Fabio
Bacà, NOVA, Kunstmann Verlag
Der Roman trifft (vielleicht ungewollt)
einen Nerv der Zeit, in der extreme Parteien und deren demokratieverachtender
Habitus im Aufschwung befindlich sind und damit auch die Anwendung von verbaler
und physischer Gewalt salonfähig zu werden droht. Wie also geht man mit Gewalt
um, wenn man im Alltag damit unvermittelt konfrontiert wird? Mit dieser Frage
wird der Protagonist des Buches, der Neurochirurg Davide Ricci, nicht nur
konfrontiert, sondern regelrecht belastet, denn körperliche Gewalt überfordert ihn
über alle Maße. Dabei weiß er doch eigentlich alles über das menschliche Gehirn
und die menschliche Psyche und sollte nicht nur fremde Handlungsmuster erkennen
und analysieren, sondern auch für sich ein entsprechendes Reaktionsregime
entwickeln können. Aber er scheitert daran zunächst grandios. Sein Nachbar
Massimo Lenci geht ihm mit seiner Bar und dem ständigen nächtlichen Lärm auf
die Nerven, seine Frau und sein Sohn werden in einem Restaurant von einem
Betrunkenen angegriffen und er steht wie gelähmt in der Nähe, ohne
einzugreifen, und muss beobachten, dass ein völlig Fremder, der sich später als
Diego entpuppt, die Situation recht archaisch löst: mit Gewalt gegen den
Belästiger. Damit stellen sich für ihn neue Fragen: Was ist die Grenze von
Gewaltlosigkeit zur Feigheit? Und wie kann man diesen Zustand der Apathie
ändern, ohne dabei zum blutrünstigen Schläger zu werden?
Es dauert unglaublich lange, bis das Buch erzählerisch an Fahrt aufnimmt. bisweilen fühlt man sich wie ein Beobachter eines lethargischen und passiven Davide Ricci, der irgendwann von den von außen auf ihn einwirkenden Kräften zermalmt zu werden droht. Dass es am Ende anders kommt, ist - dem Grunde nach - ein positiver Fortgang der Geschichte, aber so richtig nachvollziehen kann man diese Wandlung nicht. Insbesondere nicht anhand des vielfach in Großbuchstaben betonten Wortes KRAFT, die wohl Diego als auch Davide inzwischen erkannt und für sich genutzt haben, um den in ihnen schlummernden Fähigkeiten notfalls unter Ausübung von Gewalt Bahn zu brechen.
Was mich an dem Buch zum zweiten nicht überzeugt ist die Vielfalt von Charakteren, die auch in Detailkapiteln näher vorgestellt werden, aber zum eigentlichen Fortgang und Ausgang der Geschichte überhaupt nichts Sinnvolles beitragen. Dies betrifft insbesondere die Ehefrau und den Sohn von Davide, die zwei lebhafte Randfiguren bleiben, aber letzten Endes nur Katalysatoren für Davides Entwicklung sind.
Schließlich hat mich die elaborierte Sprache nicht „abgeholt“. Man kann ganze
Passagen einfach schräg überfliegen, weil der Autor meint hier irgendwelches
Wissen in einen Prosatext verpacken zu müssen, das jedoch der Geschichte weder
dienlich ist, noch ihr einen besonderen Charakter gibt, wie es der Schein aber
glauben machen möchte. Wenn sowohl Diego als auch Davide mit irgendwelchen
wissenschaftlichen Hintergründen einen Gewaltausbruch blumig umschreiben,
bleibt es immer noch ein simpler, roher, physischer Akt. Auch Davides Karriere
im Krankenhaus dient eher als erzählerischer Nebenstrang, der sich zwar
überraschend positiv für ihn auswächst, aber auch hier wird die eigentliche
Geschichte mit Davides Erkenntnis über die Anwendung von Gewalt samt den
zugehörigen Selbstzweifeln nicht wirklich vorangebracht.
Insgesamt kann man gut zu dem Ergebnis
kommen, dass der Autor ein begnadeter Erzähler ist. Aber die Kunst ein gutes,
das heißt ggf. auch ein kurzes Buch zu schreiben, ist nicht jedem von Anfang an
gegeben. Mir ist die Geschichte zu überladen, sprachlich zu aufgesetzt und in
sich leider unlogisch. Dennoch war die Lektüre durchaus angenehm.
Verlagsangaben zum Buch:
- Erscheinungstag: 17.08.2023
- Seitenanzahl: 286
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-95614-560-5
Link zum Buch:
https://www.kunstmann.de/buch/fabio_baca-nova-9783956145605/t-0/
