Ian McEwan, Lektionen, Diogenes Verlag
Ein wahrhaft opulentes Werk eines der
bekanntesten Romanciers unserer Zeit. Doch von der Wucht früherer Werke wie
„Abbitte“ oder „Der Zementgarten“ ist der jetzige Roman weit entfernt. Viele
autobiographische Züge prägen die Handlung und die Figuren (Geburtsort des
Protagonisten; Vater beim Militär u.a.), ebenso McEwans Liebe zu Deutschland
bzw. zur deutschen Sprache und Kultur. Man kann, wenn man tief genug gräbt oder
weit genug vergleicht, viele Übereinstimmungen, Anspielungen, Erinnerungen und
anderes finden. Jedoch sind all diese Elemente kein Muss, kein Schlüssel, um
den Roman überhaupt oder besser begreifen zu können. Vielmehr ist das Werk
durchaus auch ein Roman über den Roman selbst, seine Technik, seine Anleihen,
das Ausschlachten des eigenen Privaten, das Verfremden der selbst gelebten
Wirklichkeit und die Verletzungen anderer, die auf dem Weg des Schreibens
geschehen. Auch ist eine Beschreibung einer Selbstfindung, wenn man erst nach
langer Zeit Kraft hat, die Fragen an das eigene Leben zu stellen, die man
verdrängt hatte. Ob es dafür mehr als 700 Seiten braucht, sei dem Geschmack
jedes einzelnen Lesers überlassen.
Die Lektüre perlt jedenfalls ganz angenehm
dahin und man kann sich auch einmal Pausen gönnen, ohne das Risiko einzugehen,
später nicht mehr in die Handlung hineinzufinden. Das heißt andererseits leider
auch, dass es weder sonderlich spannend zugeht im Leben des Roland Baines, noch
dass es echte Cliffhanger zwischen den Kapiteln oder Abschnitten gibt, die den
Leser quasi an das Buch fesseln. Man durchlebt mit dem erwachsenen Roland
vielmehr ein bürgerliches Leben mit vielen männlichen Klischees und möchte ihm
mehr als einmal in den Hintern treten, denn er kommt einfach nicht in die
Gänge. Genau das wirft ihm seine als Romanautorin erfolgreiche ehemalige
deutsche Ehefrau Alissa am Ende auch vor und man denkt sich insgeheim: Genau
richtig. Denn das bequemliche Nichtstun bei gleichzeitiger Überschätzung der
eigenen Fähigkeiten in Literatur, Tennis oder Klavierspiel ist ein Leitfaden in
Rolands Erwachsenenleben, das dann doch irgendwie immer wieder von Dritten
aufgefangen wird. Seine Erlebnisse in der Jugend mit lieblosen Eltern, einer
Zeit im Internat, einer übergriffigen Klavierlehrerin und dem frühzeitigen
Abgang von der Schule werden sukzessive literarisch aufgearbeitet, aber wie der
Roman tatsächlich damit umgeht, ist manchmal enttäuschend. Der Bogen der
Familiengeschichte wird am Ende durchaus geschlossen und die Art und Weise ist
auch versöhnlich. Aber man kommt nicht umhin, Rolands Leben irgendwie als ein
wenig vergeudet anzusehen.
Man kann mit Roland den Zeitlauf der
Geschichte, viele Ereignisse in Europa, darunter den Mauerfall bis hin zur
Corona-Pandemie miterleben. Man kann die Schwierigkeiten, alleinerziehender,
verlassener Vater zu sein, nachempfinden, ebenso die Freude über die später
gelungene Patchwork-Familie, die Roland und Daphne gründen. Man kann sich aber
genauso gut über blasse Charaktere, langweilige Passagen und ermüdende
Gedankenspiele ärgern.
Die Lektüre des Romans ist also bisweilen
ein Geduldsspiel und trotz der unbestreitbaren Fähigkeiten McEwans als
Romancier gehört dieses Werk sicherlich nicht zu denjenigen, die man von ihm
gelesen haben muss.
Verlagsangaben zum Buch:
- Erscheinungstag: 28.09.2022
- Seitenanzahl: 720
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-07213-6
Link zum Buch:
https://www.diogenes.ch/leser/titel/ian-mcewan/lektionen-9783257072136.html
