Mittwoch, 19. Juli 2023

Andreas Dorau / Sven Regener, Die Frau mit dem Arm

Andreas Dorau / Sven Regener, Die Frau mit dem Arm, Galliani Verlag

Auch wenn es seitens des Verlags heißt, dass der nun erschienene zweite Teil der Memoiren von Andreas Dorau – „Die Frau mit dem Arm“ – als Standalone-Werk gelesen werden könnte, also ohne Kenntnis des Vorgängerbandes „Ärger mit der Unsterblichkeit“, der bereits im Jahr 2015, auch mit Sven Regener als (Co-)Autor, erschienen war, so dürfte diese Einschätzung falsch sein. Denn Kenntnis des ersten Werks ist zum einen wichtig, um die im zweiten Band zitierten Ereignisse besser verstehen und damit den Kapiteln besser folgen zu können. Zum anderen ist es schlicht auch ein schönes Vergleichswerk, um die sprachliche Fortentwicklung des Autoren-Duos einordnen zu können. Der zweite Band ist meiner Einschätzung nach besser.

Zugegebenermaßen habe ich mich für das Buch vor allem wegen Regeners schriftstellerischer Qualitäten interessiert, wohin gegen mir Dorau eher als experimentelles und künstlerisches Ausnahmetalent bekannt war, nicht jedoch für seine schriftstellerischen Qualitäten. Die Symbiose von beiden ist aber ein Gewinn, weil man so zum einen eine bestimmte Zeitspanne, jedenfalls was den künstlerischen Teil angeht, Revue passieren lassen kann. Zum anderen versteht es Regener wie kein zweiter, die rastlose, schillernde und dennoch in sich durchaus zielstrebige Welt und Lebensweise des Multitalents Andreas Dorau in Worte zu fassen. Das „unauffällig Absurde“ ist vielen Figuren in Regeners Romanen gemein und eben auch ein Markenzeichen von Dorau.

Der zweite Band steigt zeitlich um die Jahrtausendwende ein, als also die Zeit der Neuen Deutschen Welle mit dem ewig währenden „Fred vom Jupiter“ und auch die rastlose Viva-Zeit vorübergegangen sind. Dorau muss sich nun neue Betätigungsfelder suchen und er wird, wenig überraschend, in vielfältiger Weise fündig. Das Ganze ist ebenso wenig wie das Vorgängerwerk ein Roman, sondern eine meist chronologische Beschreibung von Stationen, Projekten und Rückblenden in und aus Doraus Leben und Wirken. Es ist aber auch eine unprätentiöse Schilderung von Versuch und Scheitern – und vom dennoch Weitermachen. Der Künstler lässt sich mit den Jahren immer weniger verbiegen, was aber nicht immer zwingend mit kommerziellem Erfolg einhergehen muss. Die Mechanismen des Kulturbetriebs werden mit feiner Ironie bestraft, aber ebenso die Freude dargestellt, wenn Dorau auf einmal unverhofft mit einem Lied in den Charts landet. Das Namedropping von anderen Musikern, Künstlern und Weggefährten ist zwar mitunter ein wenig redundant, da man mit den Personen schlicht nichts anfangen kann. Schön daran ist allerdings zu sehen, wenn Kontinuitäten über die Jahrzehnte entstehen und Dorau freigiebig die musikalischen Verdienste seiner Kolleginnen und Kollegen herausstellt. Für den einen oder anderen Lacher taugen viele Episoden obendrein.

Ich habe beide Bände an einem Tag durchgelesen. Das ist für mich schon deshalb ein positives Zeichen, weil es zeigt, dass die Bücher wirklich interessant und gut geschrieben sind. Selbst wenn man sich vorher nicht mit Dorau befasst hat, bieten seine Erlebnisse und Erinnerungen in Form von Regeners Beschreibungen und Geschichten ein schönes Stück Zeitgeschichte und gute Unterhaltung.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 09.02.2023
  • Seitenanzahl: 192
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3869712741

Link zum Buch:

https://www.galiani.de/buch/sven-regener-andreas-dorau-die-frau-mit-dem-arm-9783869712741