Heinz Janisch / Ana Sender, Das goldene Zeitalter - Die Metamorphosen des Ovid, NordSüd Verlag
Es ist
heutzutage nicht mehr selbstverständlich, dass sich Gymnasiasten mit den
Metamorphosen des Ovid überhaupt befassen. Die lateinische Sprache ist auf dem
Rückzug, die modernen Sprachen laufen ihr den Rang ab. Den Genuss, die Verse im
Original gelesen und übersetzt zu haben, dürfte eher die Elterngeneration noch
erlebt haben - jedenfalls diejenigen, die Spaß an Sprache und Metrik der alten
Römer hatten.
Nun ist im
NordSüd-Verlag ein Kinderbuch erschienen, das ausgewählte Geschichten
(insgesamt sind es über 250, die Ovid verfasst hat) zusammenträgt und
nacherzählt. Dass man antike Texte nicht zwingend im Original lesen muss, um
sich an ihnen (noch einmal oder erstmals) zu erfreuen, zeigen auch andere Werke
(z.B. Politeia - Ein Abenteuer mit Platon, 1. Auflage, Mohr Siebeck 2013).
Jedoch wird hier der Spagat versucht, die nicht unbedingt für Kinder
geschriebenen Geschichten von Ovid für Kinder nachzuerzählen. Meiner Ansicht
nach geht das schief, dazu weiter unten im Fazit.
Zunächst zum
Inhalt: insgesamt siebzehn Geschichten sind ausgewählt worden. Darunter bspw. die
vier Zeitalter (aurea prima sata est aetas, der berühmte Versanfang), die
Geschichte der Arachne, das Labyrinth des Minotaurus, Orpheus und Eurydike oder
Daedalus und Ikarus. Hinzu kommen Geschichten zu Jupiter und Europa, zu Narziss
und Echo oder auch die wunderschöne Miniatur von Philemon und Baucis. Alle
Geschichten sind kurze, in sich abgeschlossene kleine Kunstwerke, die auch in
der Nacherzählung nichts von ihrer sprachlichen Anmut und ihrem inhaltlichen
Zauber verloren haben. Am Ende gibt es ein Schlusswort des Autors, kurze
biographische Informationen zu Ovid sowie ein Namensglossar. Man erinnert sich
bei der Lektüre gern an die Ursprungstexte, gleicht während der Lektüre sein
eigenes Wissen um die handelnden Charaktere und die um diese gestrickten
Legenden ab und möchte eigentlich noch mehr davon lesen.
Aber: dieses
Gefühl stellt sich (nur) als Erwachsener ein, der zu den altphilologischen
Themen einen Bezug hatte und/oder hat. Die Attraktivität des Buches für Kinder
ist hingegen eher beschränkt. Denn die in den Geschichten handelnden Figuren
gehören keineswegs zum Standard-Erzählkanon im Vorschul- oder Grundschulalter,
sodass sich kein Wiedererkennungseffekt einstellen kann. Von griechischen und
römischen Göttern, von Sagengestalten und Nymphen, vom Ursprung eigentlich
allgemeinsprachlicher Figuren wie Narziss oder Pan, hört man insbesondere im
Grundschulunterricht so gut wie nichts und auch in der Gymnasialzeit dürfte die
Befassung mit den Themen der Metamorphosen von überschaubarem Umfang sein. Die
Geschichten sind auch nicht so zeitgerecht neu nacherzählt, dass man sie
unabhängig vom Konnex zu Ovid und seinem typischen Stil als abstrakte Lektüre
für Kinder neu einführen könnte, etwa als Fabel oder Märchen.
Das Fazit lautet
also leider: das ist kein überzeugendes Kinderbuch.
Für Kinder ab 6
Jahren, für die das Werk konzipiert sein soll, sind die Themen und Namen sowie
das darin liegende Transferwissen zu schwer zu fassen. Als
standalone-Geschichten sind die Texte auch nur vereinzelt geeignet. Die Angemessenheit
der Illustrationen für Grundschulkinder halte ich auch nur bedingt für gegeben.
Für ältere
Kinder hingegen ist die Aufmachung zu simpel, inklusive der Illustrationen.
Denn für Schüler, die sich schon mit der lateinischen Sprache befassen, hätte
es gerne zu den Geschichten mehr Informationen, mehr Einführung, mehr
Auslegung, vielleicht auch Originalzitate geben können.
Als Erwachsener
liest man das Buch, unter den eingangs genannten Voraussetzungen, hingegen
gerne. Doch das war ja erkennbar nicht das Ziel des Buches.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 17.08.2022
- Seitenanzahl: 96
- Altersempfehlung: Ab 6 Jahre
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-314-10614-9
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