Alan Gratz, Amy und die geheime Bibliothek, Hanser Verlag
Von Dr. Verena Krenberger
Dies ist ein
Buch über ein mutiges Mädchen. Etliche Details dieser Geschichte sind wunderbar
als Vorbilder für zurückhaltende, eher introvertierte Mädchen geeignet.
Ethische Werte wie Zivilcourage, für seine Werte einstehen, Freundschaft und
Loyalität werden in einer ansprechend erzählten Geschichte für Grundschüler
verständlich vermittelt. Zwar ist das Grundproblem ein typisch amerikanisches
und schwerlich auf das deutsche System zu übersetzen, da es in deutschen
Grundschulen keine Bibliothekskommissionen mit Geschworenen gibt, die einer
Bibliothekarin die Bücher aus den Regalen verbannt oder gleich nach dem hire
and fire-Prinzip die Bibliothekarin austauscht; und generell ist das
patriarchalische „Kind, halte den Mund, wenn Erwachsene reden“ in Amerika
weiter verbreitet als in Deutschland. Doch die hinter dem Plot stehenden
Schwierigkeiten, denen sich Amy ausgesetzt sieht – Schüchternheit, vor
Erwachsenen reden, für ihre Sache kämpfen – international und ein wichtiges
Lernziel für alle Kinder auf dem Weg zum Jugendlichen.
Die Geschichte handelt
von Amy, die zuhause als älteste Schwester von einem zwar liebevollen, aber
recht chaotischen Umfeld umgeben ist und die Rolle der vernünftigen und klaglos
die Launen der anderen erduldenden großen Schwester zugewiesen bekommt, über
der sie nur innerlich leidet, da sie mit ihren Eltern nicht offen kommunizieren
kann. In der Schule ist sie strebsam, liest gerne in der Bibliothek und liebt
die Bibliothekarin. Als jedoch ihr Lieblingsbuch verbannt wird, weil es als
jugendschädlich eingestuft wurde, wird ihr Kampfesgeist geweckt und gemeinsam
mit zwei Freunden gründet sie die GSB – die geheime Schließfachbibliothek. Sie
handelt sich schlussendlich natürlich Ärger mit der Direktorin ein, kann aber
durch gewitztes Handeln und die Hilfe ihrer Freunde und der Bibliothekarin am
Ende der Kommission die Widersprüchlichkeit der Bücherverbannungen vor Augen
führen und siegt somit auf ganzer Linie. Dabei sind es sowohl die spannenden
Krimi-Anteile der Geschichte (z.B. als die drei Freunde die zu verbannenden
Bücher aus der Bibliothek klauen, um sie in die GSB zu stellen), als auch die
sehr einfühlsam dargestellten inneren Konflikte von Amy, die das Buch
lesenswert machen. Amy hadert mit ihrem Unrechtsempfinden gegenüber der
Verbannung der Bücher einerseits und ihrem Wunsch den Erwachsenen alles Recht
zu machen andererseits. Die Szene, in der sie sich traut vor der Kommission zu
sprechen und ihre Beweise vorzuführen, zählt zu den stärksten des Buches und
erweckt beim Leser Gänsehaut. Dass Amy am Ende noch einsieht, dass auch sei
selbst vorschnell geurteilt hat, als sie einen Schulkameraden als Feind ihrer
Sache abgestempelt hat, ist eine wohltuende Pointe, nach der Amy weniger
glorifiziert dasteht und mehr wie ein echtes Grundschulmädchen wirkt, das
allerdings um eine entscheidende Erkenntnis reicher ist.
Der Grundtenor
des Buches vermittelt die angenehme Lebensweisheit, dass zum einen gut gemeint
nicht immer gut gemacht ist, dennoch aber hinter jeder tat eine gute Absicht
stecken mag und dass zum anderen ein Vorurteil oft ein Fehlurteil ist, wird für
Grundschüler anschaulich und freundlich präsentiert. Dafür erhält das Buch eine
uneingeschränkte Leseempfehlung.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 18.2.2019
- Seitenanzahl: 248
- Altersempfehlung: Ab 9 Jahre
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-26211-9
Link zum Buch:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/amy-und-die-geheime-bibliothek/978-3-446-26211-9/
