Andreas Dorau / Sven Regener, Die Frau mit dem Arm, Galliani Verlag
Auch wenn es seitens des Verlags heißt,
dass der nun erschienene zweite Teil der Memoiren von Andreas Dorau – „Die Frau
mit dem Arm“ – als Standalone-Werk gelesen werden könnte, also ohne Kenntnis
des Vorgängerbandes „Ärger mit der Unsterblichkeit“, der bereits im Jahr 2015,
auch mit Sven Regener als (Co-)Autor, erschienen war, so dürfte diese
Einschätzung falsch sein. Denn Kenntnis des ersten Werks ist zum einen wichtig,
um die im zweiten Band zitierten Ereignisse besser verstehen und damit den
Kapiteln besser folgen zu können. Zum anderen ist es schlicht auch ein schönes
Vergleichswerk, um die sprachliche Fortentwicklung des Autoren-Duos einordnen
zu können. Der zweite Band ist meiner Einschätzung nach besser.
Zugegebenermaßen habe ich mich für das
Buch vor allem wegen Regeners schriftstellerischer Qualitäten interessiert,
wohin gegen mir Dorau eher als experimentelles und künstlerisches
Ausnahmetalent bekannt war, nicht jedoch für seine schriftstellerischen
Qualitäten. Die Symbiose von beiden ist aber ein Gewinn, weil man so zum einen
eine bestimmte Zeitspanne, jedenfalls was den künstlerischen Teil angeht, Revue
passieren lassen kann. Zum anderen versteht es Regener wie kein zweiter, die
rastlose, schillernde und dennoch in sich durchaus zielstrebige Welt und
Lebensweise des Multitalents Andreas Dorau in Worte zu fassen. Das „unauffällig
Absurde“ ist vielen Figuren in Regeners Romanen gemein und eben auch ein
Markenzeichen von Dorau.
Der zweite Band steigt zeitlich um die
Jahrtausendwende ein, als also die Zeit der Neuen Deutschen Welle mit dem ewig
währenden „Fred vom Jupiter“ und auch die rastlose Viva-Zeit vorübergegangen
sind. Dorau muss sich nun neue Betätigungsfelder suchen und er wird, wenig
überraschend, in vielfältiger Weise fündig. Das Ganze ist ebenso wenig wie das
Vorgängerwerk ein Roman, sondern eine meist chronologische Beschreibung von
Stationen, Projekten und Rückblenden in und aus Doraus Leben und Wirken. Es ist
aber auch eine unprätentiöse Schilderung von Versuch und Scheitern – und vom
dennoch Weitermachen. Der Künstler lässt sich mit den Jahren immer weniger
verbiegen, was aber nicht immer zwingend mit kommerziellem Erfolg einhergehen
muss. Die Mechanismen des Kulturbetriebs werden mit feiner Ironie bestraft,
aber ebenso die Freude dargestellt, wenn Dorau auf einmal unverhofft mit einem
Lied in den Charts landet. Das Namedropping von anderen Musikern, Künstlern und
Weggefährten ist zwar mitunter ein wenig redundant, da man mit den Personen
schlicht nichts anfangen kann. Schön daran ist allerdings zu sehen, wenn
Kontinuitäten über die Jahrzehnte entstehen und Dorau freigiebig die
musikalischen Verdienste seiner Kolleginnen und Kollegen herausstellt. Für den
einen oder anderen Lacher taugen viele Episoden obendrein.
Ich habe beide Bände an einem Tag
durchgelesen. Das ist für mich schon deshalb ein positives Zeichen, weil es
zeigt, dass die Bücher wirklich interessant und gut geschrieben sind. Selbst
wenn man sich vorher nicht mit Dorau befasst hat, bieten seine Erlebnisse und
Erinnerungen in Form von Regeners Beschreibungen und Geschichten ein schönes
Stück Zeitgeschichte und gute Unterhaltung.
Verlagsangaben zum Buch:
- Erscheinungstag: 09.02.2023
- Seitenanzahl: 192
- ISBN/Artikelnummer: 978-3869712741
Link zum Buch:
https://www.galiani.de/buch/sven-regener-andreas-dorau-die-frau-mit-dem-arm-9783869712741
