Mick Herron, Real Tigers – Ein Fall für Jackson Lamb, Diogenes Verlag
Band drei der
Jackson-Lamb-Reihe erhellt für Fans der Reihe weiter die Psychologie des Teams
im Slough House, analysiert die Beziehungen der Ex-Agenten untereinander und
führt wie schon im letzten Band zu unerwarteter Action, nach der sich alle doch
eigentlich so sehr sehnen, aber in der sie dann doch so schrecklich erwartbar
unsouverän agieren – anfangs jedenfalls. Leider und ungewollt ist Catherine
Standish diesmal mittendrin in diesem Einsatz, denn sie wird entführt und das
von einem ehemaligen Bekannten, dem sie durch ihre überwundene Alkoholsucht
lose verbunden ist. Es handelt sich aber natürlich nicht um eine echte
Entführung, was relativ schnell klar wird, sondern es sollen Hebel und Menschen
in Bewegung gesetzt werden, initiiert von Strippenziehern, die erst am Ende
wirklich decodiert werden. Diesmal stirbt auch kein Slow Horse wie Min im
letzten Band, aber für einige ist es ganz schön knapp. Es spricht für die
Degradierung der einzelnen Mitglieder von Slough House, dass die gesamte
Aktion, zu der Standishs Verschwinden führt, erst einmal im unkoordinierten
Chaos endet: River dringt unerlaubt in die Zentrale ein, Marcus und Shirley
benehmen sich so daneben, dass Lamb sie feuert, Ho ergießt sich in
Selbstmitleid über seine verkannte Wirkung auf Frauen und Louisa ist nach Mins
Tod immer noch auf der Suche nach neuer Stabilität. Immerhin behält Lamb in
seinem unverkennbaren Sarkasmus und Menschenhass die Übersicht und leitet seine
Agenten so gut es geht durch dieses mehrfach abgekartete Spiel. Dass es dann
ein offenes Ende gibt, ist erfreulich und führt zu noch mehr Sympathie mit
diesem schnodderigen Ermittler Lamb, auch wenn man über die Radikalität der
Handlungen am Ende durchaus überrascht ist.
Unterwegs
bekommen es seine Leute wieder mal mit Nick Duffy, dem Chef der Dogs zu tun,
dazu mit einem privaten Sicherheitsunternehmen, dem neuen Innenminister und
einigen Ex-Soldaten. Aber endlich können sie auch einmal zeigen, was in ihnen
steckt, sowohl verstandesmäßig als auch in der körperlichen Auseinandersetzung,
die bei einigen größere Glücksräusche auslöst als jedes zuvor konsumierte
Suchtmittel. Der Titel des Buches wird während der Geschichte gleich mit
mehreren Bezügen verarbeitet, sodass man immer mit einer neuen Wendung rechnet
und diese dann meist auch bekommt.
Wie auch bei den
letzten Bänden ist es anfangs schwer, gerade für Leser, die zum ersten Mal mit
Jackson Lamb konfrontiert werden, mit all den Namen zurechtzukommen. Dies legt
sich nach einer Weile und man begreift rasch die Verbindungen zwischen den
Handelnden. Etwas ermüdend sind nach wie vor, wie Herron Einleitung und Schluss
konzipiert, also mit dem durch Slough House schwebenden Geist. Denn ansonsten
ist die Story spannend und vor allem die sprachlichen staubtrockenen
Glanzlichter und Dialoge sind teilweise dermaßen gut, dass man laut
herauslachen muss – ein erstaunliches Merkmal für einen Krimi. Beispiele: Lamb,
auf sein Team angesprochen: das sind kein Team, das ist ein Kollateralschaden.
Oder die Beschreibung eines glitzernden Wassergrabens mit Blättern: Nur wenige
Blüten trotzten der Hitze, zarte Spitzen, rosa-weiß wie ein entzündetes Auge.
Das kommt so unerwartet und ist so treffsicher. Oder die Szene, in der Marcus
und Shirley mit dem SUV zum Einsatzort jagen: Je eher wir dort ankommen, desto
schneller fahre ich langsamer. Ein grandioser Satz, den man einmal im Kopf hin-
und herschwenken kann. Oder Duffy, als er über Louisas mögliches Ableben im
geplanten Hinterhalt nachdenkt: Sie hätte sich wirklich die Mühe machen können,
mehr Glück zu haben. Dass all diese Sätze und Spitzen auch in der deutschen
Fassung so einschlagen, ist eine großartige Leistung von Lektorat und
Übersetzer.
Natürlich gibt
es spannendere Krimis und noch schrägere Typen. Aber die Mischung, die Herron
hier herstellt - der schnoddrige, schlecht gelaunte, Verachtung speiende und
dennoch erstaunlich abgezockte Lamb mit seiner Dilettantentruppe, agierend in
einem Umfeld und Minenfeld mit Umwegen, Verrat, Unwahrheiten und fehlenden
Zukunftsperspektiven – die sucht schon ihresgleichen. Man darf gespannt sein,
wie sich die Truppe im vierten Band so schlagen wird, der nach diesem Ende
unweigerlich kommen wird. Denn so wie das Ende ausgestaltet ist, dürfte auch
der ein oder andere auf Rache aus sein.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 28.10.2020
- Seitenanzahl: 480
- ISBN/Artikelnummer: 978-3257300802
Link zum Buch:
https://www.diogenes.ch/leser/titel/mick-herron/real-tigers-9783257300802.html