Dagmar Mueller, Der kleine Raubdrache (Bd.1) - Das vorschriftsmäßige Rauben von Prinzessinnen, Coppenrath Verlag
Von Dr. Verena Krenberger
Trotz schöner
Illustrationen und bunten Schriftelementen zwischendurch muss eine Geschichte
von fast 180 Seiten erst einmal bewältigt werden. Und schon da fragt man sich:
für welche Leserschaft soll das Buch denn geschrieben sein? Die
Altersempfehlung des Verlages lautet „ab 5 Jahre“. Das halte ich gelinde gesagt
für verfehlt. Die Geschichte vom kleinen Raubdrachen ist nämlich neben dem
schieren Umfang auch noch zu anspruchsvoll, als dass Vorschüler mit ihr
thematisch und stilistisch zurechtkommen würden. Das heißt nicht, dass es eine
schlechte Geschichte wäre, keineswegs. Aber es ist ein Buch für leseerfahrene
Grundschülerinnen und Grundschüler, die ihren bisherigen Lesehorizont mit viel
Ironie – sofern sie denn dazu fähig sind – gegen die Geschichte abgrenzen und
so den im Buch enthaltenen Witz entdecken können.
Denn der kleine
Raubdrache ist etwas Besonderes: er hat keine Lust, Prinzessinnen zu rauben und
sich dann später vom rettenden Prinzen vermöbeln zu lassen. Dennoch muss er
sich an die uralten überlieferten Regeln halten, nach welchen Drachen so etwas
nun einmal zu tun haben. So fügt er sich zunächst maulend in sein Schicksal und
der Drachenlehrer gibt ausgerechnet ihm die Aufgabe, die nächste Prinzessin zu
rauben. Die allerdings ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was man sich im
Drachenland unter einer Prinzessin so vorstellt. Denn Caramella benimmt sich
nicht wie eine Prinzessin, kleidet sich nicht so, hat vor nichts Angst und
sieht das Ganze als großes Ferienabenteuer. Die parallel zu ihr in einer
weiteren Höhle gefangene, ihres Prinzen harrende Prinzessin Poppy lässt sich
rasch von Caramellas Unkonventionalität anstecken. Das allein bringt das
Gedankengefüge des alten Drachenlehrers durcheinander und auch der für Poppy ausersehene
Prinz Harik lässt auf sich warten. Für Caramella kommt erst gar kein Prinz.
Also müssen die Drachen überlegen, wie sie die Prinzessinnen ohne
Gesichtsverlust wieder loswerden. Die Spielregeln sind also nicht nur auf den
Kopf gestellt, es scheint eine Zeitenwende eingetreten zu sein, an die sich
alle erst einmal gewöhnen müssen. Der kleine Raubdrache hat damit weniger
Schwierigkeiten, da er sowieso schon Zweifel am System hatte.
Im weiteren
Verlauf der Geschichte zeigen sich viele schöne Elemente: wie der kleine
Raubdrache in die Verbesserung der Müllfressanlage eingespannt wird und auch da
überkommene Vorstellungen überwindet; wie er Prinz Harik Mut macht und dieser
über sich hinauswächst; wie Caramellas Eltern vollstes Vertrauen in die
Fähigkeiten ihrer Tochter haben und ihr zum Leidwesen des Drachenlehrers schöne
Ferien bei den Drachen wünschen. All das sind Themen, über die man nachdenken
und lachen kann. Aber man muss sie kognitiv erfassen. Man muss sowohl den
klassischen Prinzessinnen-Plot kennen als auch die hier gebotenen Abweichungen
erkennen, um in der Divergenz das Vergnügen zu finden. Das aber schaffen
Vorschulkinder nicht. Zudem ist das Buch eher auf Selbstlesen ausgelegt und als
Vorlesebuch fast zu schade.
Mich persönlich
hat noch zu Beginn etwas gestört, das das Lektorat vielleicht hätte bemerken
müssen: ich habe wenig Lust, in einem nicht ausdrücklich regional gefärbten
Kinderbuch Wörter nachschlagen zu müssen. Die Gebräuchlichkeit des Adjektivs
„muksch“, das gleich mehrfach verwendet wird, ist nicht so allgemein, als dass
man ernsthaft davon ausgehen könnte, dass kleine Leser das Wort kennen, wenn
sie nicht gerade am Deich aufgewachsen sind.
Das Ende bietet
einen kleinen Cliffhanger, sodass man auf die Fortsetzung der Geschichte in
Band 2 gespannt sein darf. Wenn der kleine Raubdrache schon kein solcher mehr
sein will, wird es interessant zu erfahren sein, wie er denn fortan sein Leben
mit Inhalten füllen möchte.
Das Fazit ist
klar: es ist ein sehr schönes Kinderbuch mit vielen lehrreichen Elementen,
geeignet für Kinder ab 8 Jahren mit Leseerfahrung und Verständnis für Witz und
Ironie. Jüngere Kinder dürften von den vielen Anspielungen und
Transferleistungen überfordert sein.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 02.06.2022
- Seitenanzahl: 176
- Altersempfehlung: Ab 5 Jahre
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-649-63612-0
Link zum Buch:
