Sonntag, 13. Februar 2022

Martin Suter, Einer von euch

Martin Suter, Einer von euch, Diogenes Verlag

Es ist nicht die erste und wird auch nicht der letzte Biographie über einen Sportler sein, aber ein solches Opus über einen Menschen, der mit Mitte 30 seine eigentliche Berufstätigkeit aufgegeben hat, die 40 Jahre noch nicht erreicht hat und über dessen Zukunft etwas Ungewisses liegt, hat immer etwas Befremdliches. Abgesehen von seinen sportlichen Leistungen und den dabei erlebten Dingen: was hat eine solche Person denn Nennenswertes preiszugeben, gerade wenn das Leben seit Kindheit an vom Leistungssport geprägt war? Um es kurz zu machen: wenig. Sinnhaftigkeiten über das Leben, kluge Ratschläge oder philosophische Tiefen sind bei einem Buch über einen Profifußballer nicht zu erwarten. Wenn man sich aber mit dieser Maßgabe auf die Lektüre einlässt, wird man, trotz einiger Kritikpunkte, dazu später, einige vergnügliche Stunden mit dem Sportler Bastian Schweinsteiger und seinem Weg vom Jugendkicker zum Fußballstar und dann wieder zurück in ein „normales“ Leben verbringen.

Verglichen mit Biographien von Menschen, die durch ihr Wirken nicht nur die Massen unterhalten haben, sondern echte Leistungen für die Gesellschaft erbracht haben, ist die Aneinanderreihung der sportlichen und privaten Ereignisse im Leben Schweinsteigers eine recht seichte Lektüre. Jedoch: Bastian Schweinsteiger hatte auch nie den Anspruch, die Welt außerhalb des Fußballfelds zu deuten, dies im Gegensatz zu einigen nimmermüden Plappermäulern, die der Fußball so hervorgebracht hat. Er wollte spielen, er hat gespielt, er hatte Freude daran. Aber das Ganze dann als „Roman“ zu verpacken, der eigentlich keinen echten Inhalt in Form einer Erzählung, eines Narrativs, einer Meta-Botschaft hat, das ist auch vom Format her dünn. Wie dem auch sei: das Buch wirft viele interessante Schlaglichter auf das Leben und die Entwicklung von Bastian Schweinsteiger, erfasst Familienleben, Freundschaften, Liebschaften, Widrigkeiten und die verschiedenen sportlichen Stationen, die man selbst als nur mäßig interessierter Sportfan doch irgendwie über die Presse mitbekommen hat. Nun ein wenig genauer nachzulesen, welche Details sich rund um sportliche Großereignisse und private Enttäuschungen ranken und begeben haben, hat dank der angenehmen und unaufgeregten sprachlichen Aufmachung der Biographie nichts Voyeuristisches. Der Titel des Buches bewahrheitet sich zudem im Laufe der Lektüre, wenn die erfassten Lebensjahre vorbeiziehen: man wird mit einem grundsoliden, bescheidenen und auf seine Art sehr sympathischen jungen Mann bekannt gemacht, der in bemerkenswerter Ruhe die Widrigkeiten des Profigeschäfts angenommen, durchlebt und überstanden hat. Der seine nur mäßige schulische Begabung nicht in Frage stellt, sondern ebenso als gegeben annimmt wie viele andere Ereignisse und Entwicklungen. Der sich nicht zu schade ist, sich mit kleinen Tricksereien aus manchem Übel herauszuhelfen. Der ein Suchender ist, wie so viele. Der zwar das Glück hatte, mit seiner Begabung wirtschaftlich ausgesorgt zu haben, aber dennoch das physische und psychische Leiden an seinem Beruf voll abbekommen hat. Man merkt während der Lektüre immer wieder, welchen Respekt man dem Sportsmann entgegenbringt, der trotz unfairer Behandlung eine solche nie seinen Gegnern angedeihen lässt. Der sich für Jüngere einsetzt und ihnen den Weg in das harte Profigeschäft leichter machen möchte. Der für die Fans da sein möchte und das auch zurückbekommt. All das verschafft beim Lesen ebenso Gänsehautmomente wie die zaghafte und dann stürmische Eroberung seiner endlich wahren Liebe. Das Buch lässt bewusst offen, wieviel fiktive und wieviel reale Darstellung vorhanden ist. Dennoch kann man anhand der Eckpfeiler der Karriere, die sich ja nicht umschreiben lassen, ein harmonisches Gesamtbild bekommen. Selbst Oliver Kahn bekommt einen unerwartet sympathischen Anstrich, den man ihm nicht zugetraut hätte.

Was ein wenig bedauerlich ist, sind offene Fragen und handwerkliche Fehler. Es wird bis zum Ende nicht klar, wieso es familienintern zwischen ihm und den Eltern nicht mehr harmoniert. Wieso er den Kontakt meidet, die Worte nicht findet. Auch wie die Einstellung, nur im „Jetzt“ zu leben mit einer Familienplanung und dem restlichen „Berufs-“Leben harmonieren soll, bleibt offen. Zu den echten Fehlern: im Jahr 2005 gab es nie eine Europameisterschaft (S. 68). Der FC Bayern spielte 2002/3 in der Champions League gegen den RC Lens, nicht den FC Lens (S. 116). Ein Satz im Tennis geht normalerweise weiterhin bis 6 und nicht bis 4 (S. 338).

Was bleibt als Fazit? Das Buch lässt sich leicht lesen, manchmal wünscht man sich mehr Details, oft mehr Tiefgang, aber man fiebert mit, man freut sich, man leidet mit einem Protagonisten, der sich nie versteckt hat und Mensch geblieben ist. Man gönnt ihm dieses Buch als Abschluss einer beeindruckenden Karriere als Fußballer. Beides ist nicht jedem vergönnt. Aber als „Roman“ ist das Ganze definitiv zu hoch gehängt. Dann lieber ein ehrliches Sachbuch.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 26.01.2022
  • Seitenanzahl: 384
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-07168-9

Link zum Buch:

https://www.einervoneuch.online/