Donnerstag, 5. Oktober 2023

Mick Herron, Joe Country

Mick Herron, Joe Country, Diogenes Verlag

Zum sechsten Mal werden die Slow Horses von Jackson Lamb in die Schlacht und damit - angesichts ihrer geringen Qualifikation als Agenten - auch mit großer Sicherheit in ihren eigenen Untergang geschickt. Nur ist es diesmal ein wenig intensiver als in den vorangegangenen Bänden, die sich oftmals mit ausführlichen Innenspiegelungen der Charaktere befassten: Denn es gibt eine Menge Action und das von Beginn an. Das liegt natürlich zum einen daran, dass die Erzählstränge aus den früheren Bänden teilweise fortgesetzt werden. Zum anderen haben die Slow Horses aber Blut geleckt und sehnen sich nach echten Einsätzen, die ihre sinnlose Arbeit unterbrechen. Denn eigentlich halten sie sich ja alle für fähige Agenten, denen nur irgendein blöder Zufall den weiteren Karriereweg versperrt hat. Dass sie nicht im Geringsten die reichhaltige Erfahrung über Außeneinsätze haben wie Jackson Lamb sie hat und der deshalb aus gutem Grund dafür sorgt, dass seine Schützlinge, so mies er sie auch ansonsten behandelt, keinen unnötigen Kontakt zur bösen Außenwelt haben, heißt aber nicht, dass er nicht im Hintergrund alles versucht und tut, um sie aus den absurdesten Situationen zu retten – jedenfalls soweit es möglich ist und soweit es diejenigen überhaupt wollen. Denn der eine oder die andere, die aus den vorangegangenen Einsätzen noch übrig ist, trägt durchaus schwer an den eigenen psychischen Problemen, sodass der Tod eine echte Option für Erlösung sein könnte.

Beginnend mit der Beerdigung von Rivers Großvater, des O.B., führen die Verwicklungen und Verwirrungen ins tief verschneite Wales. Dort stellt sich Louisa ebenso wie River ihrer Vergangenheit, indem sie dem Sohn ihres verstorbenen Partners Min zu Hilfe kommen will, der sich in einen unklugen Erpressungsversuch verstiegen hat, den dann ausgerechnet Rivers Vater als Anführer eines Söldnertrupps im Sinne der belasteten Auftraggeber vereiteln soll. Mit unzureichender Vorbereitung und Ausrüstung machen sich also mehrere Agenten auf in die Provinz, um dort Louis, die von Diana Taverner geschasste Emma und den jungen Lucas zu suchen und zu unterstützen. Das gelingt – wie könnte es anders sein – nur teilweise und führt zu mehreren Todesfällen.

Parallel dazu bekommt Slough House ein neues Mitglied, dessen Vergangenheit reichlich verworren scheint. Grund genug, dass Lamb sich dahinterklemmt und bei der Auflösung der unschönen Machenschaften gleich noch die nötigen Gefallen einfordert, um das, was seine Horses in Wales nicht vollenden konnten, am Ende selbst zu erledigen bzw. erledigen zu lassen. Zudem versucht Diana Taverner, den Geheimdienst in ihrem Sinne umzubauen, scheitert aber an den dabei (noch) vorhandenen Hürden: Demokratie und Finanzierung. Dass der alte Unruhestifter Peter Judd ihr vorschlägt, den Geheimdienst doch zukünftig privat querfinanzieren zu lassen, und dass Lamb unter tatkräftiger Mithilfe von Roddy am Ende eine erstaunliche Entdeckung macht, die die gesamte Existenz des Slough House auf den Prüfstand stellt, ist ein idealer Cliffhanger für die folgenden Bände.

Die Erzählung ist von Beginn an temporeich und auch ohne Kenntnis der vorangegangenen Bände werden die Leser mitgenommen. Die für die Figuren und die Reihe markanten sarkastischen Dialoge sind pointiert und konkurrieren diesmal stark mit den Außenszenen. Der „Schnitt“ der Szenen in Wales ist allerdings recht extrem, sodass man mitunter sehr aufmerksam lesen muss, um noch Schritt zu halten. Diesmal wird offensichtlich, dass es immer schwieriger wird, die vielen Handlungsstränge und Ansatzpunkte in einer neuen stringenten Story unter einen Hut zu bekommen, neue Personen einzuführen, ihnen einen halbwegs interessanten Hintergrund zu verschaffen und das Team glaubhaft so zu dezimieren, dass ein Folgeband möglich ist. All das gelingt jedoch und man hofft auf viele Fortsetzungen für die Lamb-Truppe.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 23.08.2023
  • Seitenanzahl: 480
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-30096-3

Link zum Buch:

https://www.diogenes.ch/leser/titel/mick-herron/joe-country-9783257300963.html