Montag, 24. Juli 2023

Mirjam Oldenhave (Autorin) / Rick Haas (Illustrator), Jakob und der Berg der vergessenen Dinge

Mirjam Oldenhave (Autorin) / Rick Haas (Illustrator), Jakob und der Berg der vergessenen Dinge, Coppenrath Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

Ein erstaunliches Buch, das gleich mehrere pädagogische Ziele verfolgt und liberale Werte vermittelt – verpackt in einer warmherzigen, ergreifenden, märchenhaften und zugleich rührenden Geschichte. So lässt sich kurz und knapp zusammenfassen, was Jakob am Berg der vergessenen Dinge erlebt. Es handelt sich um ein modernes Märchen, in dem zauberhafte Dinge ebenso geschehen wie alltägliche Gemeinheiten der realen Welt, mit denen sich Jakob auseinandersetzen muss und die ihm das Leben schwer machen. Kindern aus einer Wohlstandswelt wie der unsrigen wird mit der zweiten Hauptperson Sisi ein Spiegel vorgehalten: Das reiche Mädchen, das sich in all ihrem überbordenden Spielzeug hinter dem Hochsicherheitszaun langweilt und von ihren Eltern mit Babysitter und technischen Mitteln überwacht wird. Aber Sisi geht auch ohne Vorurteile auf Jakob zu, nimmt ihn an wie er ist und hilft ihm ohne Vorbehalte mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln. Sie unterstützt ihn, glaubt an ihn und steht ihm bei, wenn er nicht mehr weiterweiß. Denn Jakob ist in einer für Kinder existentiell beängstigende Situation geraten: Mit seinem Vater Ed reiste er in einer Art fahrendem Haus durch die Welt, immer auf der Suche nach einem Ort, an dem sie willkommen waren und bleiben konnten. Aber überall wurden sie fortgejagt. Schlussendlich landen sie am Berg der vergessenen Dinge, am Plunderberg, den nur fantasielose Geister als Müllhalde bezeichnen würden. Dort erleben sie einige unbeschwerte Tage, bis plötzlich die Polizei auftaucht und Ed beschuldigt, eine goldene Boxerfigur gestohlen zu haben. Jakob versteckt sich und muss zusehen, wie erst Ed ins Gefängnis gebracht und dann sein Zuhause abtransportiert wird. Diese Situation der absoluten Verlassenheit ist für die kleinen Leser schon schwer auszuhalten. Hier muss vom Vorlesenden eng begleitet werden. Doch für Jakob naht schnell Unterstützung: Zum einen findet er einen kleinen Welpen, den er Ali nennt und der von nun an sein ständiger Begleiter wird. Zum anderen schließt sich ihm Sisi an und gemeinsam mit Jan, dem Putzmann vom Gefängnis, starten sie mehrere Versuche, Ed zu befreien. Ganz nebenbei müssen sie aber auch Geld verdienen, denn Jakob steht ohne alles vor dem Nichts. Zum Glück ist er ein begabter Tüftler und der Plunderberg ist eine unerschöpfliche Fundgrube an Material, aus dem er spannende Kreationen bauen kann. Denn es kommen Besucher zum Plunderberg, meist reiche ältere Damen aus der Nachbarschaft, die auf der Suche sind nach ausgefallenen Gegenständen, mit denen sie in ihren Kreisen angeben können. Sisi erweist sich als erstaunliches Verkaufstalent, Jakob als versierter Bastler und so ist in kürzester Zeit ein kleines Geschäft entstanden, das Jakob den Unterhalt sichert.

Die Erwachsenen, die in diesem Buch auftreten, können in zwei Kategorien eingeteilt werden: Die unfreundlichen Amtsträger wie Polizisten, Gefängniswärter, Museumsdirektoren, die allesamt von Kindern nicht viel halten und kein Mitgefühl für ihre Situation zeigen. Und die außergewöhnlichen Menschen, die bereitwillig helfen und für Freunde einiges zu riskieren bereit sind. Dazu zählt Jan, der Putzmann, aber auch Kartoff, der Gefangene, den Jakob aus Versehen statt Ed befreit. Außerdem sind Tiere verlässliche Partner für Jakob, der sie mit Respekt und Liebe behandelt und ebendies von ihnen zurückbekommt. Denn neben Ali, dem kleinen Welpen, kommt noch Elvis der kleine Kanarienvogel dazu und Rambo, der Steinbock, der den Plunderberg zu seinem neuen Zuhause wählt und für Jakob einige Türen zertrümmert, wenn er in das Gefängnis oder das Sportmuseum einbrechen möchte, um Ed zu helfen.

Hier gibt es viele Lehren, die die kleinen Leser aus der Geschichte ziehen können: Jakobs Verzweiflung, Trauer und Hilfslosigkeit wird nicht beschönigt, sondern nach jedem misslungenen Versuch, trägt Jakob schwer an seinen Gefühlen. Dennoch macht er weiter, gibt nicht auf, kann auf die Hilfe seiner Freunde zählen. Und zugleich schafft er es, seine alltäglichen Pflichten zu erfüllen und weiter Gegenstände für die reichen Damen zu erfinden und somit Geld zu verdienen, um zu überleben. Er zeigt Mut, bei seinen waghalsigen Plänen zur Befreiung von Ed, er zeigt Ausdauer und gibt nicht auf. Er geht vorbehaltlos auf seine Mitmenschen zu und lässt sich von der Kälte, der ignoranten Amtsträger nicht abschrecken. Seine Mitstreiter sind ebenfalls kleine Helden, die für ihren Freund durch dick und dünn gehen und ihn unterstützen, und ihre eigenen Sorgen und Belange hinten anstellen, weil ihr Freund sie dringend braucht.

Die Schlussszene, bei der natürlich alles gut ausgeht, ist herzergreifend und lockt den kleinen Lesern und großen Vorlesern die eine oder andere Träne aus den Augenwinkeln.

Die Geschichte spielt mit den großen Gefühlen und ruft dazu auf, nicht blind für die Sorgen anderer durch die Welt zu gehen, nicht einfach vorzuverurteilen und füreinander da zu sein. Ein ganz großes Buch, das in jedes Bücherregal gehört.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 01.06.2023
  • Seitenanzahl: 208
  • Altersempfehlung: Ab 6 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-649-64408-8

Link zum Buch:

https://www.spiegelburg-shop.de/jakob-und-der-berg-der-vergessenen-dinge/64408