Dienstag, 15. Juli 2025

René Freund, Wilde Jagd

René Freund, Wilde Jagd, Zsolnay Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

Der Ich-Erzähler Professor Doktor Quintus Erlach ist sich selbst abhandengekommen. Er steckt tief in einer Midlife-Crisis eines äußerlich sehr erfolgreichen Lebens. Aus einem Kuhdorf in den Alpen stammend, hat er sich als Einziger seiner Generation – oder sogar seines gesamten Dorfes – zu akademischen Weihen aufgeschwungen und Karriere an der Philosophischen Fakultät gemacht. Ein vergeistigter Kopfmensch, der nun plötzlich auf sich zurückgeworfen wird. Daran ist er natürlich selbst schuld, hat er doch seine Frau mit einer jüngeren Kollegin betrogen, woraufhin diese – ebenfalls Professorin – allein auf Forschungsreise ans andere Ende der Welt aufgebrochen ist. Seine Tochter schneidet ihn, hat ihn aber als Hundesitter während ihres Auslandssemesters erkoren. Nun sitzt Quintus in seinem verlassenen, baufälligen Elternhaus in seinem Heimatdorf, dem er die vergangenen Jahre tunlichst den Rücken gekehrt hatte, und tut sich leid. Er schaut viel zu oft viel zu tief ins Glas und jammert über sein Leben. All diesen Hintergrund erfährt man peu à peu, denn der Roman nimmt von Seite 1 an direkt Fahrt auf, als Quintus mit dem Hund seiner Tochter spazieren geht und auf einer Lichtung eine seltsam entrückte Frau kennenlernt, die offensichtlich mit Geistern spricht oder sonst irgendwie irre ist. Evelina tritt mit Macht in sein Leben und zieht Quintus gegen dessen Willen aber doch freiwillig durch starke Neugier getrieben in einen vermeintlichen Kriminalfall hinein. Denn Evelina ist auf der Suche nach ihrer Vorgängerin im Hause des reichen Herrn Zillner, dessen Betreuerin sie ist. Angelika, ihre Vorgängerin, ist spurlos verschwunden und niemand vermisst sie außer Evelina. Quintus hilft bereitwillig, aber völlig lebensfremd und naiv bei den Ermittlungen. Dabei spielt Evelina gekonnt auf einer übersinnlichen Ebene, die Quintus, den akademisch gebildeten Metaphysiker und bekennenden Nicht-Esoteriker, seltsamerweise stark anzieht. Allerlei Dorfbewohner werden verdächtigt und Quintus stellt ihnen in witzigen Situationen absolut ungeschickt und ohne jegliche kriminalistische Begabung nach, was zu den lustigsten Stellen im Buch gehört. Die Charaktere sind plastisch geschildert und Quintus‘ gedankliche Psychogramme der auftretenden Figuren zeigen seinen professoral messerscharfen Verstand, der doch viel Menschenkenntnis birgt. Schlussendlich löst sich der Fall tatsächlich auf, das Schicksal von Angelika wird aufgedeckt und es bleiben keine Fragen offen – Happy End.

Letzteres ist es, was diesen Roman zu einer netten Sommerlektüre macht, den man jedoch nicht zu ernst nehmen sollte. Ein bisschen Dorfidyll, ein bisschen Klatsch und Tratsch, ein bisschen Krimi, ein bisschen intellektuelle Einschübe (wenn Quintus einen kleinen Absatz über irgendeinen Philosophen fabulieren darf), ein bisschen Familiendrama, ein bisschen angedeutete sexuelle Phantasien, ein bisschen Nazi-Zeit und Geschichtsklitterung. Würde man das Buch ernst nehmen, dann würde man sich über diesen selbstgefälligen, versoffenen, weißen, alten Mann ärgern, der seine Frau betrügt, danach herumstümpert, nichts Praktisches auf die Reihe kriegt, vor Selbstmitleid trieft und am Ende aber in purer Harmonie mit seiner zurückgekehrten, um ihn besorgten Ehefrau auf der Veranda Kaffee trinken darf, den braven Hund zu Füßen, die liebende Tochter am Telefon und die Handwerker auf dem Dach, die das baufällige Haus sanieren. Ihm wird natürlich alles verziehen, keiner ist ihm böse, er bekommt keinen Ärger – so ist er halt, der Quintus. Aber er ist doch so ein Netter, wenngleich ein liebenswert naiver Narr.

Das Buch schafft es aber, dass man diese realistische Einschätzung der Hauptfigur als kurzen kritischen Anflug vorbeiziehen lässt und stattdessen mit ihm und Evelina mitfiebert, wenn sie dem nächsten Hinweis nachgehen. Man möchte ihm einen warmen Tee kochen, damit er sich erholen kann, man möchte ihn trösten und in den Arm nehmen. Gut und böse ist in diesem Buch genau eingeteilt, grau existiert nicht, und das ist beruhigend für einen leichten Roman, den man süffig und in einem Rutsch lesen kann und möchte.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 24.07.2023
  • Seitenanzahl: 288
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-552-07367-8

Link zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/rene-freund-wilde-jagd-9783552073678-t-5143