Hans de Beer / Serena Romanelli, Bruno - Kurze Geschichten für lange Nächte, NordSüd Verlag
Schon die
Titelseite hat einen Wiedererkennungseffekt: die Feder von Hans de Beer (Eisbär
Lars) ist unverkennbar. Er hat die Illustrationen zu diesem Kinderbuch
beigesteuert, das er zusammen mit seiner Partnerin Serena Romanelli geschaffen
hat. Thematisch geht es um den Winterschlaf eines jungen Braunbären, dem seine
Bärenmutter zum besseren Einschlafen Geschichten erzählt. Insgesamt neun Geschichten
sind es dann, die jeweils auf einer Doppelseite stehen, jeweils mit passenden
Bebilderungen. Davor und danach sieht man Bruno kurz im Wald beim Spielen.
Abgesehen von
den liebevollen Illustrationen kann ich für dieses Kinderbuch – jedenfalls in der
deutschen Übersetzung – jedoch keine Empfehlung aussprechen. Dies beruht zum einen auf
der Sprache. Es ist zugegebenermaßen immer schwierig, Reime aus anderen
Sprachen sinnvoll ins Deutsche zu transferieren. Was aber hier an Texten
herauskommt, ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Ein Reimschema ist nicht
erkennbar, die Metrik holpert auch vor sich hin, mal sind es Strophen, mal
nicht, es ist ein ganz und gar unrundes sprachliches Bild, das Kindern da
präsentiert wird. Weder ist es beim Selbstlesen noch zum Vorlesen schön.
Zum Zweiten
haben die Geschichten absolut keinen Zusammenhang zur Rahmengeschichte. Es sind
Tiere aus aller Welt, aber keineswegs solche, denen Bruno im Wald begegnen würde
(Elefant, Nilpferd, Krokodil etc.). Noch viel weniger haben sie irgendeinen
Bezug zu Bruno selbst. Zwar gibt es immer ein kleines Bild oben am Rand, das
den kleinen Bären im Zusammenhang mit der Geschichte zeigt. Er ist aber nicht
Bestandteil der Geschichten. Diese stehen also lose zusammengewürfelt im Raum,
was für den Gesamteindruck ebenfalls nicht förderlich ist.
Drittens sind
die Geschichten inhaltlich dürftig. Dass der Elefant keine passende Badehose
findet und stattdessen nackt am Strand sitzt, mag für Kleinkinder noch gut
nachvollziehbar sein. Dann aber wird der nasenbohrende Tapir mit Schutzkrause
verarztet und von seiner Schwester aufgezogen. Und als Lehre aus der Geschichte
steckt er den Finger (erste Frage der Zielgruppe: „Seit wann haben Tapire
Finger? Die haben Hufe!“) fortan in den Mund. Ist das dann besser als in der
Nase? Hat die Tapirmutter pädagogisch mehr drauf als ein „das tut man nicht!“?
Das ist sehr dünn. Dann der Hase Fifo, der sich vor allem fürchtet. Wieso genau
vor Kartoffelbrei? Und der Salat, der ihm als Mutkraut untergejubelt wird, von
dem erhofft sich Fifo nicht etwa Mut, sondern ein so schreckliches Aussehen,
dass sich andere vor ihm und seiner Gefährlichkeit fürchten. Das ist absurd und
etwa so schlau wie Öl ins Feuer zu gießen, jedenfalls keine belastbare
Strategie für mutlose Kinder. Als nächstes die schwarze Pantherin, der ihre
Farbe zu eintönig wird und die sich deshalb mit Blumen schmückt. An sich eine
schöne Geschichte, aber auch hier der Fehlgriff: warum muss Frau Tigerin blass
vor Neid werden? Ist das der Zweck vom Hübschmachen? Andere neidisch machen?
Auch das ist pädagogisch ganz bitter und sicherlich keine Vorbildgeschichte für
kleine Kinder. Als nächstes wieder ein biologischer Fehlgriff: die Geschichte
von Ikarus. Dieser wird als Eichhörnchen betitelt, ist aber ein Gleithörnchen
und auch so gezeichnet. Am Schlimmsten finde ich jedoch die Geschichte vom
Nilpferdmädchen. Die will gern Ballerina sein und macht deshalb eine strenge
Hungerkur. Und die Ballettschuhe tun ihr auch weh. Der Leidensdruck aus beidem
wird so hoch, dass sie das Tanzen aufgibt und sich stattdessen (!) lieber satt
essen will. Mit Omelett und Torte. Ganz abgesehen davon, dass Nilpferde nicht
dick sind, weil sie ungesund oder zu viel essen würden, ist die Botschaft
dieser Geschichte verheerend: Man kann nur Ballett tanzen, wenn man hungert
oder dünn ist? Und die Alternative ist Völlerei? Was für ein Selbstbild soll
das den Kindern vermitteln? Einfach nur unglaublich. Auch die Geschichte vom
vegetarischen Krokodil ist unlogisch. Warum genau isst das Krokodil wider seine
Natur kein Fleisch? Muss ein Kinderbuch ein Weltbild fördern, das nicht
naturgemäß ist, weil Tiere eben diesbezüglich keinen freien Willen haben,
sondern determiniert sind? Definitiv nicht. Die Geschichte zur Schildkröte hat
keinen tieferen Sinn als dass sie eben langsam vorankommt und für alles lange
braucht. Warum sie deshalb „das Glück überall mitnimmt“ erschließt sich nicht.
Die Schlussgeschichte ist dann noch so ein Höhepunkt: das Nashorn wird schnell
wütend, zertrampelt alles und wird dafür abends von der Mutter gelobt mit „gut
gemacht“. Auch eine tolle Botschaft: sei ein Rowdy zu allen anderen, aber
zuhause wirst du als süß angesehen?
Als Fazit bleibt
leider nur ein „Schade“. Trotz toller Illustrationen ist dieses Buch als
Lektüre und zum Vorlesen für kleine Kinder nicht optimal.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 20.10.2021
- Seitenanzahl: 32
- Altersempfehlung: Ab 4 Jahre
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-314-10576-0
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