Martin Suter, Einer von euch, Diogenes Verlag
Es ist nicht die
erste und wird auch nicht der letzte Biographie über einen Sportler sein, aber
ein solches Opus über einen Menschen, der mit Mitte 30 seine eigentliche
Berufstätigkeit aufgegeben hat, die 40 Jahre noch nicht erreicht hat und über
dessen Zukunft etwas Ungewisses liegt, hat immer etwas Befremdliches. Abgesehen
von seinen sportlichen Leistungen und den dabei erlebten Dingen: was hat eine
solche Person denn Nennenswertes preiszugeben, gerade wenn das Leben seit
Kindheit an vom Leistungssport geprägt war? Um es kurz zu machen: wenig.
Sinnhaftigkeiten über das Leben, kluge Ratschläge oder philosophische Tiefen
sind bei einem Buch über einen Profifußballer nicht zu erwarten. Wenn man sich aber
mit dieser Maßgabe auf die Lektüre einlässt, wird man, trotz einiger
Kritikpunkte, dazu später, einige vergnügliche Stunden mit dem Sportler Bastian
Schweinsteiger und seinem Weg vom Jugendkicker zum Fußballstar und dann wieder
zurück in ein „normales“ Leben verbringen.
Verglichen mit
Biographien von Menschen, die durch ihr Wirken nicht nur die Massen unterhalten
haben, sondern echte Leistungen für die Gesellschaft erbracht haben, ist die
Aneinanderreihung der sportlichen und privaten Ereignisse im Leben
Schweinsteigers eine recht seichte Lektüre. Jedoch: Bastian Schweinsteiger
hatte auch nie den Anspruch, die Welt außerhalb des Fußballfelds zu deuten,
dies im Gegensatz zu einigen nimmermüden Plappermäulern, die der Fußball so
hervorgebracht hat. Er wollte spielen, er hat gespielt, er hatte Freude daran.
Aber das Ganze dann als „Roman“ zu verpacken, der eigentlich keinen echten
Inhalt in Form einer Erzählung, eines Narrativs, einer Meta-Botschaft hat, das
ist auch vom Format her dünn. Wie dem auch sei: das Buch wirft viele
interessante Schlaglichter auf das Leben und die Entwicklung von Bastian
Schweinsteiger, erfasst Familienleben, Freundschaften, Liebschaften,
Widrigkeiten und die verschiedenen sportlichen Stationen, die man selbst als
nur mäßig interessierter Sportfan doch irgendwie über die Presse mitbekommen
hat. Nun ein wenig genauer nachzulesen, welche Details sich rund um sportliche
Großereignisse und private Enttäuschungen ranken und begeben haben, hat dank
der angenehmen und unaufgeregten sprachlichen Aufmachung der Biographie nichts
Voyeuristisches. Der Titel des Buches bewahrheitet sich zudem im Laufe der
Lektüre, wenn die erfassten Lebensjahre vorbeiziehen: man wird mit einem
grundsoliden, bescheidenen und auf seine Art sehr sympathischen jungen Mann
bekannt gemacht, der in bemerkenswerter Ruhe die Widrigkeiten des
Profigeschäfts angenommen, durchlebt und überstanden hat. Der seine nur mäßige
schulische Begabung nicht in Frage stellt, sondern ebenso als gegeben annimmt
wie viele andere Ereignisse und Entwicklungen. Der sich nicht zu schade ist,
sich mit kleinen Tricksereien aus manchem Übel herauszuhelfen. Der ein
Suchender ist, wie so viele. Der zwar das Glück hatte, mit seiner Begabung
wirtschaftlich ausgesorgt zu haben, aber dennoch das physische und psychische
Leiden an seinem Beruf voll abbekommen hat. Man merkt während der Lektüre immer
wieder, welchen Respekt man dem Sportsmann entgegenbringt, der trotz unfairer
Behandlung eine solche nie seinen Gegnern angedeihen lässt. Der sich für Jüngere
einsetzt und ihnen den Weg in das harte Profigeschäft leichter machen möchte.
Der für die Fans da sein möchte und das auch zurückbekommt. All das verschafft
beim Lesen ebenso Gänsehautmomente wie die zaghafte und dann stürmische
Eroberung seiner endlich wahren Liebe. Das Buch lässt bewusst offen, wieviel
fiktive und wieviel reale Darstellung vorhanden ist. Dennoch kann man anhand
der Eckpfeiler der Karriere, die sich ja nicht umschreiben lassen, ein
harmonisches Gesamtbild bekommen. Selbst Oliver Kahn bekommt einen unerwartet
sympathischen Anstrich, den man ihm nicht zugetraut hätte.
Was ein wenig
bedauerlich ist, sind offene Fragen und handwerkliche Fehler. Es wird bis zum
Ende nicht klar, wieso es familienintern zwischen ihm und den Eltern nicht mehr
harmoniert. Wieso er den Kontakt meidet, die Worte nicht findet. Auch wie die
Einstellung, nur im „Jetzt“ zu leben mit einer Familienplanung und dem
restlichen „Berufs-“Leben harmonieren soll, bleibt offen. Zu den echten
Fehlern: im Jahr 2005 gab es nie eine Europameisterschaft (S. 68). Der FC
Bayern spielte 2002/3 in der Champions League gegen den RC Lens, nicht den FC
Lens (S. 116). Ein Satz im Tennis geht normalerweise weiterhin bis 6 und nicht
bis 4 (S. 338).
Was bleibt als
Fazit? Das Buch lässt sich leicht lesen, manchmal wünscht man sich mehr
Details, oft mehr Tiefgang, aber man fiebert mit, man freut sich, man leidet
mit einem Protagonisten, der sich nie versteckt hat und Mensch geblieben ist.
Man gönnt ihm dieses Buch als Abschluss einer beeindruckenden Karriere als
Fußballer. Beides ist nicht jedem vergönnt. Aber als „Roman“ ist das Ganze
definitiv zu hoch gehängt. Dann lieber ein ehrliches Sachbuch.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 26.01.2022
- Seitenanzahl: 384
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-07168-9
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