Dienstag, 15. Juli 2025

Julia Engelmann, Himmel ohne Ende

Julia Engelmann, Himmel ohne Ende, Diogenes Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

Charlotte, die von allen Charlie genannt wird, ist fünfzehn Jahre alt und oberflächlich betrachtet würde man urteilen, dass sie in einer typischen Teenager-Depression feststeckt. Alles ist grau, alles ist blöd, vor allem die Schule und die Mutter. Sie ist einsilbig bis abweisend, lässt niemanden an sich heran, findet sich hässlich und dumm und wäre gerne ganz anders, im Mittelpunkt und beliebt. Wer kennt es nicht und lächelt darüber. Der Weltschmerz wird schon vergehen.

Julia Engelmann gelingt es, sich ihrer Hauptfigur mit viel Verständnis und Zuneigung zu nähern. Sie nimmt den Leser mit auf eine Reise in Charlies Psyche, in ihre Empfindungen, Ängste und Wünsche. Das recht durchschnittliche Leben, das Charlie führt, ist stellvertreterhaft tausendfach zu finden: Sie lebt mit ihrer alleinerziehenden Mutter in kleinen Verhältnissen, ist mittelmäßig bis schlecht in der Schule und generell in allem. Sie trägt schwer daran, dass der Vater die Familie verlassen hat und dass ihre Freundschaft zu ihrer besten Freundin abkühlt, weil diese die ständige Trauer und Charlies Fragen nach dem Sinn des Lebens nicht nachvollziehen kann. Charlie distanziert sich immer mehr von allen, zieht sich zurück und die große Leistung der Autorin besteht darin, diese Sprachlosigkeit verständlich zu machen, Charlies Gedanken und Gefühle zu offenbaren, so dass der Leser verstehen kann, dass eine Antwort manchmal nicht gefunden werden kann. Das oberflächlich betrachtet desinteressierte Teenager-Verhalten wird verständlich als tief in der eigenen Gedankenwelt versunken und verloren. Charlies Leben ändert sich von Grund auf, als der sonnige Kornelius in ihr Leben tritt, der von allen nur Pommes genannt wird. Erst erscheint er als der strahlende Retter und ist der erste gute Freund für Charlie. Jedoch zeigt sich nach einer Weile, welch schweres Schicksal er mit sich herumträgt. Charlie schlüpft in die Rolle der Retterin und rettet damit sich selbst. Das vielschichtige Gefühlschaos, das Charlie durchlebt, wenn sie von Pommes aus ihrer Komfortzone gelockt wird, ist so treffsicher und nachvollziehbar dargestellt und in unverwechselbare Worte gekleidet, wie es nur die Poetin Engelmann kann. Charlie muss mehrere Schicksalsschläge einstecken, schafft das dank Pommes und dank neuer Menschen in ihrer Umgebung, denen sie sich Stück für Stück öffnet. Wie Charlies Welt von grau zu bunt wechselt, ist eine erhebende Lektüre, die glücklich macht.

Ein wichtiges Element der Geschichte sind Geheimnisse. Wer weiß was wann von wem und wer behält es dann für sich – oder auch nicht. Ein großer, vielfältiger und in mehrere Richtungen wirkender Vertrauensbruch zwischen Charlie, ihrer ehemals besten Freundin und Pommes, ist so realitätsnah wiedergegeben, dass es dem Leser die Schamesröte ins Gesicht treibt, als Charlie bloßgestellt wird. Die Autorin lässt ihre Hauptfigur realitätsnah vielschichtig sein – niemand ist nur gut oder nur böse – jeder macht Fehler und verletzt andere oder wird verletzt. Aufzuzeigen, wie man danach wieder aufeinander zugehen kann, Worte findet und nicht nur schweigt, ist eine Glanzleistung des Buches.

Zu guter Letzt freut man sich als Leser über den Schluss des Buches: Natürlich ist Charlies Geschichte nicht zu Ende, aber ein Meilenstein ist geschafft, das Graue und Dunkle hat Charlie aus eigener Kraft bunt angemalt. Sie findet einen Weg, mit sich im Reinen zu sein, sie findet eine Aufgabe und den Sinn ihres Lebens, zumindest den, der zu ihrem 16. Lebensjahr passt. Auch Pommes wird noch ein Stück begleitet, er schwimmt sich frei von seinem harten Schicksal und geht seinen eigenen Weg. Dass dieser Weg nicht zu einem geradlinigen Lebenslauf passen muss, ist ebenso eine wichtige Botschaft des Buches: Manchmal sind Umwege nötig, um die Seele zu kurieren und danach gestärkt dem eigenen Lebensziel entgegenzugehen oder es überhaupt zu finden.

Die schönste Figur in diesem Buch ist Charlies Großmutter, die mit wenigen, aber treffsicheren Worten und mit viel Wärme, ehrlicher Zugewandtheit und Liebe für Charlie ein Anker ist. Die immer den ersten Schritt auf ihre Enkelin zugeht, auch, als Charlie nur einsilbig, grau und abweisend ist. Nach der Lektüre des Buches wünscht man sich, ein bisschen wie Charlies Großmutter durchs Leben zu gehen und denen, die man liebt, das Gefühl zu geben, dass sie für einen das Bunteste und Strahlendste der Welt sind, auch wenn sie selbst dies noch nicht sehen können.

Ein wunderbares Buch mit viel Tiefgang, Wärme, Verständnis für die schwachen Momente und Optimismus.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 23.07.2025
  • Seitenanzahl: 336
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-07323-2

Link zum Buch:

https://www.diogenes.ch/leser/titel/julia-engelmann/himmel-ohne-ende-9783257073232.html