Montag, 11. Juli 2022

Rafik Schami, Elisa oder Die Nacht der Wünsche

Rafik Schami, Elisa oder die Nacht der Wünsche, Hanser Verlag

Es ist nicht unüblich, dass klassische Geschichten in ein modernes Gewand gesteckt werden, um im Vergleich zur Ursprungsgeschichte passendere oder modernere Botschaften zu transportieren. Das klappt nur selten, viel öfter geht es schief, so auch hier.

Was passiert in der Geschichte? Sie handelt vom Weihnachtsmann, der alt, dick und desillusioniert zuhause in seinem Sessel schnarcht, von der westlichen Konsumwelt vereinnahmt wurde und seinem ursprünglichen Bestreben, alle Kinder auf der Welt glücklich zu machen, nicht mehr nachkommt. Dies geschieht zum Erstaunen und zum Unmut seiner Frau Elisa, die diesen Verfall über die Jahre beobachtet hat und deren Geduld nunmehr am Ende ist. Sie übernimmt seine Aufgabe und beschenkt ein (!) verzweifeltes und trauriges Kind.

So weit, so gut. Oder schlecht, je nach Sichtweise. Beginnen wir beim Titel: Elisa oder die Nacht der Wünsche. Welche konkrete Nacht soll es denn sein? Der Weihnachtsabend? Oder so eine Nacht ganz generell? Wenn es Letzteres wäre, was hätte das dann mit dem Weihnachtsmann zu tun? Und wieso „Wünsche“? Wenn es doch de facto nur um ein Kind geht und nicht etwa darum, den alten fetten unverlässlich gewordenen Coca-Cola-Weihnachtsmann ganz generell zu ersetzen durch eine im Gegensatz zu ihm noch mitfühlende sendungsbewusste Frau?

Dann zum eigentlich Inhalt: es soll sich um ein Buch für Kinder zwischen drei und sechs Jahren handeln. Diese Kinder werden hier konfrontiert mit Gewalt, Diskriminierung, Rassismus, Armut, religiösem Separatismus, Konsumkritik, Kritik der europäisch-westlichen Wertewelt und noch so allerlei anderen Dingen. Und das alles hübsch verpackt in einer vermeintlichen Weihnachtsgeschichte. Man möchte wirklich ein entsetztes „Geht’s noch?“ loswerden. Wieder einmal scheitert ein Buch grandios daran, dass da vermeintlich etwas für Kinder geschrieben wird, das aber unverhohlen auf die vorlesenden Eltern oder welche Zielgruppe auch sonst abzielt.

Es beginnt schon damit, dass ein dunkelhäutiges Kind von anderen verprügelt wird und nun trauernd und sehnsüchtig auf das Schaufenster eines Spielzeugladens starrend auf seine Mutter wartet, die auf der Suche nach irgendeinem Aushilfsjob zu sein scheint. Welche sozial verwahrloste Welt soll da porträtiert werden? Und wieso fällt gerade dieser Junge ins Visier von Elisa, obwohl es doch weltweit durchaus noch ärmere Kinder geben dürfte? Eben weil der Weihnachtsmythos und die Art Weihnachten zu feiern nicht universell ist, sondern sich Kritik daran irgendein europäisches Ziel suchen muss. Schon dies hätte davon abhalten müssen, in der weiteren Geschichte dem Weihnachtsmann vorzuwerfen, er kümmere sich nicht mehr um Kinder anderer Erdteile oder gar nicht mehr um die mit der falschen Religion. Wie kann man Kindern mit so einem Unfug konfrontieren, wo sie die grundlegenden Denkprinzipien hinter solchen Abgrenzungsproblemen in keiner Weise erahnen oder begreifen können? Und dann noch Elisas Frust, dass aus ihrem leidenschaftlichen Kämpfer für Kinder, der sogar mit Gottes Billigung ein Spielwarenlager ausgeräumt hat (nein, wir vertiefen diese Pseudo-Legitimation eines Gesetzesverstoßes zum Zweck scheinbar höherrangiger Ziele jetzt nicht weiter…), ein von einem amerikanischen Brausehersteller gekaperter, unmotivierter, eitler alter Dummkopf geworden ist. Der „Afrika“ meidet. (Was genau ist „Afrika“?) Der mit bösem Blick an muslimischen Kindern vorbeistiefelt. (Feiern die etwa Weihnachten?). Der vom „Herrn der Welten“ gemocht wurde? (muss er jetzt doch wieder christlich sein der Weihnachtsmann?) Der (warum auch immer) kistenweise Cola-Flaschen mitbringt und trinkt. Und dann noch der Frust des Weihnachtsmanns, dass es den Kindern nur noch um Konsum gehe, nicht mehr um das Geschenk selbst. Dass diese in ihrer Konsumgier völlig außer Rand und Band geraten. Ja, wer würde dann nicht – wie Elisa – selbst das Heft in die Hand nehmen, sich den rot-weißen Mantel schnappen und zu edlen Taten aufbrechen? Wieso aber muss sie diese Rolle nun in genau dem Kostüm an- und übernehmen, das sie vorher so zur Weißglut gebracht hat? Und wieso nur für das eine Kind?

Wer aus Versehen in dieses mit träumerischem Titelbild versehene Buch stolpert, weil er dem Klappentext folgt und meint, er hätte da ein „wunderschönes Bilderbuch zum Vorlesen, (…) das den Menschen das kindliche Staunen zurück“ gibt, gekauft, wird jäh entsetzt sein und man mag hoffen, dass nicht unversehens kindlicher Glaube an den Weihnachtsmann durch pseudo-kindliche Erwachsenen-Fundamentalkritik zerstört wird.

Was auch immer der Autor mit diesem Schmähwerk sagen wollte: mir erschließt es sich nicht. Soll es Kulturkritik, Konsumkritik, Religionskritik sein? Gibt es dann demnächst das Pendant zum Zuckerfest? Als Kinderbuch ist es eine Totalverfehlung, als Weihnachtsbuch erst recht.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 23.09.2019
  • Seitenanzahl: 32
  • Altersempfehlung: Ab 3 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-26441-0

Link zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/elisa-oder-die-nacht-der-wuensche/978-3-446-26441-0/