Stephan Krass, Die Spur der Buchstaben, Steidl Verlag
Zugegeben, die
Lektüre dieses Buches gelingt nicht mal einfach so und nebenbei. Dafür hat der
schreibgewandte und belesene Autor zuviel an Informationen, Wendungen und
Denkanstößen in den Texten verarbeitet. Immerhin: das Buch selbst ermutigt zum
Querlesen und ermöglicht ein Durcheinanderlesen, denn die einzelnen, zum
Alphabet gehörenden Stich- und Schlagworte stehen in keinem linearen
Zusammenhang oder in einer inneren Konsequenz. Auf diese Weise kann man das
Buch in Stücken, im Ganzen oder auch von hinten nach vorne lesen, ganz wie es
einem beliebt. Das wäre auch ganz im Sinn der großen Sprachenthusiasten, die
Krass allerorten zitiert, denen er huldigt, den Arbeitern der Sprache, den
Phantasten der Sprache, den kühlen Analytikern, den wirren Wortverdrehern. Alle
Genres gehören dazu, um der Sprache und der Buchstaben gerecht zu werden – denn
ihrer Herr wird man sowieso nie, dafür sind Buchstaben, Sprache, Literatur,
Lyrik und selbst spröde Sachtexte zu flexibel, zu anpassungsfähig und zu
dynamisch. Man muss jedoch beileibe nicht die Höhen eines Philosophen wie
Schopenhauer – man erinnere sich: jedes Wort ein Sprachspiel – oder eines
begnadeten Geistes wie Canetti: Buchstaben als Ameisen mit eigenem Staat –
erklimmen, um an dem Buch Gefallen zu finden. Denn Krass nimmt die Leserinnen
und Leser vielerorts ganz grundlegend mit auf seine historische und kulturelle
Reise zu den Buchstaben, ihrer Bedeutung, ihrer Weiterentwicklung, ihrer
Verarbeitung und ihrer möglichen zukünftigen Rolle. Seine eigene, stets deutlich
bemerkbare Zuneigung zu Buchstaben in all ihren Spielarten schafft es an vielen
Stellen, die Lektüre zu einem besonderen Erlebnis zu machen, ein bisschen mit
einzutauchen in den Kosmos aus Lettern und ihrer Bedeutung und von den vielen
im Text verankerten Assoziationen zu lernen. Dass Krass dann anderenorts nicht
aus seiner Rolle als Dozent herauskommt, sei ihm verziehen. Denn dort klingt er
dann zu wissenschaftlich, zu sehr nach „ich weiß noch was“, zu nerdig. Letzten
Endes muss ein Autor, der sich dem Sujet umfassend und nicht nur subjektiv
zuwenden will, aber gerade diesen Grad an Kopfarbeit beherrschen, um im
Gesamteindruck zu überzeugen. Da das Buch zum Glück nur selten nach Proseminar
klingt, stört es deshalb auch nicht weiter, wenn man sich bisweilen in einer
Vorlesung wähnt (Kapitel „Medium“ z.B.).
Die Leser werden
mit dreißig kleinen Kapiteln konfrontiert, die sich, alphabetisch sortiert und
mit vier ergänzenden Abschnitten, u.a. zu den Umlauten, mit verschiedenen
Themen rund um die Buchstaben befassen, bspw. Code, Erzählen, Konsonant,
Passwort, Stimme etc. Manchmal ist es ein wenig umständlich, um vom
Ausgangspunkt zum Thema zu kommen, an anderen Stellen ist der Text ein einziger
schön lesbarer Fluss. Dass Krass dabei einerseits die althergebrachten
Kulturtechniken (Handschrift, Buchdruck, Schriftbild, Typographie) und echte
Buchhandarbeit preist, verwundert nicht und schadet auch nicht. Denn
gleichzeitig steht er der Digitalisierung mit dem gebotenen Ernst und dem
nötigen kritischen Staunen gegenüber und lässt die Leser auch daran teilhaben.
Wer Sprache und
Literatur liebt, der wird dieses Buch mit Genuss lesen. Man erfährt viele
Dinge, die man mit Sicherheit vorher nicht gekannt, die man so nicht in
Verbindung gebracht, die man so nicht durchdacht hatte. So verbleibt man mit
dem Buch nicht im Deskriptiven, sondern kann sich tatsächlich auf eine
Spracherfahrung einlassen, die man so nicht jeden Tag zu Gesicht bekommt.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 12.11.2021
- Seitenanzahl: 160
- ISBN/Artikelnummer: 978-3958299818
Link zum Buch:
https://steidl.de/Buecher/Die-Spur-der-Buchstaben-2126394857.html
