Jane Gardam, Mädchen auf den Felsen, Hanser Verlag
Von Dr. Verena Krenberger
In diesem
schmalen Band versteckt sich auf 220 Seiten die Lebensgeschichte von drei
Generationen in der britischen Provinz. Die Qualität und der Rang der Autorin
zeigen sich in ihrer Kompetenz, auf wenigen Seiten Charaktere zum Leuchten zu
bringen und ihr innerstes Wesen sichtbar werden zu lassen.
Zunächst
begleiten wir die achtjährige Margaret in ihrem durch den religiösen
Ambitionismus ihres Vaters eingeengten Leben. Nachdem alles, was einem jungen
Mädchen Freude macht, aufgrund des strikt gottesfürchtigen Regimes des Vaters
verboten ist, zudem ihre Mutter den neugeborenen Bruder umsorgen muss, wird ihr
eine kleine Flucht aus dem mit Bibelzitaten gefüllten Alltag erlaubt: Lydia,
eine junge Frau aus armseligen Verhältnissen wird als Hausmädchen zur
Entlastung der Mutter aufgenommen und darf Mittwochs mit Margaret einen Ausflug
mit der Eisenbahn an die Küste machen. Dort überlässt sie Margaret allerdings
weitgehend sich selbst, um sich mit dem Gärtner im Wald einzulassen. Margaret
streift herum, macht erste, für sie verstörende Beobachtungen in Sachen
Sexualität und trifft im Garten einer herrschaftlichen Villa einen
offensichtlich geisteskranken oder dementen älteren Herrn an einer Staffelei,
mit dem sie sich nach und nach anfreundet. Allein diese reduzierten
Unterhaltungen der beiden, die aufgrund der Demenz des älteren Herrn immer
wieder von Neuem beginnen, sind ein Meisterstück der Literatur.
Später lernt
Margaret im Rahmen eines Anstandsbesuchs ihrer Mutter bei früheren Freunden
Charles und Binkie kennen: Ein älteres Geschwisterpaar aus der Vergangenheit
ihrer Mutter. Nach und nach lüftet sich das Geheimnis, dass die Besitzerin der
Villa, in der der ältere Herr wohnt und malt, die Mutter von Charles und Binkie
ist und eine Ehe zwischen Charles und Margarets Mutter verhindert hat. Auch
diese Beziehung wird in interessanten Flashbacks nach und nach lebendig, eher
aus beiläufigen Bemerkungen und kurzen, aber wohlplatzierten Andeutungen der
Protagonisten.
Es kommt zum
Eklat, als der bigotte Vater sich an Lydia heranmacht, woraufhin Margarets
Mutter in die Arme von Charles flieht und Margaret verstört an den Strand
läuft, wo sie von der Flut überrascht wird. Um das Ende nicht zu verraten, sei
nur so viel gesagt, dass einige Protagonisten sterben müssen und in einer
erleichternden Schlussszene alle Fäden der Geschichte miteinander zu einem
aufklärenden Ende verwoben werden, so dass der Leser aus einer in sich
stimmigen und runden Geschichte befriedigt entlassen wird.
Nur ein makabres
Detail bleibt ungeklärt und die verstörende Szene sticht aus dem ansonsten
recht gleichförmig getriebenen Schreibstil heraus: Margaret entdeckt bei ihren
ersten Streifzügen zur Villa im Garten eine Art Schubkarre mit einer verrottenden
Leiche einer Frau. Zwar kann man vermuten, um wen es sich dabei handelt, doch
wird kein Detail eines Mordes oder des Verschwindens der Frau angeboten. Nach
der erschreckenden Entdeckung gibt es auch nur eine einzige kurze Erinnerung
von Margaret, ansonsten wird nicht mehr darauf Bezug genommen. So ist dies der
einzige offene Faden, der zumindest nicht eindeutig zu Ende gewoben wurde.
Das Buch beginnt
monoton und bedrückend, um die einengende Überregulierung durch den
Religionswahn des Vaters zu verdeutlichen. Die Geschichte kulminiert aber in
einen Strudel der Ereignisse, bei denen jeder Protagonist auf seine Weise
versucht, der Enge und Trübsal zu entfliehen oder seinem Schicksal eine andere
Wendung zu geben. Wie gefangen Menschen in ihrer Denkweise durch kleine
Schicksalsschläge der Vergangenheit sind, wird in der geschädigten Beziehung
von Charles Mutter zu ihren Kindern dargestellt, die realitätsnäher nicht sein
könnte. Eine sterbenskranke Frau liegt bewegungsunfähig in ihrem Bett und wird
von ihren Kindern nicht mehr besucht, da sie in ihrer schroffen, aus früheren
Zurückweisungen gespeisten Art, ihre Kinder zu oft vor den Kopf gestoßen und
ungeliebt gelassen hat. So denkt sie mit Verärgerung und Enttäuschung an ihre
Kinder und rächt sich mit einem letzten Aufbäumen durch Enterbung an ihren
vermeintlich undankbaren Kindern.
Eine
beeindruckende Szene ist jene, in der Lydia voller Wut Margarets Vater
zurückweist, der sexuell übergriffig wird. In primitiver Sprache legt sie ihr
armseliges Leben dar, ihre Hoffnung aus Flucht vor prekären Verhältnissen durch
die Anstellung als Hausmädchen und entlarvt den bigotten Glauben des Vaters in
all seiner Scheinheiligkeit und mit einer wuchtigen Klarheit. Die Antipathie,
die der Leser von Beginn an diesem scheinheiligen Religionsfanatiker gegenüber
entwickelt, kann sich in diesem stellvertretenden Ausbruch dankbare
Erleichterung verschaffen.
Insgesamt
handelt es sich um ein nur vordergründig unscheinbares Buch aus der englischen
Provinz, enthält es doch präzise Lebensbeschreibungen und viel Facetten des
menschlichen Miteinanders, die nicht klarer hätten gezeigt werden können.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 11.04.2022
- Seitenanzahl: 224
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-27228-6
Link zum Buch:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/maedchen-auf-den-felsen/978-3-446-27228-6/
