Sonntag, 10. Juli 2022

Stephan Krass, Die Spur der Buchstaben

Stephan Krass, Die Spur der Buchstaben, Steidl Verlag

Zugegeben, die Lektüre dieses Buches gelingt nicht mal einfach so und nebenbei. Dafür hat der schreibgewandte und belesene Autor zuviel an Informationen, Wendungen und Denkanstößen in den Texten verarbeitet. Immerhin: das Buch selbst ermutigt zum Querlesen und ermöglicht ein Durcheinanderlesen, denn die einzelnen, zum Alphabet gehörenden Stich- und Schlagworte stehen in keinem linearen Zusammenhang oder in einer inneren Konsequenz. Auf diese Weise kann man das Buch in Stücken, im Ganzen oder auch von hinten nach vorne lesen, ganz wie es einem beliebt. Das wäre auch ganz im Sinn der großen Sprachenthusiasten, die Krass allerorten zitiert, denen er huldigt, den Arbeitern der Sprache, den Phantasten der Sprache, den kühlen Analytikern, den wirren Wortverdrehern. Alle Genres gehören dazu, um der Sprache und der Buchstaben gerecht zu werden – denn ihrer Herr wird man sowieso nie, dafür sind Buchstaben, Sprache, Literatur, Lyrik und selbst spröde Sachtexte zu flexibel, zu anpassungsfähig und zu dynamisch. Man muss jedoch beileibe nicht die Höhen eines Philosophen wie Schopenhauer – man erinnere sich: jedes Wort ein Sprachspiel – oder eines begnadeten Geistes wie Canetti: Buchstaben als Ameisen mit eigenem Staat – erklimmen, um an dem Buch Gefallen zu finden. Denn Krass nimmt die Leserinnen und Leser vielerorts ganz grundlegend mit auf seine historische und kulturelle Reise zu den Buchstaben, ihrer Bedeutung, ihrer Weiterentwicklung, ihrer Verarbeitung und ihrer möglichen zukünftigen Rolle. Seine eigene, stets deutlich bemerkbare Zuneigung zu Buchstaben in all ihren Spielarten schafft es an vielen Stellen, die Lektüre zu einem besonderen Erlebnis zu machen, ein bisschen mit einzutauchen in den Kosmos aus Lettern und ihrer Bedeutung und von den vielen im Text verankerten Assoziationen zu lernen. Dass Krass dann anderenorts nicht aus seiner Rolle als Dozent herauskommt, sei ihm verziehen. Denn dort klingt er dann zu wissenschaftlich, zu sehr nach „ich weiß noch was“, zu nerdig. Letzten Endes muss ein Autor, der sich dem Sujet umfassend und nicht nur subjektiv zuwenden will, aber gerade diesen Grad an Kopfarbeit beherrschen, um im Gesamteindruck zu überzeugen. Da das Buch zum Glück nur selten nach Proseminar klingt, stört es deshalb auch nicht weiter, wenn man sich bisweilen in einer Vorlesung wähnt (Kapitel „Medium“ z.B.).

Die Leser werden mit dreißig kleinen Kapiteln konfrontiert, die sich, alphabetisch sortiert und mit vier ergänzenden Abschnitten, u.a. zu den Umlauten, mit verschiedenen Themen rund um die Buchstaben befassen, bspw. Code, Erzählen, Konsonant, Passwort, Stimme etc. Manchmal ist es ein wenig umständlich, um vom Ausgangspunkt zum Thema zu kommen, an anderen Stellen ist der Text ein einziger schön lesbarer Fluss. Dass Krass dabei einerseits die althergebrachten Kulturtechniken (Handschrift, Buchdruck, Schriftbild, Typographie) und echte Buchhandarbeit preist, verwundert nicht und schadet auch nicht. Denn gleichzeitig steht er der Digitalisierung mit dem gebotenen Ernst und dem nötigen kritischen Staunen gegenüber und lässt die Leser auch daran teilhaben.

Wer Sprache und Literatur liebt, der wird dieses Buch mit Genuss lesen. Man erfährt viele Dinge, die man mit Sicherheit vorher nicht gekannt, die man so nicht in Verbindung gebracht, die man so nicht durchdacht hatte. So verbleibt man mit dem Buch nicht im Deskriptiven, sondern kann sich tatsächlich auf eine Spracherfahrung einlassen, die man so nicht jeden Tag zu Gesicht bekommt.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 12.11.2021
  • Seitenanzahl: 160
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3958299818

Link zum Buch:

https://steidl.de/Buecher/Die-Spur-der-Buchstaben-2126394857.html