Montag, 1. November 2021

Hans de Beer / Serena Romanelli, Bruno - Kurze Geschichten für lange Nächte

Hans de Beer / Serena Romanelli, Bruno - Kurze Geschichten für lange Nächte, NordSüd Verlag

Schon die Titelseite hat einen Wiedererkennungseffekt: die Feder von Hans de Beer (Eisbär Lars) ist unverkennbar. Er hat die Illustrationen zu diesem Kinderbuch beigesteuert, das er zusammen mit seiner Partnerin Serena Romanelli geschaffen hat. Thematisch geht es um den Winterschlaf eines jungen Braunbären, dem seine Bärenmutter zum besseren Einschlafen Geschichten erzählt. Insgesamt neun Geschichten sind es dann, die jeweils auf einer Doppelseite stehen, jeweils mit passenden Bebilderungen. Davor und danach sieht man Bruno kurz im Wald beim Spielen.

Abgesehen von den liebevollen Illustrationen kann ich für dieses Kinderbuch – jedenfalls in der deutschen Übersetzung – jedoch keine Empfehlung aussprechen. Dies beruht zum einen auf der Sprache. Es ist zugegebenermaßen immer schwierig, Reime aus anderen Sprachen sinnvoll ins Deutsche zu transferieren. Was aber hier an Texten herauskommt, ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Ein Reimschema ist nicht erkennbar, die Metrik holpert auch vor sich hin, mal sind es Strophen, mal nicht, es ist ein ganz und gar unrundes sprachliches Bild, das Kindern da präsentiert wird. Weder ist es beim Selbstlesen noch zum Vorlesen schön.

Zum Zweiten haben die Geschichten absolut keinen Zusammenhang zur Rahmengeschichte. Es sind Tiere aus aller Welt, aber keineswegs solche, denen Bruno im Wald begegnen würde (Elefant, Nilpferd, Krokodil etc.). Noch viel weniger haben sie irgendeinen Bezug zu Bruno selbst. Zwar gibt es immer ein kleines Bild oben am Rand, das den kleinen Bären im Zusammenhang mit der Geschichte zeigt. Er ist aber nicht Bestandteil der Geschichten. Diese stehen also lose zusammengewürfelt im Raum, was für den Gesamteindruck ebenfalls nicht förderlich ist.

Drittens sind die Geschichten inhaltlich dürftig. Dass der Elefant keine passende Badehose findet und stattdessen nackt am Strand sitzt, mag für Kleinkinder noch gut nachvollziehbar sein. Dann aber wird der nasenbohrende Tapir mit Schutzkrause verarztet und von seiner Schwester aufgezogen. Und als Lehre aus der Geschichte steckt er den Finger (erste Frage der Zielgruppe: „Seit wann haben Tapire Finger? Die haben Hufe!“) fortan in den Mund. Ist das dann besser als in der Nase? Hat die Tapirmutter pädagogisch mehr drauf als ein „das tut man nicht!“? Das ist sehr dünn. Dann der Hase Fifo, der sich vor allem fürchtet. Wieso genau vor Kartoffelbrei? Und der Salat, der ihm als Mutkraut untergejubelt wird, von dem erhofft sich Fifo nicht etwa Mut, sondern ein so schreckliches Aussehen, dass sich andere vor ihm und seiner Gefährlichkeit fürchten. Das ist absurd und etwa so schlau wie Öl ins Feuer zu gießen, jedenfalls keine belastbare Strategie für mutlose Kinder. Als nächstes die schwarze Pantherin, der ihre Farbe zu eintönig wird und die sich deshalb mit Blumen schmückt. An sich eine schöne Geschichte, aber auch hier der Fehlgriff: warum muss Frau Tigerin blass vor Neid werden? Ist das der Zweck vom Hübschmachen? Andere neidisch machen? Auch das ist pädagogisch ganz bitter und sicherlich keine Vorbildgeschichte für kleine Kinder. Als nächstes wieder ein biologischer Fehlgriff: die Geschichte von Ikarus. Dieser wird als Eichhörnchen betitelt, ist aber ein Gleithörnchen und auch so gezeichnet. Am Schlimmsten finde ich jedoch die Geschichte vom Nilpferdmädchen. Die will gern Ballerina sein und macht deshalb eine strenge Hungerkur. Und die Ballettschuhe tun ihr auch weh. Der Leidensdruck aus beidem wird so hoch, dass sie das Tanzen aufgibt und sich stattdessen (!) lieber satt essen will. Mit Omelett und Torte. Ganz abgesehen davon, dass Nilpferde nicht dick sind, weil sie ungesund oder zu viel essen würden, ist die Botschaft dieser Geschichte verheerend: Man kann nur Ballett tanzen, wenn man hungert oder dünn ist? Und die Alternative ist Völlerei? Was für ein Selbstbild soll das den Kindern vermitteln? Einfach nur unglaublich. Auch die Geschichte vom vegetarischen Krokodil ist unlogisch. Warum genau isst das Krokodil wider seine Natur kein Fleisch? Muss ein Kinderbuch ein Weltbild fördern, das nicht naturgemäß ist, weil Tiere eben diesbezüglich keinen freien Willen haben, sondern determiniert sind? Definitiv nicht. Die Geschichte zur Schildkröte hat keinen tieferen Sinn als dass sie eben langsam vorankommt und für alles lange braucht. Warum sie deshalb „das Glück überall mitnimmt“ erschließt sich nicht. Die Schlussgeschichte ist dann noch so ein Höhepunkt: das Nashorn wird schnell wütend, zertrampelt alles und wird dafür abends von der Mutter gelobt mit „gut gemacht“. Auch eine tolle Botschaft: sei ein Rowdy zu allen anderen, aber zuhause wirst du als süß angesehen?

Als Fazit bleibt leider nur ein „Schade“. Trotz toller Illustrationen ist dieses Buch als Lektüre und zum Vorlesen für kleine Kinder nicht optimal.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 20.10.2021
  • Seitenanzahl: 32
  • Altersempfehlung: Ab 4 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-314-10576-0

Link zum Buch:

https://nord-sued.com/programm/bruno/