Mick Herron, Spook Street, Diogenes Verlag
Wenn man den
Showdown der Slow horses mit den Real tigers aus dem dritten Band noch ein
wenig in Erinnerung hat und eine ähnlich actiongeladene Fortsetzung erwartet,
so wird man eingangs etwas enttäuscht. Denn tatsächlich, so jedenfalls scheint
es mir, werden in diesem vierten Band einige Figuren tatsächlich
weiterentwickelt. Die im letzten Band genauer in den Fokus geratene Catherine
Standish ist auf einmal weg, sie hat gekündigt und wurde durch eine neue
Sekretärin ersetzt, die vergeblich versucht, die Unordnung im Slough house in
geordnete Bahnen zu bringen. Außerdem ist Lamb von der Bildfläche verschwunden
und River Cartwright macht sich Sorgen um seinen Großvater, eine Legende des
Geheimdienstes. Ein Neuling ist auch im Haus, wobei der im Buch bis auf einen
erstaunlichen Schlussakkord eher ein seltsames Anhängsel bleibt – man wird
sehen, ob er sich in Band 5 entfalten darf. Schließlich gibt es einen neuen
Geheimdienstleiter, der sich sofort mit einem Bombenattentat und den Zwängen
der internen Hierarchie konfrontiert sieht, und auch noch eine neue Chefin der
Dogs, die sich ihr Standing auch noch erarbeiten muss. Es gibt also viel zu
verarbeiten für die Leser und man muss bei der Lektüre schon aufmerksam
bleiben, um nicht manchenorts von den Namen und Orten verwirrt zu werden.
Immerhin sind die Hinweise und Reminiszenzen an die vorangegangenen Geschichten
so platziert, dass man den Band 4 auch als standalone lesen könnte und trotzdem
eine gewisse Ahnung der bisherigen Ereignisse bekommen kann.
Die Sorge um den
alten Cartwright ist dann auch der Aufhänger für die restliche Story, denn
Rivers Besuch bei seinem Großvater löst Kaskaden von Ereignissen aus. Der
Großvater soll offenbar liquidiert werden, er erschießt aber kurzerhand den
Angreifer, River macht diesen auch noch unkenntlich, sodass er selbst zunächst
für den Toten gehalten wird. River bringt seinen Großvater in Sicherheit und
spürt dann dem Attentäter und seinen Hintermännern nach. Diese Suche führt ihn
nach Frankreich und unerwartet in seine eigene Vergangenheit, was sich dann
erst am Ende auflöst. Dazu kommen so genannte Cold bodies, erfundene
Identitäten, die nach dem Ende des kalten Krieges nicht mehr benötigt, aber nie
vernichtet wurden. Die Attentäter machen sich diese nun zunutze und wollen
ihren tödlichen Auftrag vollenden. Es kommt sukzessive zu Erkenntnissen,
Verfolgungsjagden, Schießereien, Prügeleien und auch diesmal sind wieder einige
Leichen zu beklagen, selbst im Team des Slough house. Lamb schafft es aber,
sich nicht nur körperlich unversehrt zu halten, sondern hat nach der ganzen
Episode auch noch ein Druckmittel gegen seinen neuen Chef in der Hand.
Auch diesmal
gibt es wieder Passagen und Dialoge, in den Lambs Sarkasmus dermaßen zielsicher
zündet, dass man beim Lesen schallend herauslachen kann. Dadurch, dass aber
diesmal mehr in die Entwicklung der Geschichte und der Figuren investiert
wurde, ist die Anzahl dieser Dialoge geringer als in den vorangegangenen
Werken. Das ist nicht dramatisch, aber verändert den Charakter der Reihe ein
wenig: wenn die Gurkentruppe diesmal doch zu mehr gut ist als zu sarkastischem
Selbstmitleid, dann sind sie am Ende doch noch irgendwie richtige Agenten? Die
nächsten Bände geben womöglich Aufschluss hierüber.
Der Roman liest
sich wieder zügig und ist unterhaltsam, manchmal etwas verworren, was aber
angesichts der Vielzahl der Figuren noch vertretbar ist. Dadurch dass der
Gegenspieler am Ende zwar sichergestellt, aber nicht beseitigt ist und zudem
die Familiengeschichte von River weiterhin als loses Ende im Raum steht, darf
man gespannt sein, was Band 5 an neuen Entwicklungen mit sich bringt.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 29.09.2021
- Seitenanzahl: 256
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-30084-0
Link zum Buch:
https://www.diogenes.ch/leser/titel/mick-herron/spook-street-9783257300840.html