Lina Schwenk, Blinde Geister, C.H. Beck Verlag
Von Dr. Verena Krenberger
Bedrückend, ist das Adjektiv, das den
Tenor dieses Buches in einem Wort zusammenfasst. Die Autorin begleitet eine
Familie über vier Generationen hinweg und lässt die in der Psychologie bekannte
generationenübergreifende Spur von Traumata deutlich hervortreten. Dabei zeigt
sie, dass traumatisierte Menschen ungewollt und unbedacht neue Traumata bei
ihren Kindern schüren, die diese ebenso weitergeben. Die letzte Generation
wiederum scheint sich zumindest in der Figur der Tochter Ava von den Schatten
der Vergangenheit freigeschwommen zu haben. Leider bleibt das Buch die Antwort
schuldig, wie Ava dies gelang.
Hauptfigur Olivia, Avas Mutter, wird von
frühester Kindheit bis ins hohe Alter begleitet. Das Buch springt in den Zeiten
hin und her, berichtet mal aus eigener Anschauung der Hauptfigur, mal aus
Rückblenden, und schafft so ein bedrückendes Bild einer Kindheit, die von den
unverarbeiteten Kriegserlebnissen und daraus resultierenden Ängsten und Zwängen
des Vaters Karl geprägt ist. Auch wenn Karl davon besessen ist, sich mit seiner
Familie immer wieder längere Zeit im Keller zu verstecken und im Radio darauf zu
lauschen, ob ein neuer Krieg droht, wird er von Olivia als schweigsam und
abwesend, aber liebevoll wahrgenommen. Ihrer Mutter Rita dagegen nimmt sie es
übel, dass sie die Tochter auf Abstand hält und wenig Liebevolles an sich hat.
Die Ängste des Vaters stehen sowohl in dieser Familie als auch in der Erzählung
im Mittelpunkt. Dabei wird angedeutet, dass auch Rita Schreckliches erlebt hat,
was sich mit zunehmender Altersdemenz der Großmutter nicht mehr verbergen
lässt, wenn diese vor Angst vor den Russen schlotternd zusammenbricht. Olivia
durchlebt eine harte Nachkriegs-Schulzeit mit militärischem Drill und findet
danach keinen Weg in ein eigenständiges Leben. Rita möchte sie von den Zwängen
des Vaters fernhalten, Olivia empfindet es aber so, als würde sie aus dem Nest
gestoßen. Sie ist nahezu lebensunfähig, wird zweimal in die Psychiatrie
eingewiesen und danach von Rita einfach wieder in ihrer leeren und kalten
Wohnung alleine gelassen. Liebevoll und besorgt ist das nicht, erklärt oder
erklärbar ebenso wenig. Als erwachsene Frau schafft es Olivia, sich ein Leben
aufzubauen, findet in Paul einen ebenso an seiner Kindheit schwer tragenden und
damit im Geiste verbundenen Ehemann und einen Beruf als Krankenschwester, mit
dem sie sich ein bescheidenes Leben aufbaut. Die Kindheit ihrer Tochter Ava
wiederum wird im Buch ausgeblendet, man erfährt von der Schwangerschaft, dann
gibt es einen Zeitsprung und Ava ist ausgezogen. In einigen Rückblenden erfährt
der Leser ein wenig über das Verhältnis zwischen Ava und ihrer Großmutter Rita,
aber wie es die traumatisierte Olivia schaffte, ein Kind großzuziehen, dem es
gelingt, keine sichtbaren weiteren Traumata zu erleiden, bleibt unbeleuchtet.
Das ist schade, wäre es doch heilsam zu lesen, dass dieser Teufelskreis
offensichtlich durchbrochen werden kann. Doch stattdessen blendet das Buch bei
der sechzigjährigen Olivia wieder ein, die schwer am Tod ihrer Eltern und ihres
Mannes trägt und weiterhin mehr in der Vergangenheit lebt, als in der
Gegenwart. Der Verlust bringt sie ihrer Schwester Martha näher, mit der sie
zeitlebens ein eher schwieriges und distanziertes Verhältnis hatte. Martha,
Olivia und Ava finden am Ende zueinander und beieinander Halt.
Die Stimmung des Buches gibt den Wahnsinn,
die Einsamkeit, die Verlorenheit und die Gefangenheit der Charaktere gekonnt
wieder. Man wünscht allen Beteiligten ein wenig Wärme, Geborgenheit, Licht und
Liebe, doch keiner ist in der Lage, dies dem jeweils anderen zu geben. Die
Autorin erliegt nicht dem Wunsch, in voyeuristischer Manier die Gräuel der
Kriegserlebnisse zu berichten – die Andeutung des Schreckens und der körperlich
greifbaren Angst, auch nur daran zu denken, reicht völlig aus, um dem Leser die
Tragweite klar werden zu lassen. Wie es Rita schafft, für ihren Mann ein Umfeld
zu schaffen, dass er mit seinen Ängsten weiterleben konnte und nebenbei noch
zwei Töchter großzog, obwohl sie – wie man aus dem Schaudern der Großmutter
ableiten kann – selbst einige Traumata mit sich herumtrug, bleibt leider nur
festzustellen und wird nicht weiter analysiert. Auch wenn sie kalt und
unbarmherzig ihrer Tochter Olivia gegenüber auftritt, ist sie doch als starke
Frau nicht zusammengebrochen, sondern hat ein Leben geführt und ihren Mann
gestützt. Ebenso ist es Olivia gelungen, für Ava eine Mutter zu sein, der es
zumindest gelang, Ava zu einer selbständigen Persönlichkeit heranwachsen zu
lassen. Und obwohl Olivia in ihrem Leben wenig fand, was Grund zu Stolz oder
Freude bot, wäre dies zumindest eine beachtenswerte Leistung.
Allen Figuren im Roman ist gemeinsam, dass
sie nicht die richtigen Worte finden, schweigsam sind, nicht nachfragen, nicht
miteinander reden. Das Grundübel liegt in dieser Sprachlosigkeit, die alle als
Solitäre auf sich zurückgeworfen sein lässt. Ein Gemeinsamkeitsgefühl kommt
höchstens in kleinen Gesten oder Erlebnissen auf. Daher regt der Roman zum
Nachdenken über die eigene Eltern- oder Großelterngeneration an und zum Wunsch,
den Zeitpunkt für die richtigen Fragen und Worte nicht zu verpassen.
Verlagsangaben zum Buch:
- Erscheinungstag: 21.08.2025
- Seitenanzahl: 191
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-406-83704-3
Link zum Buch:
https://www.chbeck.de/schwenk-spielen-blinde-geister/product/38775170
