Dienstag, 29. Juli 2025

Flix, Immerland – Die Stadt der Ewigkeit

Flix, Immerland – Die Stadt der Ewigkeit, Hanser Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

Sehr verträumt, sehr spielerisch und sehr bildgewaltig kommt dieses Erstlingswerk von Flix daher. Die Gestaltung des Einbands ist wunderschön und spielt mit kleinen Elementen gekonnt auf die Inhalte der Geschichte an. Detailreich wie der Einband ist auch die vom Autor erdachte Welt. Die kleinen schwarz-weißen Zeichnungen in den Kapiteln präsentieren immer genau das Detail, das dem Leser die Geschichte näherbringt. Doch wunderschön und verspielt ist an dieser Geschichte alles nur vordergründig.

Den Prolog versteht man in seiner Tragweite und Schrecklichkeit erst nachdem man die ganze Geschichte gelesen hat. Doch schon der erste Satz des ersten Kapitels schlägt ein wie eine Bombe: „Als Mika aus dem Zug stieg, ahnte er nicht, dass er heute sterben würde.“ Danach geht es erstmal gemächlich los, wenn der 12 5/6 Jahre alte Teenager Mika vorgestellt wird, der gar keine Lust darauf hat, seine Sommerferien bei seiner Oma zu verbringen. Seine Mutter ist auf mysteriöse Weise verschwunden, sein Vater auf Dienstreise, so muss er aufs Land zu seiner verrückten Oma, die offensichtlich früher Physikerin war, mittlerweile aber eher verschroben ist. Mika ist eher der Typ Antiheld, wird in der Schule gemobbt und hat auch ansonsten wenig hervorstechende Eigenschaften. Er zockt gerne – wie jeder Teenager. Da findet er auf dem Dachboden den Umschlag eines Briefes seiner Mutter und ist außer sich: Es kann nicht anders sein, als dass seine Oma ihm diesen Brief vorenthalten hat! Als dann seine Oma plötzlich eine Art Herzanfall oder ähnliches hat, fällt seine Welt mit einem Mal in sich zusammen. Er zerrt seine bewusstlose Oma in deren alten Geländewagen und fährt mit ihr nachts durch das Gewitter, um sie zu einem Arzt zu bringen. Doch er kommt von der Straße ab und wird über die Klippe geschleudert. Um hier kurz einzuhaken: Schon dies alles ist harter Tobak für die anvisierte Zielgruppe von 10-14-jährigen Lesern. Ein Junge mit offensichtlich traurigem Schicksal muss seine sterbende Oma retten und begibt sich auf ein haarsträubendes Manöver, bei dem er schrecklich scheitert. Keine erquickliche Lektüre.

Dann jedoch wird Mika mit seiner Oma auf wundersame Weise gerettet, indem er von einem Ballon in Form eines Wals abgeholt und zur Stadt gebracht wird. In dieser Stadt ist nichts, wie es sein soll. Zum Beispiel schwimmen die Fische oben am Himmel. Mika begibt sich nun in diese Stadt auf die Suche nach einem Arzt für seine Oma, was ihm schlussendlich auch gelingt. Als sie gut versorgt wird, findet er nach und nach Anschluss. So lernt er den Doktor kennen, den Strippenzieher hinter den Kulissen dieser merkwürdigen Stadt. Er wird aufgenommen in ein Team Gleichaltriger, er bekommt Aufmerksamkeit, Wertschätzung, gewinnt Freunde und Bewunderer und möchte diese Stadt auf gar keinen Fall mehr verlassen. Dies ist der schönste Teil des Buches, denn diese verrückte Wunderwelt ist genau die richtige für die Fähigkeiten von Mika. Man kann das Buch kaum aus der Hand legen, wenn der Autor eine Fantasterei nach der anderen zündet. Der Detailreichtum dieser erdachten Stadt ist unübertroffen in der Jugendliteratur.

Allerdings wendet sich das Blatt für Mika, als seine Oma wieder bei Kräften ist und ihm vermittelt, dass alles nur vorgespiegelt ist, dass der Doktor diese Welt nur vorgaukelt und in Wahrheit ein schauriger Despot ist. Mika fällt beim Doktor in Ungnade und soll die Höchststrafe erleiden: Er soll in eine Qualle verwandelt werden. Nur durch den waghalsigen Einsatz seiner Freunde kann er sich retten und begibt sich mit seiner Oma auf die Flucht. Dort erlebt er die schrecklichsten Abenteuer und freundliche Wesen werden auf grausamste Weise von den Schergen des Doktors getötet. Diese Grausamkeit in einem Jugendbuch ist schwer zu ertragen. Wenn detailliert dargestellt wird, wie harmlosen Helfern aus Mordlust Augen ausgestochen werden, gruselige Hühnerbeine Mikas Oma in ein Schlammloch zerren oder Mika in eine Maschine gesteckt wird, die ihn in eine Qualle verwandelt, ist eine Grenze überschritten. Dieses Buch verursacht Albträume. Zumal Mika mehrmals in dem Buch vor der Situation steht, entscheiden zu müssen, ob er sein Leben retten und dafür das Opfer seiner Freunde oder Oma annehmen will. Eine Entscheidung, die man zu treffen niemandem wünscht und die abgrundtief traurig ist.

Diese Grausamkeit in einigen Szenen wäre überhaupt nicht nötig gewesen und schadet dem Buch: Jungen Lesern die existentiellen Fragen näher zu bringen, nach dem Sterben, dem Tod, dem „Was kommt danach“, was ist wichtig im Leben und wie stellt man sich seine Zukunft vor, das ist ein wertvolles Ansinnen und in der Grundkonstruktion des Buches sehr spannend angelegt. Die Dialoge sind großartig und treffen den Nerv vieler Jugendlicher. Als Beispiel: „Kunst kommt nicht vom Können. Sondern vom Trotzdem. Dass man es trotzdem macht. Trotz all der Selbstzweifel, der mangelnden Übung, der befürchteten Ideenlosigkeit, dem vermeintlichen Unvermögen. Trotz allem setzt man sich hin und macht was. Das ist Kunst.“ (S.125) oder: „Was dir noch fehlt, ist Vertrauen. Vertrauen in dich. Vertrauen in deine eigene Stärke. Denn es hilft nichts, wenn es nur andere sehen. Du musst es selbst sehen.“ (S.185) Das möchte man jedem unsicheren Teenager zurufen. Doch durch die grausamen Szenen wird der Nachhall dieser Gedanken überdeckt.

Natürlich geht das Buch gut aus, in einem letzten Kampf gegen den Doktor gewinnt Mika und wacht schlussendlich in seinem alten, normalen Leben wieder auf. Auch seine Oma rettet sich irgendwie – wie, wird nicht erklärt. Der Cliffhanger im Epilog lässt einen zweiten Band erwarten, den aber nur Hartgesottene lesen sollten. Für alle anderen reicht der fantasiereiche, spannende und wunderbare Mittelteil nicht aus, um über die grausigen Elemente hinwegzuhelfen.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 22.07.2025
  • Seitenanzahl: 352
  • Altersempfehlung: Ab 12 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-28332-9

Link zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/flix-immerland-die-stadt-der-ewigkeit-9783446283329-t-5661