Martin Walker, Tête-à-Tête. Der vierzehnte Fall für Bruno, Chef de police, Diogenes Verlag
Von Dr. Verena Krenberger
Der vierzehnte
Fall für Bruno, den sympathischen Chef de police im Perigord kommt gemächlich
und wohlbekannt daher. Vertraute Leser treffen altbekannte Protagonisten wieder
und können sich daran erfreuen, dass in der französischen Provinz alles beim
Alten geblieben ist. Es ist ein besonderes Zeichen seiner Kunst, dass es Martin
Walker auch diesmal wieder gelingt, die typische Stimmung seiner Geschichte
aufkommen zu lassen, obwohl jedes Mal ein anderer Fall behandelt wird. Die
bekannten Charaktere bleiben in ihrem Muster und wirken dadurch wie Freunde,
die man ab und zu im Urlaub besucht. Die Beschreibung des Tagesablaufs, der
Landschaft, der freundschaftlichen Zusammenkünfte und beruflichen Abläufe
gleichen sich und sind doch jedes Mal ein wenig abgewandelt, so dass der Leser die
fortschreitende Zeit wie Realität vorkommt.
Bruno ist
weiterhin der Junggeselle, der mit Pferd und Hund und vielen Freunden
pflichtbewusst seiner Arbeit als Dorfpolizist nachkommt. Ausgewogene und
gesunde französische Küche wird wieder vorgestellt, ebenso werden kleine
Exkurse in die französische Geschichte oder Weinkunde gegeben. Dies alles
bildet den sicheren Boden dieser erfolgreichen Reihe, auf dem jeder neue Fall
basiert.
In diesem
aktuellen Fall startet Bruno zunächst weit in der Vergangenheit, als er eine
Ausstellung im Prähistorischen Museum besucht. Dort wird der mit modernsten
wissenschaftlichen Methoden hergestellte Schädel eines Frühmenschen
ausgestellt, der Bruno auf die Idee bringt, diese Methode bei der
Rekonstruktion eines Todesopfers aus einem lange zurückliegenden Fall
anzuwenden. Auch diesmal steckt hinter dem zunächst eher banalen Mordfall in
der Provinz ein übergeordneter nationaler Sonderfall, der bis zu den
Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland reicht. Bruno agiert wieder diplomatisch
zwischen seinen teils übereifrigen Kollegen, den verschiedensten Interessen und
einbezogenen militärischen Diensten.
Es schimmert
diesmal allerdings etwas Traurigkeit und Nachdenklichkeit in Brunos
Gedankenwelt durch, die ein neues Stilmittel ist: Bruno haderte schon in
früheren Fällen mit seinem Junggesellendasein, doch diesmal befällt ihn auch
beruflich an mancher Stelle eine gewisse Schwere, da die Ermittlungen in lange
ruhenden Fällen alte Wunden wieder aufreißen und mehreren Familien ein schweres
Schicksal auferlegt.
An zwei Stellen
unterlaufen dem Autor kleinere verzeihliche Fehler, wenn z.B. der Monat April
als der des Sternzeichens Fische bezeichnet wird (S.104, eigentlich Widder)
oder wenn eine Abkürzung verwendet wird, die vorher nicht erklärt wird (AIS,
S.291). Etwas befremdlich ist die Beschreibung einer versuchten Vergewaltigung,
die Bruno unterbrechen kann. Die junge Frau springt trotz einiger leichter
Verletzungen durch diese traumatische Erfahrung kurze Zeit später fröhlich in Brunos
Auto, zieht sich um und nimmt an einem Abendessen mit seinen Bekannten teil,
besucht eine Ausstellung und hat offensichtlich binnen Minuten keinerlei
Beeinträchtigungen mehr. Auch wenn es jeder Frau zu wünschen ist, dass sie sich
nicht als Opfer fühlt, sondern eine solche Tat psychisch unbeschadet übersteht,
wirkt es doch ein wenig zu sehr auf die leichte Schulter genommen. Eigentlich
hätte es diese Szene auch nicht gebraucht: Bruno ist schon ein unbestrittener
Held, eine weitere Heldentat wäre nicht nötig gewesen und eine solch drastische
Szene quasi verpuffen zu lassen, dadurch, dass zwei Seiten später alles wieder
gut ist, ist doch ein recht aufwühlendes Stilmittel ohne großen Beitrag zum
Handlungsstrang. Das hehre Ziel, Chauvinismus und Machotum im französischen
Polizeiapparat anzuprangern, wäre auch anders möglich gewesen.
Ansonsten ist
auf den Autor und seinen Helden Verlass – auch diesmal handelt es sich wieder
um eine warme, einlullende, sympathische Geschichte, die einige wohl
recherchierte historische Einschübe bietet und den Leser im beruhigenden Gefühl
belässt, dass im Perigord die Welt weiterhin in Ordnung ist.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 27.04.2022
- Seitenanzahl: 400
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-07199-3
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