Sonntag, 6. Februar 2022

Deborah Marcero, Freunde

Deborah Marcero, Freunde, Adrian & Wimmelbuch Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

Es ist immer wieder erstaunlich, warum und vor allem in welcher Form Originaltitel verändert und verfremdet werden, obwohl er auch in deutscher Übersetzung zutreffend gewesen wäre. Das nun in deutscher Übersetzung vorliegende Kinderbuch / Bilderbuch erschien 2020 unter dem Titel „In a jar“ und erfasst auf den Punkt, worum es in dem Buch geht: alles Mögliche und Unmögliche wird in Gläsern gesammelt und aufbewahrt, zur Erhaltung und Erinnerung, zur Begründung und Wahrung der Freundschaft. Die Freundschaft ist also (nur) das Metathema. Das erkennen selbst die kleinsten Leserinnen und Leser ohne einen plakativen Titel. Zudem gibt es unter diesem Titel schon zahlreiche Kinderbücher, allen voran von Helme Heine. Wie dem auch sei. Jedoch wurden offenbar auch die Hauptfiguren umbenannt. Denn in der Amazon-Beschreibung des Titels lauten die Namen der Kaninchen Llewellyn und Evelyn, in der nun vorliegenden Übersetzung aber Leander und Leni. Das klingt natürlich eingängiger, aber so ganz geschickt ist das von der Marketing-Abteilung des Verlages nicht.

Genug der Formalia, direkt zum Buch: es ist ein wunderschönes, gefühlvolles und liebevoll illustriertes Kinderbuch, das Kindern ab drei Jahren anspricht und ihnen das Metathema Freundschaft mitsamt ihren möglichen Hindernissen in Wort und Bild nahebringt. Vorgestellt wird das Kaninchen Leander, das wie oben beschrieben eine Sammelleidenschaft hat. Er kann schöne Dinge so nicht nur bewahren und immer wieder ansehen, sondern auch die Erinnerungen aufrecht erhalten, die er im Zusammenhang mit der gesammelten Sache erworben hat. Dies können auch die vorlesenden Erwachsenen bestätigen: wer Erinnerungen mit visuellen Aspekten verknüpfen kann, dem wird das Behalten und Wiederabrufen deutlich leichter fallen als ohne diese Stütze. Beim Sammeln von Gegenständen bleibt es aber nicht: Leander möchte eines Abends sogar das kirschrote Licht des Sonnenuntergangs in Gläser sammeln. Am Strand trifft er Leni und er sammelt auch für sie ein Glas kirschroten Himmel. Zuhause bei Leni leuchtete das Glas mit dem eingesammelten Licht die ganze Nacht. Es dürfte kaum eine schönere Metapher für eine beginnende Freundschaft geben. Die beiden sammeln nun gemeinsam Dinge, die sie schön finden und die man eigentlich gar nicht sammeln kann. Auch dies umschreibt wunderbar, woraus sich Freundschaft speist: aus dem gemeinsam Erlebten, dem Gefundenen, dem Unsagbaren. In vielen schönen Bildern wird diese Freundschaft und das Sammeln nun ausgemalt und der Kontrapunkt folgt prompt: Leni zieht in eine andere Stadt, der Abschied fällt schwer und dürfte auch manche kleine Zuhörer erschüttern. Das dann folgende Bild erst recht. Wieder eine großartige Leistung der Autorin, sowohl von der Komposition als auch von der Illustration her. Leander hat aber eine Idee, wie er den Kontakt zu Leni erhalten kann.

Der Schlusspunkt des Buches ist ebenfalls nett, aber ein wenig irreführend: Leander sammelt wieder Herbstblätter, diesmal für Leni. Und im Wald trifft er ein neues Kaninchen, Max. Er hat „zum Glück“ ein zweites Glas vorbei. Die kleinen Leser fragten da zu Recht: ist Leni jetzt abgeschrieben und wird durch Max ersetzt? Oder bekommt Max nur gezeigt, wie man Freunde findet? Oder wird Max neben Leni zum neuen Freund, weil man eben auch Freunde vor Ort braucht? Da hätte die Autorin vielleicht den einen oder anderen Gedanken darauf verwenden können.

Dies ändert aber nichts daran, dass es ein tolles Kinderbuch ist, das ein schönes Thema einfallsreich und kindgerecht transportiert. Eine klare Empfehlung meinerseits.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 04.02.2022
  • Seitenanzahl: 40
  • Altersempfehlung: Ab 3 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3985850525

Link zum Buch:

nicht vorhanden