Donnerstag, 21. August 2025

Lina Schwenk, Blinde Geister

Lina Schwenk, Blinde Geister, C.H. Beck Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

Bedrückend, ist das Adjektiv, das den Tenor dieses Buches in einem Wort zusammenfasst. Die Autorin begleitet eine Familie über vier Generationen hinweg und lässt die in der Psychologie bekannte generationenübergreifende Spur von Traumata deutlich hervortreten. Dabei zeigt sie, dass traumatisierte Menschen ungewollt und unbedacht neue Traumata bei ihren Kindern schüren, die diese ebenso weitergeben. Die letzte Generation wiederum scheint sich zumindest in der Figur der Tochter Ava von den Schatten der Vergangenheit freigeschwommen zu haben. Leider bleibt das Buch die Antwort schuldig, wie Ava dies gelang.

Hauptfigur Olivia, Avas Mutter, wird von frühester Kindheit bis ins hohe Alter begleitet. Das Buch springt in den Zeiten hin und her, berichtet mal aus eigener Anschauung der Hauptfigur, mal aus Rückblenden, und schafft so ein bedrückendes Bild einer Kindheit, die von den unverarbeiteten Kriegserlebnissen und daraus resultierenden Ängsten und Zwängen des Vaters Karl geprägt ist. Auch wenn Karl davon besessen ist, sich mit seiner Familie immer wieder längere Zeit im Keller zu verstecken und im Radio darauf zu lauschen, ob ein neuer Krieg droht, wird er von Olivia als schweigsam und abwesend, aber liebevoll wahrgenommen. Ihrer Mutter Rita dagegen nimmt sie es übel, dass sie die Tochter auf Abstand hält und wenig Liebevolles an sich hat. Die Ängste des Vaters stehen sowohl in dieser Familie als auch in der Erzählung im Mittelpunkt. Dabei wird angedeutet, dass auch Rita Schreckliches erlebt hat, was sich mit zunehmender Altersdemenz der Großmutter nicht mehr verbergen lässt, wenn diese vor Angst vor den Russen schlotternd zusammenbricht. Olivia durchlebt eine harte Nachkriegs-Schulzeit mit militärischem Drill und findet danach keinen Weg in ein eigenständiges Leben. Rita möchte sie von den Zwängen des Vaters fernhalten, Olivia empfindet es aber so, als würde sie aus dem Nest gestoßen. Sie ist nahezu lebensunfähig, wird zweimal in die Psychiatrie eingewiesen und danach von Rita einfach wieder in ihrer leeren und kalten Wohnung alleine gelassen. Liebevoll und besorgt ist das nicht, erklärt oder erklärbar ebenso wenig. Als erwachsene Frau schafft es Olivia, sich ein Leben aufzubauen, findet in Paul einen ebenso an seiner Kindheit schwer tragenden und damit im Geiste verbundenen Ehemann und einen Beruf als Krankenschwester, mit dem sie sich ein bescheidenes Leben aufbaut. Die Kindheit ihrer Tochter Ava wiederum wird im Buch ausgeblendet, man erfährt von der Schwangerschaft, dann gibt es einen Zeitsprung und Ava ist ausgezogen. In einigen Rückblenden erfährt der Leser ein wenig über das Verhältnis zwischen Ava und ihrer Großmutter Rita, aber wie es die traumatisierte Olivia schaffte, ein Kind großzuziehen, dem es gelingt, keine sichtbaren weiteren Traumata zu erleiden, bleibt unbeleuchtet. Das ist schade, wäre es doch heilsam zu lesen, dass dieser Teufelskreis offensichtlich durchbrochen werden kann. Doch stattdessen blendet das Buch bei der sechzigjährigen Olivia wieder ein, die schwer am Tod ihrer Eltern und ihres Mannes trägt und weiterhin mehr in der Vergangenheit lebt, als in der Gegenwart. Der Verlust bringt sie ihrer Schwester Martha näher, mit der sie zeitlebens ein eher schwieriges und distanziertes Verhältnis hatte. Martha, Olivia und Ava finden am Ende zueinander und beieinander Halt.

Die Stimmung des Buches gibt den Wahnsinn, die Einsamkeit, die Verlorenheit und die Gefangenheit der Charaktere gekonnt wieder. Man wünscht allen Beteiligten ein wenig Wärme, Geborgenheit, Licht und Liebe, doch keiner ist in der Lage, dies dem jeweils anderen zu geben. Die Autorin erliegt nicht dem Wunsch, in voyeuristischer Manier die Gräuel der Kriegserlebnisse zu berichten – die Andeutung des Schreckens und der körperlich greifbaren Angst, auch nur daran zu denken, reicht völlig aus, um dem Leser die Tragweite klar werden zu lassen. Wie es Rita schafft, für ihren Mann ein Umfeld zu schaffen, dass er mit seinen Ängsten weiterleben konnte und nebenbei noch zwei Töchter großzog, obwohl sie – wie man aus dem Schaudern der Großmutter ableiten kann – selbst einige Traumata mit sich herumtrug, bleibt leider nur festzustellen und wird nicht weiter analysiert. Auch wenn sie kalt und unbarmherzig ihrer Tochter Olivia gegenüber auftritt, ist sie doch als starke Frau nicht zusammengebrochen, sondern hat ein Leben geführt und ihren Mann gestützt. Ebenso ist es Olivia gelungen, für Ava eine Mutter zu sein, der es zumindest gelang, Ava zu einer selbständigen Persönlichkeit heranwachsen zu lassen. Und obwohl Olivia in ihrem Leben wenig fand, was Grund zu Stolz oder Freude bot, wäre dies zumindest eine beachtenswerte Leistung.

Allen Figuren im Roman ist gemeinsam, dass sie nicht die richtigen Worte finden, schweigsam sind, nicht nachfragen, nicht miteinander reden. Das Grundübel liegt in dieser Sprachlosigkeit, die alle als Solitäre auf sich zurückgeworfen sein lässt. Ein Gemeinsamkeitsgefühl kommt höchstens in kleinen Gesten oder Erlebnissen auf. Daher regt der Roman zum Nachdenken über die eigene Eltern- oder Großelterngeneration an und zum Wunsch, den Zeitpunkt für die richtigen Fragen und Worte nicht zu verpassen.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 21.08.2025
  • Seitenanzahl: 191
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-406-83704-3

Link zum Buch:

https://www.chbeck.de/schwenk-spielen-blinde-geister/product/38775170