Samstag, 18. Juni 2022

Martin Walker, Tête-à-Tête

Martin Walker, Tête-à-Tête. Der vierzehnte Fall für Bruno, Chef de police, Diogenes Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

Der vierzehnte Fall für Bruno, den sympathischen Chef de police im Perigord kommt gemächlich und wohlbekannt daher. Vertraute Leser treffen altbekannte Protagonisten wieder und können sich daran erfreuen, dass in der französischen Provinz alles beim Alten geblieben ist. Es ist ein besonderes Zeichen seiner Kunst, dass es Martin Walker auch diesmal wieder gelingt, die typische Stimmung seiner Geschichte aufkommen zu lassen, obwohl jedes Mal ein anderer Fall behandelt wird. Die bekannten Charaktere bleiben in ihrem Muster und wirken dadurch wie Freunde, die man ab und zu im Urlaub besucht. Die Beschreibung des Tagesablaufs, der Landschaft, der freundschaftlichen Zusammenkünfte und beruflichen Abläufe gleichen sich und sind doch jedes Mal ein wenig abgewandelt, so dass der Leser die fortschreitende Zeit wie Realität vorkommt.

Bruno ist weiterhin der Junggeselle, der mit Pferd und Hund und vielen Freunden pflichtbewusst seiner Arbeit als Dorfpolizist nachkommt. Ausgewogene und gesunde französische Küche wird wieder vorgestellt, ebenso werden kleine Exkurse in die französische Geschichte oder Weinkunde gegeben. Dies alles bildet den sicheren Boden dieser erfolgreichen Reihe, auf dem jeder neue Fall basiert.

In diesem aktuellen Fall startet Bruno zunächst weit in der Vergangenheit, als er eine Ausstellung im Prähistorischen Museum besucht. Dort wird der mit modernsten wissenschaftlichen Methoden hergestellte Schädel eines Frühmenschen ausgestellt, der Bruno auf die Idee bringt, diese Methode bei der Rekonstruktion eines Todesopfers aus einem lange zurückliegenden Fall anzuwenden. Auch diesmal steckt hinter dem zunächst eher banalen Mordfall in der Provinz ein übergeordneter nationaler Sonderfall, der bis zu den Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland reicht. Bruno agiert wieder diplomatisch zwischen seinen teils übereifrigen Kollegen, den verschiedensten Interessen und einbezogenen militärischen Diensten.

Es schimmert diesmal allerdings etwas Traurigkeit und Nachdenklichkeit in Brunos Gedankenwelt durch, die ein neues Stilmittel ist: Bruno haderte schon in früheren Fällen mit seinem Junggesellendasein, doch diesmal befällt ihn auch beruflich an mancher Stelle eine gewisse Schwere, da die Ermittlungen in lange ruhenden Fällen alte Wunden wieder aufreißen und mehreren Familien ein schweres Schicksal auferlegt.

An zwei Stellen unterlaufen dem Autor kleinere verzeihliche Fehler, wenn z.B. der Monat April als der des Sternzeichens Fische bezeichnet wird (S.104, eigentlich Widder) oder wenn eine Abkürzung verwendet wird, die vorher nicht erklärt wird (AIS, S.291). Etwas befremdlich ist die Beschreibung einer versuchten Vergewaltigung, die Bruno unterbrechen kann. Die junge Frau springt trotz einiger leichter Verletzungen durch diese traumatische Erfahrung kurze Zeit später fröhlich in Brunos Auto, zieht sich um und nimmt an einem Abendessen mit seinen Bekannten teil, besucht eine Ausstellung und hat offensichtlich binnen Minuten keinerlei Beeinträchtigungen mehr. Auch wenn es jeder Frau zu wünschen ist, dass sie sich nicht als Opfer fühlt, sondern eine solche Tat psychisch unbeschadet übersteht, wirkt es doch ein wenig zu sehr auf die leichte Schulter genommen. Eigentlich hätte es diese Szene auch nicht gebraucht: Bruno ist schon ein unbestrittener Held, eine weitere Heldentat wäre nicht nötig gewesen und eine solch drastische Szene quasi verpuffen zu lassen, dadurch, dass zwei Seiten später alles wieder gut ist, ist doch ein recht aufwühlendes Stilmittel ohne großen Beitrag zum Handlungsstrang. Das hehre Ziel, Chauvinismus und Machotum im französischen Polizeiapparat anzuprangern, wäre auch anders möglich gewesen.

Ansonsten ist auf den Autor und seinen Helden Verlass – auch diesmal handelt es sich wieder um eine warme, einlullende, sympathische Geschichte, die einige wohl recherchierte historische Einschübe bietet und den Leser im beruhigenden Gefühl belässt, dass im Perigord die Welt weiterhin in Ordnung ist.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 27.04.2022
  • Seitenanzahl: 400
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-07199-3

Link zum Buch:

https://www.diogenes.ch/microsites/martin-walker.html