Samstag, 29. Januar 2022

Mick Herron, Real Tigers

Mick Herron, Real Tigers – Ein Fall für Jackson Lamb, Diogenes Verlag

Band drei der Jackson-Lamb-Reihe erhellt für Fans der Reihe weiter die Psychologie des Teams im Slough House, analysiert die Beziehungen der Ex-Agenten untereinander und führt wie schon im letzten Band zu unerwarteter Action, nach der sich alle doch eigentlich so sehr sehnen, aber in der sie dann doch so schrecklich erwartbar unsouverän agieren – anfangs jedenfalls. Leider und ungewollt ist Catherine Standish diesmal mittendrin in diesem Einsatz, denn sie wird entführt und das von einem ehemaligen Bekannten, dem sie durch ihre überwundene Alkoholsucht lose verbunden ist. Es handelt sich aber natürlich nicht um eine echte Entführung, was relativ schnell klar wird, sondern es sollen Hebel und Menschen in Bewegung gesetzt werden, initiiert von Strippenziehern, die erst am Ende wirklich decodiert werden. Diesmal stirbt auch kein Slow Horse wie Min im letzten Band, aber für einige ist es ganz schön knapp. Es spricht für die Degradierung der einzelnen Mitglieder von Slough House, dass die gesamte Aktion, zu der Standishs Verschwinden führt, erst einmal im unkoordinierten Chaos endet: River dringt unerlaubt in die Zentrale ein, Marcus und Shirley benehmen sich so daneben, dass Lamb sie feuert, Ho ergießt sich in Selbstmitleid über seine verkannte Wirkung auf Frauen und Louisa ist nach Mins Tod immer noch auf der Suche nach neuer Stabilität. Immerhin behält Lamb in seinem unverkennbaren Sarkasmus und Menschenhass die Übersicht und leitet seine Agenten so gut es geht durch dieses mehrfach abgekartete Spiel. Dass es dann ein offenes Ende gibt, ist erfreulich und führt zu noch mehr Sympathie mit diesem schnodderigen Ermittler Lamb, auch wenn man über die Radikalität der Handlungen am Ende durchaus überrascht ist.

Unterwegs bekommen es seine Leute wieder mal mit Nick Duffy, dem Chef der Dogs zu tun, dazu mit einem privaten Sicherheitsunternehmen, dem neuen Innenminister und einigen Ex-Soldaten. Aber endlich können sie auch einmal zeigen, was in ihnen steckt, sowohl verstandesmäßig als auch in der körperlichen Auseinandersetzung, die bei einigen größere Glücksräusche auslöst als jedes zuvor konsumierte Suchtmittel. Der Titel des Buches wird während der Geschichte gleich mit mehreren Bezügen verarbeitet, sodass man immer mit einer neuen Wendung rechnet und diese dann meist auch bekommt.

Wie auch bei den letzten Bänden ist es anfangs schwer, gerade für Leser, die zum ersten Mal mit Jackson Lamb konfrontiert werden, mit all den Namen zurechtzukommen. Dies legt sich nach einer Weile und man begreift rasch die Verbindungen zwischen den Handelnden. Etwas ermüdend sind nach wie vor, wie Herron Einleitung und Schluss konzipiert, also mit dem durch Slough House schwebenden Geist. Denn ansonsten ist die Story spannend und vor allem die sprachlichen staubtrockenen Glanzlichter und Dialoge sind teilweise dermaßen gut, dass man laut herauslachen muss – ein erstaunliches Merkmal für einen Krimi. Beispiele: Lamb, auf sein Team angesprochen: das sind kein Team, das ist ein Kollateralschaden. Oder die Beschreibung eines glitzernden Wassergrabens mit Blättern: Nur wenige Blüten trotzten der Hitze, zarte Spitzen, rosa-weiß wie ein entzündetes Auge. Das kommt so unerwartet und ist so treffsicher. Oder die Szene, in der Marcus und Shirley mit dem SUV zum Einsatzort jagen: Je eher wir dort ankommen, desto schneller fahre ich langsamer. Ein grandioser Satz, den man einmal im Kopf hin- und herschwenken kann. Oder Duffy, als er über Louisas mögliches Ableben im geplanten Hinterhalt nachdenkt: Sie hätte sich wirklich die Mühe machen können, mehr Glück zu haben. Dass all diese Sätze und Spitzen auch in der deutschen Fassung so einschlagen, ist eine großartige Leistung von Lektorat und Übersetzer.

Natürlich gibt es spannendere Krimis und noch schrägere Typen. Aber die Mischung, die Herron hier herstellt - der schnoddrige, schlecht gelaunte, Verachtung speiende und dennoch erstaunlich abgezockte Lamb mit seiner Dilettantentruppe, agierend in einem Umfeld und Minenfeld mit Umwegen, Verrat, Unwahrheiten und fehlenden Zukunftsperspektiven – die sucht schon ihresgleichen. Man darf gespannt sein, wie sich die Truppe im vierten Band so schlagen wird, der nach diesem Ende unweigerlich kommen wird. Denn so wie das Ende ausgestaltet ist, dürfte auch der ein oder andere auf Rache aus sein.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 28.10.2020
  • Seitenanzahl: 480
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3257300802

Link zum Buch:

https://www.diogenes.ch/leser/titel/mick-herron/real-tigers-9783257300802.html