Montag, 28. Februar 2022

Annika Büsing, Nordstadt

Annika Büsing, Nordstadt, Steidl Verlag

 

Es ist deutlich schwerer, ein gutes kurzes Buch zu schreiben als ein langes. Annika Büsing ist es gelungen. Ein Roman von gerade einmal 120 Seiten, der verbal und inhaltlich ein echtes Kraftpaket ist. Der die Leser mitnimmt, phasenweise auch leiden lässt, an den Protagonisten, mit den Protagonisten, aber vor allem an den Umständen, gegen man sich noch so sehr anzustemmen versucht, sie aber doch nicht abändern kann, sondern sie als lebenslange Begleiter und Prägungen mitschleppen muss.

Nene hat eine harte Kindheit hinter sich, kommt aus dem und lebt im Norden einer unbenannten Stadt, aber dass es eher der heruntergekommene Teil der Stadt ist, merkt man auch ohne Namedropping. Nachdem die Autorin aus dem Ruhrgebiet stammt und man dort zahlreiche Städte auf Anhieb benennen kann, die nicht gerade für ihr pittoreskes und touristisch wertvolles Äußeres bekannt sind und die noch dazu mit problembeladenen Stadtteilen ausgestattet sind, hat der Roman auch eine harte Erdung zu bieten. Trotz eines trinkenden und prügelnden Vaters, von dem sie sich in ihren Teenagerjahren endlich aus eigener Anstrengung heraus zumindest physisch distanzieren kann, trotz einer Vergewaltigung auf einem Spielplatz, trotz eines Lebens in Armut kann sie eine Ausbildung als Bademeisterin antreten, erfolgreich abschließen und fortan in diesem von ihr geliebten Beruf arbeiten. Dort begegnet sie interessanten Menschen, mal einmalig, mal immer wieder, darunter auch Boris, der durch eine Kinderlähmung körperlich beeinträchtigt ist. Trotz der äußeren und inneren Hindernisse, die beide mit sich herumschleppen, nähern sie sich an und finden sich, natürlich nicht ohne wechselseitige Verletzungen. Aber was ist zu erwarten, wenn man wie die beiden ein Leben führt, das von mehr Rückschlägen als Jubeltagen geprägt war? Umso mehr gönnt man den beiden einen gemeinsamen Weg gegen alle Widrigkeiten, eigene und fremde.

Dass über die Autorin die Information mitgeteilt wird, sie arbeite als Gymnasiallehrerin habe ich zuerst ein bisschen störend empfunden. Denn auch wenn sie selbst Kind des Ruhrgebiets sein mag und harte Sprache und kantige Lebensläufe erlebt haben dürfte, ist es doch ein Unterschied, ob man ein Topos quasi von innen heraus erarbeitet oder nur darüber schreibt, selbst wenn es mit authentisch wirkender Sprache ist. Und ob man Schicksale wie die von Nene und Boris glaubhaft ausbreiten kann, wenn man im Alltag, nach Abitur und Studium, mit Kindern zu tun hat, die die Beeinträchtigungen der beiden nicht zwingend als tägliche Begleiter erleiden müssen, darüber kann man zumindest kritisch nachdenken. Dennoch schafft Büsing diesen Spagat in beeindruckender Weise und kann insbesondere mit markigen Statements, die Nene in ihren Gedankentiraden setzt, so starke Pluspunkte sammeln, dass mögliche Zweifel über die Vereinbarkeit von Autorenerleben und gewählter Sprachebene hintenanstehen müssen. Beispiele dafür: Wenn Nele in einer wahren Kaskade herunterbricht, warum keine Erklärung der Welt rechtfertigen oder relativieren kann und darf, dass ihr Vater sie geschlagen und erniedrigt hat, da sich hier jede Kausalität verbietet, ja verbieten muss, ist das großartig (S. 69; Seitenangaben der Paperback-Ausgabe). Oder wenn sie erkennt, wie so oft, wie einsam sie ist und was das mit ihr macht (S. 100), was Einsamkeit für eine zerstörerische Kraft entfesseln kann, von der aber die Außenwelt viel zu spät Notiz nimmt. Gleiches gilt für die Klüfte schaffende Armut, die insbesondere Kinder oft nie wieder überwinden werden (S. 117). Das Buch macht erschreckend deutlich klar, dass man versuchen kann, zu verdrängen, zu überwinden, zu vergessen, dass aber die Psyche alles Erlebte immer wieder hochkommen lassen kann und so einen erbarmungslosen Zwang aufrecht erhält, an dem man auch leicht mit seinem Leben scheitern kann.

Zum Glück finden sich auch immer wieder Kontrapunkte, zynische, schnoddrige Sprüche der Beteiligten oder auch eingestreute Ironie, wie wenn auf S. 112 konstatiert wird, dass man über Glück und Familie heutzutage keine Romane mehr schreiben könne. So wahr und doch so falsch zur gleichen Zeit und damit ein gelungener Punch in die Aufmerksamkeit der Leser.

Vieles bleibt Fraktur und fügt sich doch zu einem stimmigen Gesamtbild. Wiederholungen passen zu den Charakteren, ohne Redundanz zu erzeugen. Man würde die beiden, Nene und Boris, gerne ein wenig weiter beobachten, um zu sehen, ob sie ihrer Dämonen und ihrer Wut Herr werden und sich gegenseitig das Gerüst zu geben vermögen, das sie bisher entbehren müssen. Aber das wäre zuviel Familienglück, da kann man nicht darüber schreiben. All das zeigt: die Lektüre lohnt sich, ein kantiges, wunderbares Debüt.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 07.02.2022
  • Seitenanzahl: 128
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-96999-064-3

Link zum Buch:

https://steidl.de/Buecher/Nordstadt-0711244146.html?SID=LENNmrSa87ae