Montag, 14. März 2022

Mick Herron, Spook Street

Mick Herron, Spook Street, Diogenes Verlag

Wenn man den Showdown der Slow horses mit den Real tigers aus dem dritten Band noch ein wenig in Erinnerung hat und eine ähnlich actiongeladene Fortsetzung erwartet, so wird man eingangs etwas enttäuscht. Denn tatsächlich, so jedenfalls scheint es mir, werden in diesem vierten Band einige Figuren tatsächlich weiterentwickelt. Die im letzten Band genauer in den Fokus geratene Catherine Standish ist auf einmal weg, sie hat gekündigt und wurde durch eine neue Sekretärin ersetzt, die vergeblich versucht, die Unordnung im Slough house in geordnete Bahnen zu bringen. Außerdem ist Lamb von der Bildfläche verschwunden und River Cartwright macht sich Sorgen um seinen Großvater, eine Legende des Geheimdienstes. Ein Neuling ist auch im Haus, wobei der im Buch bis auf einen erstaunlichen Schlussakkord eher ein seltsames Anhängsel bleibt – man wird sehen, ob er sich in Band 5 entfalten darf. Schließlich gibt es einen neuen Geheimdienstleiter, der sich sofort mit einem Bombenattentat und den Zwängen der internen Hierarchie konfrontiert sieht, und auch noch eine neue Chefin der Dogs, die sich ihr Standing auch noch erarbeiten muss. Es gibt also viel zu verarbeiten für die Leser und man muss bei der Lektüre schon aufmerksam bleiben, um nicht manchenorts von den Namen und Orten verwirrt zu werden. Immerhin sind die Hinweise und Reminiszenzen an die vorangegangenen Geschichten so platziert, dass man den Band 4 auch als standalone lesen könnte und trotzdem eine gewisse Ahnung der bisherigen Ereignisse bekommen kann.

Die Sorge um den alten Cartwright ist dann auch der Aufhänger für die restliche Story, denn Rivers Besuch bei seinem Großvater löst Kaskaden von Ereignissen aus. Der Großvater soll offenbar liquidiert werden, er erschießt aber kurzerhand den Angreifer, River macht diesen auch noch unkenntlich, sodass er selbst zunächst für den Toten gehalten wird. River bringt seinen Großvater in Sicherheit und spürt dann dem Attentäter und seinen Hintermännern nach. Diese Suche führt ihn nach Frankreich und unerwartet in seine eigene Vergangenheit, was sich dann erst am Ende auflöst. Dazu kommen so genannte Cold bodies, erfundene Identitäten, die nach dem Ende des kalten Krieges nicht mehr benötigt, aber nie vernichtet wurden. Die Attentäter machen sich diese nun zunutze und wollen ihren tödlichen Auftrag vollenden. Es kommt sukzessive zu Erkenntnissen, Verfolgungsjagden, Schießereien, Prügeleien und auch diesmal sind wieder einige Leichen zu beklagen, selbst im Team des Slough house. Lamb schafft es aber, sich nicht nur körperlich unversehrt zu halten, sondern hat nach der ganzen Episode auch noch ein Druckmittel gegen seinen neuen Chef in der Hand.

Auch diesmal gibt es wieder Passagen und Dialoge, in den Lambs Sarkasmus dermaßen zielsicher zündet, dass man beim Lesen schallend herauslachen kann. Dadurch, dass aber diesmal mehr in die Entwicklung der Geschichte und der Figuren investiert wurde, ist die Anzahl dieser Dialoge geringer als in den vorangegangenen Werken. Das ist nicht dramatisch, aber verändert den Charakter der Reihe ein wenig: wenn die Gurkentruppe diesmal doch zu mehr gut ist als zu sarkastischem Selbstmitleid, dann sind sie am Ende doch noch irgendwie richtige Agenten? Die nächsten Bände geben womöglich Aufschluss hierüber.

Der Roman liest sich wieder zügig und ist unterhaltsam, manchmal etwas verworren, was aber angesichts der Vielzahl der Figuren noch vertretbar ist. Dadurch dass der Gegenspieler am Ende zwar sichergestellt, aber nicht beseitigt ist und zudem die Familiengeschichte von River weiterhin als loses Ende im Raum steht, darf man gespannt sein, was Band 5 an neuen Entwicklungen mit sich bringt.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 29.09.2021
  • Seitenanzahl: 256
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-30084-0

Link zum Buch:

https://www.diogenes.ch/leser/titel/mick-herron/spook-street-9783257300840.html