Sonntag, 14. Mai 2023

Daniel Glattauer, Die spürst Du nicht

Daniel Glattauer, Die spürst Du nicht, Zsolnay Verlag

Mit „Die spürst Du nicht“ betritt Glattauer in mehrfacher Hinsicht bekanntes Terrain, was für Leser bzw. Kenner seiner bisherigen Werke erfreulich und dennoch immer wieder hinsichtlich der Nuancen überraschend ist. Er präsentiert zwei Familien als Protagonisten des Geschehens, die alle in bestimmter, vorgestanzter, fast schon determinierter Art und Weise zu agieren scheinen, aber bei denen hinter den Fassaden die widersprüchlichen, unerfüllten, zerrissenen und weithin orientierungslosen Menschen hervortreten, die dem Plot dann die Würze geben. Man meint rasch, diese Menschen vom Typus her zu kennen oder vorausschauend einschätzen zu können, aber die Ausschläge ihrer Handlungen und Verbalinjurien gegeneinander überraschen dann doch immer wieder. So kann sich Glattauer, ganz der Charakteranalyst, der er schon seit Beginn seiner Karriere als Prozessbeobachter war, in die erkennbaren und unerkannten Abgründe seiner Figuren begeben, ihre inneren Widersprüche und die Reaktionen der Umwelt hierauf sammeln und genüsslich zerlegen. Zugleich fungiert ein angestrengter und dann teilweise durchgeführter zivilgerichtlicher Prozess als Korsett für weitere Entwicklungen und Entdeckungen. Auch dies ist ein „Heimspiel“ für Glattauer, denn das ihm bestens bekannte Zusammenspiel der Prozessbeteiligten, die Eitelkeiten der Antagonisten vor Gericht, die Formalitäten, die im Widerstreit zu den eigentlichen Zielen der Parteien stehen – all das gibt dem Ganzen zusätzlichen bzw. unerwarteten Schwung.

Worum geht es in diesem fast schon Sozialdrama zu nennenden Roman? Die durch ihre politische Karriere bei den Grünen bekannte Elisa Strobl-Martinek begibt sich mit Ehemann und zwei Kindern, einem befreundeten Paar, den Binders, sowie einem somalischen Flüchtlingskind in einen Erholungsurlaub in der Toskana. Aayana heißt das junge Mädchen, ist in der Klasse der älteren Tochter Sophie Luise und diese hat sich in den Kopf gesetzt, Aayana im Urlaub das Schwimmen beizubringen. Natürlich ist es ein langer Entscheidungsprozess mit Kommunikationshürden, bis deren Eltern erlauben, dass Aayana die Strobl-Martineks begleitet. Das Unglück, das jeder Leser, der eigene, schwimmunfähige Kinder hat, bereits erwartet, tritt rasch ein: Aayana schleicht sich abends noch einmal heimlich in den Pool und ertrinkt.

Die sich daraus ergebenden Verwicklungen, Ermittlungen und Entsetzlichkeiten prägen fortan die Geschichte. Die Charaktereigenschaften der Handelnden sind wenig hilfreich, das Verarbeiten und Verdrängen, die Verantwortung und die Feigheit geben sich nacheinander die Hand, alle drohen an dem Ereignis mehr oder weniger zu zerbrechen. Gerade die Kinder sind es, die den Erwachsenen und auch dem Leben verloren zu gehen drohen: Aayanas älterer Bruder und auch Sophie Luise. Doch das merken die Erwachsenen nicht oder viel zu spät.

Im Rahmen des Prozesses, der zunächst eine rechtliche Posse zu werden scheint, wird dann aber deutlich, wie sehr die vermeintlich Schwachen stark sein können und ungewollt sein müssen. Wie wichtig es ist, gehört und ernst genommen zu werden. Wie wichtig es ist, sich darüber klar zu werden, was man will und wer man sein möchte. Dass es nicht ratsam ist, sich von Dritten lenken zu lassen, erst recht nicht von einer öffentlichen Meinung. Denn die wird, ganz Glattauer, wieder in sprachlich erstaunlicher Weise in die Geschichte eingelassen, indem er sie in Postings und hässlichen Kommentaren zu Wort kommen lässt. Das Wirken der Internet-Trolle ist ein erfrischendes Stilmittel, inhaltlich teilweise jedoch redundant und deshalb – wie auch im wahren Leben – ein wenig nervig, sodass man am Ende der Geschichte, wenn nämlich diese Postings tatsächlich die Handlung voran- und zu Ende bringen und deshalb wirklich von Bedeutung und nicht mehr wie vorher nur Hintergrundgeräusch sind, hoffentlich die Kommentare nicht nur wie vorher durchscrollt, sondern komplett durchliest. Denn dann kann man, inhaltlich und stilistisch zufriedengestellt, die Lektüre beschließen.

Der Roman ist – wieder einmal – ein Paradebeispiel dafür, wie spannend es ist, kantige Charaktere zu nutzen und sie während der Geschichte nicht nur ein wenig zu schleifen und zu polieren, sondern sie auch in anderem Winkel auszuleuchten, sodass die Kanten gar nicht mehr so hinderlich, sondern prägend zu sein scheinen. Natürlich sind die konstruierten Gegensätze, die gestelzte Konversation und das Verharren in Schablonen typisch und man kennt dies schon aus anderen Romanen Glattauers. Dennoch kann er aus dieser Starre heraus wunderbar in den Fluss gelangen, der das Ziel der Geschichte einläutet und für den Aha-Effekt sorgt, nicht nur vom Spannungsbogen her, sondern auch indem er die Leser zur selbstkritischen Analyse veranlasst. Ein schönes Lektüreerlebnis.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 20.03.2023
  • Seitenanzahl: 304
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-552-07333-3

Link zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-spuerst-du-nicht/978-3-552-07333-3/