck so eindeutig durchgefallen, dass auch der Bonus des bekannten Autorennamens nicht relevant war.

Beginnen wir mit Adressierung des Buches: dies soll laut Verlag an Kinder ab 4 Jahren gerichtet sein. Der Verlag zitiert den Autor selbst auf der Homepage wie folgt: „Franz-Ferdinand ist ein völlig unkorrektes Buch zu den Themen Alter, Ballett, Fettleibigkeit, Klimawandel, Gesundheitsprävention, Biodiversität, Selbstbewusstsein und Plastikmüll.“ Und das alles für 4-jährige? Das Buch kommt als Kinderbuch daher, aber es ist kein Kinderbuch. Da wird die Form für eine gesellschaftskritische Fabel übergestülpt, aber für Kinder dieses Alters sind sowohl die meisten Themen zu abstrakt als auch die im Buch vorhandenen Lösungsansätze für nur teilweise gerade noch kindgerechte Probleme. Hinzu kommt, dass die in der Geschichte angebotene Lösung für Franz-Ferdinand auch widersinnig ist, wenn man Ausgrenzung von andersartigen anprangern will, aber dazu noch später.

Die Textlastigkeit ist ein weiterer Kritikpunkt. Neben den schönen Illustrationen stehen massive Textblöcke, die zudem mit Begriffen und Wendungen gespickt sind, die absolut nicht zur Zielgruppe passen. Dazu gehören „Namens-Bestenliste“, „nach bestem Wissen und Gewissen“, „war man ja bekanntlich nie zu alt“, „versuchte, Haltung zu bewahren“, „Microplastik“ etc. etc. Das sind alles Begriffe und Floskeln, die in Erwachsenensprache gängig sind, aber nicht zum Sprachduktus von Kindergartenkindern gehören. Das führt beim Vorlesen zu Irritationen und Befremden.

Was ist der Kern der Geschichte? Franz-Ferdinand sieht in Grönland eine Flamingo-Ballettgruppe, will mittanzen und muss sich zunächst aus Müll im Meer ein Tutu basteln. Dann integriert er sich in die Gruppe und die Leiterin verliebt sich in ihn. Einige der Flamingo-Damen fürchten sich aber vor Franz-Ferdinand und finden ihn mit seinem Müll-Tutu eklig. Konsequenz? Franz-Ferdinand und die Lehrerin verlassen die (eigene!) Ballettschule, wörtlich: „sie mussten… verlassen“. Wieso denn? Wer hat das angeordnet? Was soll denn das für eine Lektion für Kinder sein? Der Einfluss von (neudeutsch) Hatern und Neidern ist so groß, dass das Opfer gehen muss? Und die Chefin gleich mit, die dem Ganzen Einhalt gebieten müsste? Was nützt das Geschwafel zu Klimawandel und Umweltverschmutzung, wenn die Mindestregeln des sozialen Miteinanders auf so eine Weise unterminiert werden? Die Lösung ist dann, eine neue Ballettschule mit anderen „Freaks“ zu gründen? Also anderen Walrossen mit Müll-Tutus? Ehrlich nicht. Eine Figur als „unkonventionell“ zu pseudobrandmarken, die doch nur dem normalen Alltagsmobbing gegen anders Aussehende zum Opfer fällt, ist ein gewaltiger Fehlgriff und für Kinder abschreckend. Daraus dann noch Ermunterungen zur Veränderung des Konsumverhaltens zu stricken ist ebenso lebensfremd, weil das mit der Geschichte nichts zu tun hat.

Dieses Buch verfehlt sein Ziel und ist eine Enttäuschung. Da helfen auch die schönen Bilder nicht.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 17.09.2021
  • Seitenanzahl: 32
  • Altersempfehlung: Ab 4 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-314-10575-3

Link zum Buch:

https://nord-sued.com/programm/franz-ferdinand-will-tanzen/