Samstag, 23. Juli 2022

Heinz Janisch / Ana Sender, Das goldene Zeitalter - Die Metamorphosen des Ovid

Heinz Janisch / Ana Sender, Das goldene Zeitalter - Die Metamorphosen des Ovid, NordSüd Verlag

Es ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich, dass sich Gymnasiasten mit den Metamorphosen des Ovid überhaupt befassen. Die lateinische Sprache ist auf dem Rückzug, die modernen Sprachen laufen ihr den Rang ab. Den Genuss, die Verse im Original gelesen und übersetzt zu haben, dürfte eher die Elterngeneration noch erlebt haben - jedenfalls diejenigen, die Spaß an Sprache und Metrik der alten Römer hatten.

Nun ist im NordSüd-Verlag ein Kinderbuch erschienen, das ausgewählte Geschichten (insgesamt sind es über 250, die Ovid verfasst hat) zusammenträgt und nacherzählt. Dass man antike Texte nicht zwingend im Original lesen muss, um sich an ihnen (noch einmal oder erstmals) zu erfreuen, zeigen auch andere Werke (z.B. Politeia - Ein Abenteuer mit Platon, 1. Auflage, Mohr Siebeck 2013). Jedoch wird hier der Spagat versucht, die nicht unbedingt für Kinder geschriebenen Geschichten von Ovid für Kinder nachzuerzählen. Meiner Ansicht nach geht das schief, dazu weiter unten im Fazit.

Zunächst zum Inhalt: insgesamt siebzehn Geschichten sind ausgewählt worden. Darunter bspw. die vier Zeitalter (aurea prima sata est aetas, der berühmte Versanfang), die Geschichte der Arachne, das Labyrinth des Minotaurus, Orpheus und Eurydike oder Daedalus und Ikarus. Hinzu kommen Geschichten zu Jupiter und Europa, zu Narziss und Echo oder auch die wunderschöne Miniatur von Philemon und Baucis. Alle Geschichten sind kurze, in sich abgeschlossene kleine Kunstwerke, die auch in der Nacherzählung nichts von ihrer sprachlichen Anmut und ihrem inhaltlichen Zauber verloren haben. Am Ende gibt es ein Schlusswort des Autors, kurze biographische Informationen zu Ovid sowie ein Namensglossar. Man erinnert sich bei der Lektüre gern an die Ursprungstexte, gleicht während der Lektüre sein eigenes Wissen um die handelnden Charaktere und die um diese gestrickten Legenden ab und möchte eigentlich noch mehr davon lesen.

Aber: dieses Gefühl stellt sich (nur) als Erwachsener ein, der zu den altphilologischen Themen einen Bezug hatte und/oder hat. Die Attraktivität des Buches für Kinder ist hingegen eher beschränkt. Denn die in den Geschichten handelnden Figuren gehören keineswegs zum Standard-Erzählkanon im Vorschul- oder Grundschulalter, sodass sich kein Wiedererkennungseffekt einstellen kann. Von griechischen und römischen Göttern, von Sagengestalten und Nymphen, vom Ursprung eigentlich allgemeinsprachlicher Figuren wie Narziss oder Pan, hört man insbesondere im Grundschulunterricht so gut wie nichts und auch in der Gymnasialzeit dürfte die Befassung mit den Themen der Metamorphosen von überschaubarem Umfang sein. Die Geschichten sind auch nicht so zeitgerecht neu nacherzählt, dass man sie unabhängig vom Konnex zu Ovid und seinem typischen Stil als abstrakte Lektüre für Kinder neu einführen könnte, etwa als Fabel oder Märchen.

Das Fazit lautet also leider: das ist kein überzeugendes Kinderbuch.

Für Kinder ab 6 Jahren, für die das Werk konzipiert sein soll, sind die Themen und Namen sowie das darin liegende Transferwissen zu schwer zu fassen. Als standalone-Geschichten sind die Texte auch nur vereinzelt geeignet. Die Angemessenheit der Illustrationen für Grundschulkinder halte ich auch nur bedingt für gegeben.

Für ältere Kinder hingegen ist die Aufmachung zu simpel, inklusive der Illustrationen. Denn für Schüler, die sich schon mit der lateinischen Sprache befassen, hätte es gerne zu den Geschichten mehr Informationen, mehr Einführung, mehr Auslegung, vielleicht auch Originalzitate geben können.

Als Erwachsener liest man das Buch, unter den eingangs genannten Voraussetzungen, hingegen gerne. Doch das war ja erkennbar nicht das Ziel des Buches.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 17.08.2022
  • Seitenanzahl: 96
  • Altersempfehlung: Ab 6 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-314-10614-9

Link zum Buch:

https://nord-sued.com/programm/das-goldene-zeitalter/