René
Freund, Wilde Jagd, Zsolnay Verlag
Von Dr. Verena Krenberger
Der Ich-Erzähler Professor Doktor Quintus
Erlach ist sich selbst abhandengekommen. Er steckt tief in einer Midlife-Crisis
eines äußerlich sehr erfolgreichen Lebens. Aus einem Kuhdorf in den Alpen
stammend, hat er sich als Einziger seiner Generation – oder sogar seines
gesamten Dorfes – zu akademischen Weihen aufgeschwungen und Karriere an der
Philosophischen Fakultät gemacht. Ein vergeistigter Kopfmensch, der nun
plötzlich auf sich zurückgeworfen wird. Daran ist er natürlich selbst schuld,
hat er doch seine Frau mit einer jüngeren Kollegin betrogen, woraufhin diese –
ebenfalls Professorin – allein auf Forschungsreise ans andere Ende der Welt
aufgebrochen ist. Seine Tochter schneidet ihn, hat ihn aber als Hundesitter
während ihres Auslandssemesters erkoren. Nun sitzt Quintus in seinem
verlassenen, baufälligen Elternhaus in seinem Heimatdorf, dem er die
vergangenen Jahre tunlichst den Rücken gekehrt hatte, und tut sich leid. Er
schaut viel zu oft viel zu tief ins Glas und jammert über sein Leben. All
diesen Hintergrund erfährt man peu à peu, denn der Roman nimmt von Seite 1 an
direkt Fahrt auf, als Quintus mit dem Hund seiner Tochter spazieren geht und
auf einer Lichtung eine seltsam entrückte Frau kennenlernt, die offensichtlich
mit Geistern spricht oder sonst irgendwie irre ist. Evelina tritt mit Macht in
sein Leben und zieht Quintus gegen dessen Willen aber doch freiwillig durch
starke Neugier getrieben in einen vermeintlichen Kriminalfall hinein. Denn
Evelina ist auf der Suche nach ihrer Vorgängerin im Hause des reichen Herrn
Zillner, dessen Betreuerin sie ist. Angelika, ihre Vorgängerin, ist spurlos
verschwunden und niemand vermisst sie außer Evelina. Quintus hilft
bereitwillig, aber völlig lebensfremd und naiv bei den Ermittlungen. Dabei
spielt Evelina gekonnt auf einer übersinnlichen Ebene, die Quintus, den
akademisch gebildeten Metaphysiker und bekennenden Nicht-Esoteriker,
seltsamerweise stark anzieht. Allerlei Dorfbewohner werden verdächtigt und
Quintus stellt ihnen in witzigen Situationen absolut ungeschickt und ohne
jegliche kriminalistische Begabung nach, was zu den lustigsten Stellen im Buch
gehört. Die Charaktere sind plastisch geschildert und Quintus‘ gedankliche
Psychogramme der auftretenden Figuren zeigen seinen professoral messerscharfen
Verstand, der doch viel Menschenkenntnis birgt. Schlussendlich löst sich der
Fall tatsächlich auf, das Schicksal von Angelika wird aufgedeckt und es bleiben
keine Fragen offen – Happy End.
Letzteres ist es, was diesen Roman zu
einer netten Sommerlektüre macht, den man jedoch nicht zu ernst nehmen sollte.
Ein bisschen Dorfidyll, ein bisschen Klatsch und Tratsch, ein bisschen Krimi,
ein bisschen intellektuelle Einschübe (wenn Quintus einen kleinen Absatz über
irgendeinen Philosophen fabulieren darf), ein bisschen Familiendrama, ein
bisschen angedeutete sexuelle Phantasien, ein bisschen Nazi-Zeit und
Geschichtsklitterung. Würde man das Buch ernst nehmen, dann würde man sich über
diesen selbstgefälligen, versoffenen, weißen, alten Mann ärgern, der seine Frau
betrügt, danach herumstümpert, nichts Praktisches auf die Reihe kriegt, vor
Selbstmitleid trieft und am Ende aber in purer Harmonie mit seiner
zurückgekehrten, um ihn besorgten Ehefrau auf der Veranda Kaffee trinken darf,
den braven Hund zu Füßen, die liebende Tochter am Telefon und die Handwerker
auf dem Dach, die das baufällige Haus sanieren. Ihm wird natürlich alles
verziehen, keiner ist ihm böse, er bekommt keinen Ärger – so ist er halt, der
Quintus. Aber er ist doch so ein Netter, wenngleich ein liebenswert naiver
Narr.
Das Buch schafft es aber, dass man diese
realistische Einschätzung der Hauptfigur als kurzen kritischen Anflug
vorbeiziehen lässt und stattdessen mit ihm und Evelina mitfiebert, wenn sie dem
nächsten Hinweis nachgehen. Man möchte ihm einen warmen Tee kochen, damit er
sich erholen kann, man möchte ihn trösten und in den Arm nehmen. Gut und böse
ist in diesem Buch genau eingeteilt, grau existiert nicht, und das ist
beruhigend für einen leichten Roman, den man süffig und in einem Rutsch lesen
kann und möchte.
Verlagsangaben zum Buch:
- Erscheinungstag: 24.07.2023
- Seitenanzahl: 288
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-552-07367-8
Link zum Buch:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/rene-freund-wilde-jagd-9783552073678-t-5143
