Donnerstag, 7. Juli 2022

Jane Gardam, Mädchen auf den Felsen

Jane Gardam, Mädchen auf den Felsen, Hanser Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

In diesem schmalen Band versteckt sich auf 220 Seiten die Lebensgeschichte von drei Generationen in der britischen Provinz. Die Qualität und der Rang der Autorin zeigen sich in ihrer Kompetenz, auf wenigen Seiten Charaktere zum Leuchten zu bringen und ihr innerstes Wesen sichtbar werden zu lassen.

Zunächst begleiten wir die achtjährige Margaret in ihrem durch den religiösen Ambitionismus ihres Vaters eingeengten Leben. Nachdem alles, was einem jungen Mädchen Freude macht, aufgrund des strikt gottesfürchtigen Regimes des Vaters verboten ist, zudem ihre Mutter den neugeborenen Bruder umsorgen muss, wird ihr eine kleine Flucht aus dem mit Bibelzitaten gefüllten Alltag erlaubt: Lydia, eine junge Frau aus armseligen Verhältnissen wird als Hausmädchen zur Entlastung der Mutter aufgenommen und darf Mittwochs mit Margaret einen Ausflug mit der Eisenbahn an die Küste machen. Dort überlässt sie Margaret allerdings weitgehend sich selbst, um sich mit dem Gärtner im Wald einzulassen. Margaret streift herum, macht erste, für sie verstörende Beobachtungen in Sachen Sexualität und trifft im Garten einer herrschaftlichen Villa einen offensichtlich geisteskranken oder dementen älteren Herrn an einer Staffelei, mit dem sie sich nach und nach anfreundet. Allein diese reduzierten Unterhaltungen der beiden, die aufgrund der Demenz des älteren Herrn immer wieder von Neuem beginnen, sind ein Meisterstück der Literatur.

Später lernt Margaret im Rahmen eines Anstandsbesuchs ihrer Mutter bei früheren Freunden Charles und Binkie kennen: Ein älteres Geschwisterpaar aus der Vergangenheit ihrer Mutter. Nach und nach lüftet sich das Geheimnis, dass die Besitzerin der Villa, in der der ältere Herr wohnt und malt, die Mutter von Charles und Binkie ist und eine Ehe zwischen Charles und Margarets Mutter verhindert hat. Auch diese Beziehung wird in interessanten Flashbacks nach und nach lebendig, eher aus beiläufigen Bemerkungen und kurzen, aber wohlplatzierten Andeutungen der Protagonisten.

Es kommt zum Eklat, als der bigotte Vater sich an Lydia heranmacht, woraufhin Margarets Mutter in die Arme von Charles flieht und Margaret verstört an den Strand läuft, wo sie von der Flut überrascht wird. Um das Ende nicht zu verraten, sei nur so viel gesagt, dass einige Protagonisten sterben müssen und in einer erleichternden Schlussszene alle Fäden der Geschichte miteinander zu einem aufklärenden Ende verwoben werden, so dass der Leser aus einer in sich stimmigen und runden Geschichte befriedigt entlassen wird.

Nur ein makabres Detail bleibt ungeklärt und die verstörende Szene sticht aus dem ansonsten recht gleichförmig getriebenen Schreibstil heraus: Margaret entdeckt bei ihren ersten Streifzügen zur Villa im Garten eine Art Schubkarre mit einer verrottenden Leiche einer Frau. Zwar kann man vermuten, um wen es sich dabei handelt, doch wird kein Detail eines Mordes oder des Verschwindens der Frau angeboten. Nach der erschreckenden Entdeckung gibt es auch nur eine einzige kurze Erinnerung von Margaret, ansonsten wird nicht mehr darauf Bezug genommen. So ist dies der einzige offene Faden, der zumindest nicht eindeutig zu Ende gewoben wurde.

Das Buch beginnt monoton und bedrückend, um die einengende Überregulierung durch den Religionswahn des Vaters zu verdeutlichen. Die Geschichte kulminiert aber in einen Strudel der Ereignisse, bei denen jeder Protagonist auf seine Weise versucht, der Enge und Trübsal zu entfliehen oder seinem Schicksal eine andere Wendung zu geben. Wie gefangen Menschen in ihrer Denkweise durch kleine Schicksalsschläge der Vergangenheit sind, wird in der geschädigten Beziehung von Charles Mutter zu ihren Kindern dargestellt, die realitätsnäher nicht sein könnte. Eine sterbenskranke Frau liegt bewegungsunfähig in ihrem Bett und wird von ihren Kindern nicht mehr besucht, da sie in ihrer schroffen, aus früheren Zurückweisungen gespeisten Art, ihre Kinder zu oft vor den Kopf gestoßen und ungeliebt gelassen hat. So denkt sie mit Verärgerung und Enttäuschung an ihre Kinder und rächt sich mit einem letzten Aufbäumen durch Enterbung an ihren vermeintlich undankbaren Kindern.

Eine beeindruckende Szene ist jene, in der Lydia voller Wut Margarets Vater zurückweist, der sexuell übergriffig wird. In primitiver Sprache legt sie ihr armseliges Leben dar, ihre Hoffnung aus Flucht vor prekären Verhältnissen durch die Anstellung als Hausmädchen und entlarvt den bigotten Glauben des Vaters in all seiner Scheinheiligkeit und mit einer wuchtigen Klarheit. Die Antipathie, die der Leser von Beginn an diesem scheinheiligen Religionsfanatiker gegenüber entwickelt, kann sich in diesem stellvertretenden Ausbruch dankbare Erleichterung verschaffen.

Insgesamt handelt es sich um ein nur vordergründig unscheinbares Buch aus der englischen Provinz, enthält es doch präzise Lebensbeschreibungen und viel Facetten des menschlichen Miteinanders, die nicht klarer hätten gezeigt werden können.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 11.04.2022
  • Seitenanzahl: 224
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-27228-6

Link zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/maedchen-auf-den-felsen/978-3-446-27228-6/