Annika Büsing, Koller, Steidl Verlag
Nach dem beeindruckenden Debüt von Annika
Büsing (Rezension hier)
kam in recht kurzem Zeitabstand das nächste Werk auf den Buchmarkt, wiederum
erschienen im Steidl-Verlag. Weniger als 180 Seiten nimmt der Roman für sich
ein, was ein gutes Zeichen ist. Büsing neigte schon in „Nordstadt“ nicht zum
Schwafeln, sondern setzte Akzente durch brillante Dialoge und nachhallende
Sprachbilder. Dies erwartet die Leser – so viel darf verraten werden – auch diesmal.
Die Geschichte entwickelt sich zwischen
Kolja, genannt Koller, und Chris, die sich zufällig in einem Park begegnen,
aber voneinander angetan, begeistert sind und trotz heftiger Widrigkeiten und
Reibungsverluste, die die Beziehungsanbahnung unter Erwachsenen eben so mit
sich bringen, einen gemeinsamen Weg beschreiten und am Ende eine gute Chance
erkennen, ihr Leben miteinander zu verbringen. Man erfährt während der sieben
Tage andauernden Handlung – die Allegorien auf die Weltschöpfung kommen nicht
nur durch die Kapitelgebung zum Vorschein – nicht nur einiges über die beiden
Protagonisten, sondern auch über ihre Familien und deren Geschichte. Dies
geschieht in Rückblenden, Nebensträngen, Dialogen etc., sodass die eigentliche Erzählung
nie an Fahrt verliert, sondern an Kraft gewinnt. Büsing stellt, wie auch bisher,
den Menschen in den Mittelpunkt, mit all seinen Schwächen, Fehlern und
Leidenschaften. Mit dem Drang, unvernünftige Entscheidungen zu treffen, mit der
Neigung feige und schwach zu sein. Und mit dem Glück, auf andere Menschen zu
treffen und an diesen festzuhalten, die das Gute im anderen erkennen, schätzen
und bestärken. Dass es in der kurzen Erzählspanne dabei manchmal etwas holprig
und zu schnell geht und man sich bisweilen denkt „Da hätte ich gerne aber noch mehr
dazu gelesen“, schadet nicht, sondern zeigt Büsings Talent zur Verknappung. Man
muss nicht über etwas lesen, was man schon kennt. Das wäre langweilig. So kommen
dann auch echte Typen und aberwitzige Situationen zum Vorschein, die mit ein
bisschen logischem Nachbohren so vielleicht nicht ganz realistisch wären, aber
der Geschichte jedenfalls nicht schaden.
Ein herausragender Zug auch dieses neuen
Romans ist Büsings Gespür für starke Sprachbilder und Formulierungen zum
Nachschmecken im Kopf. Dies ist natürlich als Eindruck stark subjektiv geprägt,
aber man kann klar konstatieren, dass man sich nie langweilt. Schon zu Beginn,
wenn Koller beschrieben wird wie folgt: „Mir war klar, dass man nicht
herumstehen kann wie etwas, das fährt, und man kann es doch.“ Wie schön wird
hier die Dynamik und Wucht von Koller eingefangen, mit der er auf andere wirkt?
Und die Erkenntnis, dass diese Unbändigkeit von einem Mann sich ganz liebevoll
um seine mit einer Behinderung eingeschränkte Schwester kümmern kann und auch
ihr zuliebe an der Therapiereitstunde teilnimmt, wird wunderbar mit der Aufklärung
über seinen wahren Namen verknüpft: „Koller war nicht der Name eines Katastrophengebiets.
Es war ein liebevoller Irrtum.“ Und wenn Büsing das Wesen der Träume, ihre
fatale Substanzlosigkeit, in Worte fasst, dann muss man diesen Absatz mehrfach
lesen, so schön ist er gelungen (S. 63). Gleiches gilt für die Umschreibung der
Zurückhaltung als furchtbarem Irrtum in der Kindererziehung (S. 103).
Ich habe diesen Roman genossen, wie auch
den letzten. Sprachlich und inhaltlich. Angesichts der inzwischen allseits
spürbaren Sprachsensibilität hatte ich mich zuerst gewundert, warum sich eine
Autorin an eine Geschichte über das Finden der Liebe zwischen zwei Männern
wagt. Nicht dass man ihr dann noch irgendeine Form von Aneignung vorwerfen
würde. Aber es spielt für den Roman keine Rolle, ob die Liebenden Männer oder
Frauen sind. Das wird rasch klar und Büsing unterstreicht es an mancher Stelle
auch noch, gerade wenn es am Ende (S. 171) in der Fischteichszene heißt „Lasset
uns Menschen machen.“ Genau so ist es.
Verlagsangaben zum Buch:
- Erscheinungstag: 27.03.2023
- Seitenanzahl: 176
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-96999-196-1
Link zum Buch:
https://steidl.de/Buecher/Koller-1831394159.html?SID=nkUaFBg7f029
