Mittwoch, 31. Mai 2023

Annelies Beck (Autorin) / Hanneke Siemensma (Illustratorin), Gedanken denken

Annelies Beck / Hanneke Siemensma, Gedanken denken, Bohem Verlag

Das aus dem Niederländischen übersetzte neue Kinderbuch „Gedanken denken“ erfüllt inhaltlich wie optisch die Erwartungen, die man an ein Werk aus dem Bohem-Verlag hat (sofern man bereits Titel des Verlages kennt und gelesen hat): Eine reduzierte, aber künstlerisch wertvolle Illustration, dazu ein ebenfalls reduzierter Text mit wichtigem Meta-Thema. Dies birgt natürlich immer die Gefahr, dass man aus der Erwachsenenperspektive ein bezauberndes Buch geschaffen hat, das aber aufgrund eines zu hohen Abstraktionsgrads die Zielgruppe nicht vollends erreicht. So dürfte der Fall auch hier liegen.

Ausgangspunkt ist die typisch kindliche Frage „Was sind Gedanken?“. Fragestellerin ist die junge Nora, die die Leser und Betrachter fortan mit weiteren Folgefragen begleitet und die Antworten einzuordnen versucht. Nur: wer ist der Antwortgeber? Ist es eine erwachsene Person? Oder gar, fast schon metaphysisch, die Katze, die sie von Beginn an bis zum Schluss begleitet? Das Schlussbild könnte fast darauf hindeuten, was dem Ganzen ein wenig einen märchenhaften Anstrich gäbe – ohne dass das dem Buch schaden würde. Oder führt Nora gar einen inneren Dialog mit ihren Gedanken? Spannend zu diskutieren.

Ausgehend von der Ausgangsfrage wird fortan (leider) rein deskriptiv das Denken umrissen und mit Beispielen untermalt, in Worten und Bildern. Gedanken sind aktiv, beeinflussen die Sinne und werden von ihnen beeinflusst, haben mal mehr, mal weniger Bedeutung. Sehr interessant, aber leider ohne tiefergehende Erklärung, kulminieren die ersten Überlegungen in der Erkenntnis, dass Wissen und Denken „Verwandte, aber keine Freunde“ sind. Das ist ein erster Wow-Effekt, jedenfalls aus Erwachsenensicht. Spätestens an dieser Stelle hätte man, wenn man Kinder mit abstrakten Denkprozessen konfrontiert, einsteigen können, um Wissen, Fühlen, Glauben und Denken zu eruieren, notfalls bildlich. Diese Chance wurde aber vertan. Stattdessen erfolgt ein Themenwechsel zur Frage der zeitlichen Erscheinung und Dauer von Gedanken, zu ihrer Unberechenbarkeit und ihrer Bestimmbarkeit. Auch hier hätte die Determination als grandioses philosophisches und neurowissenschaftliches Thema angeschnitten werden können – verschenkt. Nächstes Thema: das Verschwinden von Gedanken. Das Vergessen. Toll illustriert, genauso wie vorher die Flüchtigkeit eines Gedankens. Aber auch hier wieder folgt der abrupte Themenwechsel. Insgesamt verbleibt es durchgehend bei Beispielen, bei Beschreibungen, ohne die Tür zur Metaebene zu öffnen.

Das Buch ist verlagsseits für Kinder ab 4 Jahren empfohlen. Das ist für dieses Thema ambitioniert, aber denkbar, wenn Kinder frühzeitig mit Sprache, Büchern und Grübeleien in Kontakt kommen. Möchte man diesen Kindern eine Brücke zu den philosophischen Fragestellungen bauen, die im Buch angesprochen werden, hätte es an vielen Stellen ein wenig mehr sein dürfen. So bleibt es ein schönes, aber eben phasenweise zu abstraktes Buch, weil nur beschrieben, aber nicht erklärt wird. Für Erwachsene ist es definitiv ein kontemplatives, bereicherndes Buch, da es bei diesen genügt, ein Thema nur anzureißen, um es auf der Metaebene mit Leben zu füllen. Bei den Kindern als Adressaten bin ich mir hingegen einfach nicht sicher, ob die Botschaft des Buches realisiert werden kann. Sie ist hochkomplex, was sich auch auf der letzten Seite gekonnt niederschlägt. Aber gerade das ist eine Gratwanderung, die womöglich teilweise ein Zusteuern von Informationen und Erklärungen durch die Vorlesenden gebietet.

Und dennoch: ich bin vom Thema und gerade von der Bebilderung sehr angetan. Lieber ein ambitioniertes als ein plattes Buch. Aus meiner Sicht sehr empfehlenswert, ich hoffe viele Kinder werden von diesem Werk zum Denken, Grübeln und Hinterfragen angeregt.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 16.06.2023
  • Seitenanzahl: 40
  • Altersempfehlung: Ab 4 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-95939-223-5

Link zum Buch:

https://www.bohem.ch/katalog/gedanken-denken/