Rafik Schami, Elisa oder die Nacht der Wünsche, Hanser Verlag
Es ist nicht
unüblich, dass klassische Geschichten in ein modernes Gewand gesteckt werden,
um im Vergleich zur Ursprungsgeschichte passendere oder modernere Botschaften
zu transportieren. Das klappt nur selten, viel öfter geht es schief, so auch
hier.
Was passiert in
der Geschichte? Sie handelt vom Weihnachtsmann, der alt, dick und
desillusioniert zuhause in seinem Sessel schnarcht, von der westlichen
Konsumwelt vereinnahmt wurde und seinem ursprünglichen Bestreben, alle Kinder
auf der Welt glücklich zu machen, nicht mehr nachkommt. Dies geschieht zum
Erstaunen und zum Unmut seiner Frau Elisa, die diesen Verfall über die Jahre
beobachtet hat und deren Geduld nunmehr am Ende ist. Sie übernimmt seine
Aufgabe und beschenkt ein (!) verzweifeltes und trauriges Kind.
So weit, so gut.
Oder schlecht, je nach Sichtweise. Beginnen wir beim Titel: Elisa oder die
Nacht der Wünsche. Welche konkrete Nacht soll es denn sein? Der
Weihnachtsabend? Oder so eine Nacht ganz generell? Wenn es Letzteres wäre, was
hätte das dann mit dem Weihnachtsmann zu tun? Und wieso „Wünsche“? Wenn es doch
de facto nur um ein Kind geht und nicht etwa darum, den alten fetten
unverlässlich gewordenen Coca-Cola-Weihnachtsmann ganz generell zu ersetzen
durch eine im Gegensatz zu ihm noch mitfühlende sendungsbewusste Frau?
Dann zum
eigentlich Inhalt: es soll sich um ein Buch für Kinder zwischen drei und sechs
Jahren handeln. Diese Kinder werden hier konfrontiert mit Gewalt,
Diskriminierung, Rassismus, Armut, religiösem Separatismus, Konsumkritik,
Kritik der europäisch-westlichen Wertewelt und noch so allerlei anderen Dingen.
Und das alles hübsch verpackt in einer vermeintlichen Weihnachtsgeschichte. Man
möchte wirklich ein entsetztes „Geht’s noch?“ loswerden. Wieder einmal
scheitert ein Buch grandios daran, dass da vermeintlich etwas für Kinder
geschrieben wird, das aber unverhohlen auf die vorlesenden Eltern oder welche
Zielgruppe auch sonst abzielt.
Es beginnt schon
damit, dass ein dunkelhäutiges Kind von anderen verprügelt wird und nun
trauernd und sehnsüchtig auf das Schaufenster eines Spielzeugladens starrend
auf seine Mutter wartet, die auf der Suche nach irgendeinem Aushilfsjob zu sein
scheint. Welche sozial verwahrloste Welt soll da porträtiert werden? Und wieso
fällt gerade dieser Junge ins Visier von Elisa, obwohl es doch weltweit
durchaus noch ärmere Kinder geben dürfte? Eben weil der Weihnachtsmythos und
die Art Weihnachten zu feiern nicht universell ist, sondern sich Kritik daran
irgendein europäisches Ziel suchen muss. Schon dies hätte davon abhalten müssen,
in der weiteren Geschichte dem Weihnachtsmann vorzuwerfen, er kümmere sich
nicht mehr um Kinder anderer Erdteile oder gar nicht mehr um die mit der
falschen Religion. Wie kann man Kindern mit so einem Unfug konfrontieren, wo
sie die grundlegenden Denkprinzipien hinter solchen Abgrenzungsproblemen in
keiner Weise erahnen oder begreifen können? Und dann noch Elisas Frust, dass
aus ihrem leidenschaftlichen Kämpfer für Kinder, der sogar mit Gottes Billigung
ein Spielwarenlager ausgeräumt hat (nein, wir vertiefen diese
Pseudo-Legitimation eines Gesetzesverstoßes zum Zweck scheinbar höherrangiger
Ziele jetzt nicht weiter…), ein von einem amerikanischen Brausehersteller
gekaperter, unmotivierter, eitler alter Dummkopf geworden ist. Der „Afrika“
meidet. (Was genau ist „Afrika“?) Der mit bösem Blick an muslimischen Kindern
vorbeistiefelt. (Feiern die etwa Weihnachten?). Der vom „Herrn der Welten“
gemocht wurde? (muss er jetzt doch wieder christlich sein der Weihnachtsmann?)
Der (warum auch immer) kistenweise Cola-Flaschen mitbringt und trinkt. Und dann
noch der Frust des Weihnachtsmanns, dass es den Kindern nur noch um Konsum
gehe, nicht mehr um das Geschenk selbst. Dass diese in ihrer Konsumgier völlig
außer Rand und Band geraten. Ja, wer würde dann nicht – wie Elisa – selbst das
Heft in die Hand nehmen, sich den rot-weißen Mantel schnappen und zu edlen
Taten aufbrechen? Wieso aber muss sie diese Rolle nun in genau dem Kostüm an-
und übernehmen, das sie vorher so zur Weißglut gebracht hat? Und wieso nur für
das eine Kind?
Wer aus Versehen
in dieses mit träumerischem Titelbild versehene Buch stolpert, weil er dem
Klappentext folgt und meint, er hätte da ein „wunderschönes Bilderbuch zum
Vorlesen, (…) das den Menschen das kindliche Staunen zurück“ gibt, gekauft,
wird jäh entsetzt sein und man mag hoffen, dass nicht unversehens kindlicher
Glaube an den Weihnachtsmann durch pseudo-kindliche
Erwachsenen-Fundamentalkritik zerstört wird.
Was auch immer
der Autor mit diesem Schmähwerk sagen wollte: mir erschließt es sich nicht.
Soll es Kulturkritik, Konsumkritik, Religionskritik sein? Gibt es dann
demnächst das Pendant zum Zuckerfest? Als Kinderbuch ist es eine
Totalverfehlung, als Weihnachtsbuch erst recht.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 23.09.2019
- Seitenanzahl: 32
- Altersempfehlung: Ab 3 Jahre
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-26441-0
Link zum Buch:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/elisa-oder-die-nacht-der-wuensche/978-3-446-26441-0/
