Montag, 29. Mai 2023

Annika Büsing, Koller

Annika Büsing, Koller, Steidl Verlag

Nach dem beeindruckenden Debüt von Annika Büsing (Rezension hier) kam in recht kurzem Zeitabstand das nächste Werk auf den Buchmarkt, wiederum erschienen im Steidl-Verlag. Weniger als 180 Seiten nimmt der Roman für sich ein, was ein gutes Zeichen ist. Büsing neigte schon in „Nordstadt“ nicht zum Schwafeln, sondern setzte Akzente durch brillante Dialoge und nachhallende Sprachbilder. Dies erwartet die Leser – so viel darf verraten werden – auch diesmal.

Die Geschichte entwickelt sich zwischen Kolja, genannt Koller, und Chris, die sich zufällig in einem Park begegnen, aber voneinander angetan, begeistert sind und trotz heftiger Widrigkeiten und Reibungsverluste, die die Beziehungsanbahnung unter Erwachsenen eben so mit sich bringen, einen gemeinsamen Weg beschreiten und am Ende eine gute Chance erkennen, ihr Leben miteinander zu verbringen. Man erfährt während der sieben Tage andauernden Handlung – die Allegorien auf die Weltschöpfung kommen nicht nur durch die Kapitelgebung zum Vorschein – nicht nur einiges über die beiden Protagonisten, sondern auch über ihre Familien und deren Geschichte. Dies geschieht in Rückblenden, Nebensträngen, Dialogen etc., sodass die eigentliche Erzählung nie an Fahrt verliert, sondern an Kraft gewinnt. Büsing stellt, wie auch bisher, den Menschen in den Mittelpunkt, mit all seinen Schwächen, Fehlern und Leidenschaften. Mit dem Drang, unvernünftige Entscheidungen zu treffen, mit der Neigung feige und schwach zu sein. Und mit dem Glück, auf andere Menschen zu treffen und an diesen festzuhalten, die das Gute im anderen erkennen, schätzen und bestärken. Dass es in der kurzen Erzählspanne dabei manchmal etwas holprig und zu schnell geht und man sich bisweilen denkt „Da hätte ich gerne aber noch mehr dazu gelesen“, schadet nicht, sondern zeigt Büsings Talent zur Verknappung. Man muss nicht über etwas lesen, was man schon kennt. Das wäre langweilig. So kommen dann auch echte Typen und aberwitzige Situationen zum Vorschein, die mit ein bisschen logischem Nachbohren so vielleicht nicht ganz realistisch wären, aber der Geschichte jedenfalls nicht schaden.

Ein herausragender Zug auch dieses neuen Romans ist Büsings Gespür für starke Sprachbilder und Formulierungen zum Nachschmecken im Kopf. Dies ist natürlich als Eindruck stark subjektiv geprägt, aber man kann klar konstatieren, dass man sich nie langweilt. Schon zu Beginn, wenn Koller beschrieben wird wie folgt: „Mir war klar, dass man nicht herumstehen kann wie etwas, das fährt, und man kann es doch.“ Wie schön wird hier die Dynamik und Wucht von Koller eingefangen, mit der er auf andere wirkt? Und die Erkenntnis, dass diese Unbändigkeit von einem Mann sich ganz liebevoll um seine mit einer Behinderung eingeschränkte Schwester kümmern kann und auch ihr zuliebe an der Therapiereitstunde teilnimmt, wird wunderbar mit der Aufklärung über seinen wahren Namen verknüpft: „Koller war nicht der Name eines Katastrophengebiets. Es war ein liebevoller Irrtum.“ Und wenn Büsing das Wesen der Träume, ihre fatale Substanzlosigkeit, in Worte fasst, dann muss man diesen Absatz mehrfach lesen, so schön ist er gelungen (S. 63). Gleiches gilt für die Umschreibung der Zurückhaltung als furchtbarem Irrtum in der Kindererziehung (S. 103).

Ich habe diesen Roman genossen, wie auch den letzten. Sprachlich und inhaltlich. Angesichts der inzwischen allseits spürbaren Sprachsensibilität hatte ich mich zuerst gewundert, warum sich eine Autorin an eine Geschichte über das Finden der Liebe zwischen zwei Männern wagt. Nicht dass man ihr dann noch irgendeine Form von Aneignung vorwerfen würde. Aber es spielt für den Roman keine Rolle, ob die Liebenden Männer oder Frauen sind. Das wird rasch klar und Büsing unterstreicht es an mancher Stelle auch noch, gerade wenn es am Ende (S. 171) in der Fischteichszene heißt „Lasset uns Menschen machen.“ Genau so ist es.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 27.03.2023
  • Seitenanzahl: 176
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-96999-196-1

Link zum Buch:

https://steidl.de/Buecher/Koller-1831394159.html?SID=nkUaFBg7f029