Daniel Glattauer, Die spürst Du nicht, Zsolnay Verlag
Mit „Die spürst Du nicht“ betritt
Glattauer in mehrfacher Hinsicht bekanntes Terrain, was für Leser bzw. Kenner
seiner bisherigen Werke erfreulich und dennoch immer wieder hinsichtlich der
Nuancen überraschend ist. Er präsentiert zwei Familien als Protagonisten des
Geschehens, die alle in bestimmter, vorgestanzter, fast schon determinierter
Art und Weise zu agieren scheinen, aber bei denen hinter den Fassaden die
widersprüchlichen, unerfüllten, zerrissenen und weithin orientierungslosen
Menschen hervortreten, die dem Plot dann die Würze geben. Man meint rasch,
diese Menschen vom Typus her zu kennen oder vorausschauend einschätzen zu
können, aber die Ausschläge ihrer Handlungen und Verbalinjurien gegeneinander
überraschen dann doch immer wieder. So kann sich Glattauer, ganz der
Charakteranalyst, der er schon seit Beginn seiner Karriere als
Prozessbeobachter war, in die erkennbaren und unerkannten Abgründe seiner
Figuren begeben, ihre inneren Widersprüche und die Reaktionen der Umwelt
hierauf sammeln und genüsslich zerlegen. Zugleich fungiert ein angestrengter
und dann teilweise durchgeführter zivilgerichtlicher Prozess als Korsett für
weitere Entwicklungen und Entdeckungen. Auch dies ist ein „Heimspiel“ für
Glattauer, denn das ihm bestens bekannte Zusammenspiel der Prozessbeteiligten,
die Eitelkeiten der Antagonisten vor Gericht, die Formalitäten, die im
Widerstreit zu den eigentlichen Zielen der Parteien stehen – all das gibt dem
Ganzen zusätzlichen bzw. unerwarteten Schwung.
Worum geht es in diesem fast schon
Sozialdrama zu nennenden Roman? Die durch ihre politische Karriere bei den
Grünen bekannte Elisa Strobl-Martinek begibt sich mit Ehemann und zwei Kindern,
einem befreundeten Paar, den Binders, sowie einem somalischen Flüchtlingskind
in einen Erholungsurlaub in der Toskana. Aayana heißt das junge Mädchen, ist in
der Klasse der älteren Tochter Sophie Luise und diese hat sich in den Kopf
gesetzt, Aayana im Urlaub das Schwimmen beizubringen. Natürlich ist es ein
langer Entscheidungsprozess mit Kommunikationshürden, bis deren Eltern
erlauben, dass Aayana die Strobl-Martineks begleitet. Das Unglück, das jeder
Leser, der eigene, schwimmunfähige Kinder hat, bereits erwartet, tritt rasch
ein: Aayana schleicht sich abends noch einmal heimlich in den Pool und
ertrinkt.
Die sich daraus ergebenden Verwicklungen,
Ermittlungen und Entsetzlichkeiten prägen fortan die Geschichte. Die
Charaktereigenschaften der Handelnden sind wenig hilfreich, das Verarbeiten und
Verdrängen, die Verantwortung und die Feigheit geben sich nacheinander die
Hand, alle drohen an dem Ereignis mehr oder weniger zu zerbrechen. Gerade die
Kinder sind es, die den Erwachsenen und auch dem Leben verloren zu gehen
drohen: Aayanas älterer Bruder und auch Sophie Luise. Doch das merken die
Erwachsenen nicht oder viel zu spät.
Im Rahmen des Prozesses, der zunächst eine
rechtliche Posse zu werden scheint, wird dann aber deutlich, wie sehr die
vermeintlich Schwachen stark sein können und ungewollt sein müssen. Wie wichtig
es ist, gehört und ernst genommen zu werden. Wie wichtig es ist, sich darüber
klar zu werden, was man will und wer man sein möchte. Dass es nicht ratsam ist,
sich von Dritten lenken zu lassen, erst recht nicht von einer öffentlichen
Meinung. Denn die wird, ganz Glattauer, wieder in sprachlich erstaunlicher
Weise in die Geschichte eingelassen, indem er sie in Postings und hässlichen
Kommentaren zu Wort kommen lässt. Das Wirken der Internet-Trolle ist ein
erfrischendes Stilmittel, inhaltlich teilweise jedoch redundant und deshalb –
wie auch im wahren Leben – ein wenig nervig, sodass man am Ende der Geschichte,
wenn nämlich diese Postings tatsächlich die Handlung voran- und zu Ende bringen
und deshalb wirklich von Bedeutung und nicht mehr wie vorher nur
Hintergrundgeräusch sind, hoffentlich die Kommentare nicht nur wie vorher
durchscrollt, sondern komplett durchliest. Denn dann kann man, inhaltlich und
stilistisch zufriedengestellt, die Lektüre beschließen.
Der Roman ist – wieder einmal – ein
Paradebeispiel dafür, wie spannend es ist, kantige Charaktere zu nutzen und sie
während der Geschichte nicht nur ein wenig zu schleifen und zu polieren,
sondern sie auch in anderem Winkel auszuleuchten, sodass die Kanten gar nicht
mehr so hinderlich, sondern prägend zu sein scheinen. Natürlich sind die
konstruierten Gegensätze, die gestelzte Konversation und das Verharren in
Schablonen typisch und man kennt dies schon aus anderen Romanen Glattauers.
Dennoch kann er aus dieser Starre heraus wunderbar in den Fluss gelangen, der
das Ziel der Geschichte einläutet und für den Aha-Effekt sorgt, nicht nur vom
Spannungsbogen her, sondern auch indem er die Leser zur selbstkritischen
Analyse veranlasst. Ein schönes Lektüreerlebnis.
Verlagsangaben zum Buch:
- Erscheinungstag: 20.03.2023
- Seitenanzahl: 304
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-552-07333-3
Link zum Buch:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-spuerst-du-nicht/978-3-552-07333-3/
