Montag, 10. Juli 2023

Ian McEwan, Lektionen

Ian McEwan, Lektionen, Diogenes Verlag

Ein wahrhaft opulentes Werk eines der bekanntesten Romanciers unserer Zeit. Doch von der Wucht früherer Werke wie „Abbitte“ oder „Der Zementgarten“ ist der jetzige Roman weit entfernt. Viele autobiographische Züge prägen die Handlung und die Figuren (Geburtsort des Protagonisten; Vater beim Militär u.a.), ebenso McEwans Liebe zu Deutschland bzw. zur deutschen Sprache und Kultur. Man kann, wenn man tief genug gräbt oder weit genug vergleicht, viele Übereinstimmungen, Anspielungen, Erinnerungen und anderes finden. Jedoch sind all diese Elemente kein Muss, kein Schlüssel, um den Roman überhaupt oder besser begreifen zu können. Vielmehr ist das Werk durchaus auch ein Roman über den Roman selbst, seine Technik, seine Anleihen, das Ausschlachten des eigenen Privaten, das Verfremden der selbst gelebten Wirklichkeit und die Verletzungen anderer, die auf dem Weg des Schreibens geschehen. Auch ist eine Beschreibung einer Selbstfindung, wenn man erst nach langer Zeit Kraft hat, die Fragen an das eigene Leben zu stellen, die man verdrängt hatte. Ob es dafür mehr als 700 Seiten braucht, sei dem Geschmack jedes einzelnen Lesers überlassen.

Die Lektüre perlt jedenfalls ganz angenehm dahin und man kann sich auch einmal Pausen gönnen, ohne das Risiko einzugehen, später nicht mehr in die Handlung hineinzufinden. Das heißt andererseits leider auch, dass es weder sonderlich spannend zugeht im Leben des Roland Baines, noch dass es echte Cliffhanger zwischen den Kapiteln oder Abschnitten gibt, die den Leser quasi an das Buch fesseln. Man durchlebt mit dem erwachsenen Roland vielmehr ein bürgerliches Leben mit vielen männlichen Klischees und möchte ihm mehr als einmal in den Hintern treten, denn er kommt einfach nicht in die Gänge. Genau das wirft ihm seine als Romanautorin erfolgreiche ehemalige deutsche Ehefrau Alissa am Ende auch vor und man denkt sich insgeheim: Genau richtig. Denn das bequemliche Nichtstun bei gleichzeitiger Überschätzung der eigenen Fähigkeiten in Literatur, Tennis oder Klavierspiel ist ein Leitfaden in Rolands Erwachsenenleben, das dann doch irgendwie immer wieder von Dritten aufgefangen wird. Seine Erlebnisse in der Jugend mit lieblosen Eltern, einer Zeit im Internat, einer übergriffigen Klavierlehrerin und dem frühzeitigen Abgang von der Schule werden sukzessive literarisch aufgearbeitet, aber wie der Roman tatsächlich damit umgeht, ist manchmal enttäuschend. Der Bogen der Familiengeschichte wird am Ende durchaus geschlossen und die Art und Weise ist auch versöhnlich. Aber man kommt nicht umhin, Rolands Leben irgendwie als ein wenig vergeudet anzusehen.

Man kann mit Roland den Zeitlauf der Geschichte, viele Ereignisse in Europa, darunter den Mauerfall bis hin zur Corona-Pandemie miterleben. Man kann die Schwierigkeiten, alleinerziehender, verlassener Vater zu sein, nachempfinden, ebenso die Freude über die später gelungene Patchwork-Familie, die Roland und Daphne gründen. Man kann sich aber genauso gut über blasse Charaktere, langweilige Passagen und ermüdende Gedankenspiele ärgern.

Die Lektüre des Romans ist also bisweilen ein Geduldsspiel und trotz der unbestreitbaren Fähigkeiten McEwans als Romancier gehört dieses Werk sicherlich nicht zu denjenigen, die man von ihm gelesen haben muss.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 28.09.2022
  • Seitenanzahl: 720
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-07213-6

Link zum Buch:

https://www.diogenes.ch/leser/titel/ian-mcewan/lektionen-9783257072136.html